16.07.2014 15:12

Die Sonntagslesung: Gott will unsere Freiheit

Zu den Lesungen des sechzehnten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) Von Harm Klueting
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Weish 12, 13.16–19; Röm 8, 26–27; Mt 13,24–43

„Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ – das ist der Kernsatz des Unkrautgleichnisses. Die Knechte des Gutsherrn haben guten Samen ausgesät. Aber zwischen den Ähren des Getreides wächst auch Unkraut. Die Knechte wollen das Unkraut ausreißen. Aber der Herr sagt: „Nein! Sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“ Das Unkrautgleichnis steht im Matthäusevangelium neben sechs anderen Gleichnissen, mit denen Jesus auf die Frage nach dem Himmelreich antwortet. Wir finden diese Gleichnisrede auch im Markus- (Mk 4, 1–34) und im Lukasevangelium (Lk 8, 4–18). Aber bei Markus stehen hier nur vier Gleichnisse: die Gleichnisse vom Sämann, vom Licht, das man nicht unter ein Gefäß stellt, von der selbstwachsenden Saat und vom Senfkorn. Lukas hat nur zwei, die Gleichnisse vom Sämann und vom Licht.

Matthäus aber überliefert hier sieben Gleichnisse. Am Anfang steht das Gleichnis vom Sämann, auf das Jesu Auslegung dieses Gleichnisses und seine Worte an die Jünger folgen, mit denen er sagt, warum er in Gleichnissen spricht: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen. Ihnen aber“ – der Menge derer, die ihm zuhören – „ist es nicht gegeben. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen“ (Mt 13, 11.13). Auf das Gleichnis vom Sämann folgen – jeweils mit der Einleitung: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit ...“ – das Unkrautgleichnis und die Gleichnisse vom Senfkorn, vom Sauerteig, vom Schatz im Acker, von der kostbaren Perle und vom Fischnetz, in dem Fische von vielerlei Sorte gefangen werden. Davon enthält der Evangelientext für den 16. Sonntag im Jahreskreis nur das Unkrautgleichnis und die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig. Wir bleiben beim Unkrautgleichnis.

Den Sinn des Unkrautgleichnisses erläutert Jesus den Jüngern: „Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn“ – also er selbst, denn als „Menschensohn“ bezeichnet sich Jesus selbst –; „der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches“ – die Menschen, die zum Reich Gottes gehören –; „das Unkraut sind die Söhne des Bösen“ – die Menschen, die zum Reich des Bösen zählen –; „der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein. Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt.“ Besser als Jesus selbst es tut, kann man das Unkrautgleichnis gar nicht auslegen.

Das Unkrautgleichnis wurde seit dem dritten Jahrhundert zur biblischen Begründung der Duldsamkeit gegenüber Ketzern herangezogen. Das gilt besonders für den heiligen Hieronymus, der das Herausreißen des Unkrauts aus dem Weizen als „amputatio Haereticorum ab Ecclesia“, als Abschneidung der Häretiker von der Kirche, verstand und davor warnte, sich vor der Zeit ein Urteil zu bilden. Es sei möglich, dass ein heute von einer Irrlehre Verführter sich morgen besinne und die Wahrheit verteidige. Die letzte Entscheidung liege bei Gott am Tag des Jüngsten Gerichts. Auch Augustinus zog das Unkrautgleichnis heran. Als Unkraut, das Gott am Tag der Ernte selbst aussondern werde, sollten Ketzer um des Friedens willen geduldet werden. So verstand er „tolerantia“ vom Liebesgebot her, das zur Friedenswahrung gegenüber Häretikern und Schismatikern verpflichte, auch wenn er später, im Verlauf seiner Auseinandersetzung mit den Donatisten – den nach Donatus von Karthago benannten Puristen, die die unter den Christenverfolgungen zeitweise abgefallenen Christen ausschließen wollten und die von zeitweise abgefallenen Priestern gespendeten Sakramente für ungültig erklärten – vom Grundsatz gewaltfreier Bekehrung abwich.

Auch Thomas von Aquin setzte sich mit dem Unkrautgleichnis auseinander, kam aber zu einem teilweise anderen Ergebnis als Hieronymus und ließ Duldung nur gegenüber Ungläubigen, die nie den Glauben angenommen hatten, und gegenüber Juden gelten, während er bei abtrünnigen Christen keine Duldung kannte. Hieronymus und all die anderen, die mit dem Unkrautgleichnis die Duldung Andersgläubiger begründeten, ließen keinen Zweifel, dass der wahre Glaube der Glaube der Kirche in ihrer katholischen Gestalt ist – also der gute Samen, aus dem Weizen hervorgeht. In dieser Gewissheit konnten sie sagen: „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte“ – den guten Weizen und das Unkraut. Erst die Ernte wird die Scheidung zwischen gutem Weizen und Unkraut bringen – zwischen dem wahren und dem falschen Glauben, zwischen den Menschen des Reiches Gottes und den Menschen des Reiches des Bösen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat 1965 die Erklärung „Dignitatis humanae. Über die Religionsfreiheit“ verabschiedet. Auch darin spielt das Unkrautgleichnis eine Rolle. Manche Kritiker des Konzils verurteilen diese bedeutende und von Papst Benedikt XVI. mehrfach hervorgehobene und gewürdigte Konzilserklärung und behaupten, alle Religionen würden hier gleichgemacht, und Jesus Christus werde mit Buddha oder Mohammed auf eine Stufe gestellt. Doch stellt die Erklärung über die Religionsfreiheit eindeutig fest, dass die „einzige wahre Religion in der katholischen, apostolischen Kirche“ verwirklicht ist. Hier gibt es keinen Kompromiss. Das Zweite Vatikanische Konzil versteht Religionsfreiheit als Freiheit von Zwang, und zwar vor allem als Freiheit von Zwang von Seiten des Staates. Religionsfreiheit besteht demnach darin, dass „in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, nach seinem Gewissen zu handeln“. Das ist alles! Und das ist ganz viel! Das ist vor allem das, was die Bibel will! Gott will unsere Freiheit. Wenn die Erklärung über die Religionsfreiheit Freiheit als „Freisein von Zwang in religiösen Dingen“ versteht, so ist das dieselbe Freiheit, die Gott dem von ihm als sein Abbild geschaffenen Menschen (Gen 1, 27) gewährt. Diese Freiheit schließt die Freiheit zu gottwidrigem Handeln ein, also die Freiheit zur Sünde. Gott lässt dem ersten Menschenpaar im Paradies die Freiheit, die verbotene Frucht zu essen. Er hat es ihnen verboten, aber er hindert sie nicht daran. Und im Matthäusevangelium rät Jesus dem reichen Mann, sein Geld den Armen zu geben und ihm nachzufolgen. „Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen“ (Mt 19, 22). Jesus übt keinen Zwang aus; er lässt ihn in Freiheit gewähren und weggehen. Gott will uns Menschen als Freie. Wir haben die Freiheit zu gottwidrigem Handeln. Jesus zwingt uns nicht in seine Nachfolge.

In seiner Ansprache beim Weihnachtsempfang des Kardinalskollegiums und der Römischen Kurie sprach Benedikt XVI. 2005 davon, das Konzil habe mit dem Dekret über die Religionsfreiheit „ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen“, und die Kirche befinde sich damit „in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu“. Zu diesem tief verankerten Erbe der Kirche und der Lehre Jesu gehört das Unkrautgleichnis, auch wenn in den Jahrhunderten der Kirchengeschichte manche Irrwege gegangen wurden, die – so die Erklärung über die Religionsfreiheit von 1965 – „dem Geist des Evangeliums wenig entsprechend, ja sogar entgegengesetzt“ waren.

„Die Ernte ist das Ende der Welt“ – die eschatologische Perspektive des Unkrautgleichnisses verbindet den Evangelientext mit dem Abschnitt aus dem Römerbrief. Vordergründig geht es darin mit dem „Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen“ um das rechte Gebet, vergleichbar mit den Anweisungen Jesu zum richtigen Beten in der Bergpredigt. Tatsächlich aber geht es um den Geist, der „sich unserer Schwachheit annimmt“, um den Geist, der „für uns eintritt“. Doch ist das nicht der Beistand – der Paraklet – des Johannesevangeliums (Joh 14, 16f. 26, 15, 26, 16, 7.13). Vom „Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“, ist die Rede, das an die Stelle eines Betens in Worten tritt. Es geht um Glossolalie – Zungenreden –, die ja auch sonst bei Paulus ebenso eine Rolle spielt (1 Kor 14) wie die Audition „unsagbarer Worte“ (2 Kor 12, 4). Doch erinnert das Seufzen auch an das „Seufzen der Schöpfung“ unmittelbar vor dem Lesungstext: „Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt“ (Röm 8, 22). Im griechischen Neuen Testament steht hier dasselbe Wort: „stenagmos“, „das Seufzen“, beziehungsweise „sy-stenazo“, „mit-seufzen“. Das Seufzen der Schöpfung ist ein Seufzen auf die eschatologische Befreiung hin: „Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 19.21). Das Offenbarwerden der Söhne Gottes ist die Zeit der Ernte, die die Scheidung zwischen Weizen und Unkraut bringen wird durch den Gott, der gerecht urteilt, wovon das Buch der Weisheit spricht.



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