16.04.2014 15:02

Die Sonntagslesung: Mit Christus auferweckt werden

Zu den Lesungen des

Ostersonntags 2014

(Lesejahr A) von Klaus Berger

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Apg 10, 34a.37–43; Kol 3, 1–4; Joh 20, 1–9

Alle alten Messformulare beziehungsweise Anaphoragebete der Christenheit beginnen den eucharistischen Teil mit der feierlichen Einleitung zum „Heilig, heilig, heilig“, und schildern dabei die Gemeinschaft zwischen den Christen auf Erden und den Mächten des Himmels, nämlich den Cherubim und Seraphim, den Mächten und Gewalten, den Thronen und Herrschaften, den Anführern und Heeren im Himmel. Wenn wir das „Heilig, heilig, heilig“ singen, besteht eine Feier-Gemeinschaft zwischen den Christen und den Mächten des Himmels. Wie aber kommen wir Menschen in diese hochkarätige Gemeinschaft? Wer oder was gibt uns die Erlaubnis, das heiligste Lied der Welt einfach mitzusingen?

Der deutsche Theologe Rudolf Otto berichtet in seinem Buch „Das Heilige“, dass er einst in eine ärmliche Synagoge in Marokko geraten und dort das „Heilig, heilig, heilig“ (auf Hebräisch) habe hören können. Wie ein sprichwörtliches Aha-Erlebnis habe ihn die Einsicht durchzuckt und nicht mehr losgelassen, dass dieses Lied das erhabenste der Welt sei, immer gut wiederzuerkennen, sei es Latein, Griechisch, Hebräisch oder Kirchenslawisch. Und Vertonungen wie die von Franz Schubert hätten ihn in dieser Ahnung nur bestätigen können.

Aber wie kommen wir zu dieser Festversammlung dazu? Es ist wie wenn wir in den Thronsaal des Königs der Welt zugelassen würden. Es ist nicht nur „wie wenn“, sondern es ist wirklich so. In jeder Messe stehen wir in dieser Gemeinschaft der Himmlischen, hineingelangt aber sind wir in den Himmel durch ihn, Christus, den Auferstandenen. Und ein gemeinsames Lied, das gemeinsame Lied der Lieder ist die Eintrittskarte in den Himmel. In jeder (Mess-) Liturgie stehen wir so vor Gottes Thron.

Das ist möglich geworden, weil der Auferstandene uns vorangegangen ist, weil wir durch Taufe und Eucharistie eingetaucht und eingebunden sind in Jesus Christus persönlich und in die Wirklichkeit seines auferstandenen, verklärten Leibes. Das ist das Alleinstellungsmerkmal des Christentums gegenüber allen anderen Religionen, auch gegenüber dem Judentum: die unüberbietbare, persönliche und leibhaftige Nähe jedes einzelnen Christen zum erlösenden und rettenden Gott.

Diese Nähe ist letztlich immer nur die Entfaltung des ersten Satzes der Botschaft Jesu nach Markus 1, 15: „Das Himmelreich ist euch nahe gekommen“ oder: Gott, der König, ist euch so nahe gekommen wie keinem Menschen je zuvor. Diese Nähe Gottes nennt man Menschwerdung – aber für jeden einzelnen Christen wird sie Wirklichkeit in der Taufe. Denn sie begründet nicht nur die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten als Abschied von allem, was alt und sterblich ist, sondern über diese Sterbe-Liaison hinaus die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen. Denn der Taufritus der Urchristenheit stellt durch das Hinabsteigen in den Taufquell und das Untertauchen den Tod Jesu sakramental dar. Und das Hinaufsteigen aus der Taufquelle bedeutet, mit Jesus, dem nach seinem Tod Auferstandenen, Gemeinschaft zu haben. Weil beides, Hinabsteigen und wieder Hinaufsteigen „im Namen Jesu Christi“ vollzogen wird, sind diejenigen, die dieses im Sakrament „nachspielen“, dann sein Eigentum geworden, denn sein Name ist über ihnen ausgerufen. Diesem Namen sind die Christen jetzt unterstellt, es ist der Name des Gottessohnes, in dem wir selig werden können. Wir können so verstehen, warum in jeder Osternacht das Taufwasser geweiht wird, und nach Möglichkeit sollen auch bis heute in der Osternacht Menschen durch die Taufe zu Christen werden. Der „Weiße Sonntag“ erinnert an die weiße Farbe der Taufkleider der Neugetauften – nicht nur der Säuglinge.

Die Nähe Gottes, des Königs, wird so durch die sakramental dargestellte und vollzogene Schicksalsgemeinschaft mit Jesus Christus die neue, bestimmende Wirklichkeit für jeden Christen. Dadurch sind wir mit dem Auferstandenen im Himmel. Im „Heilig, heilig, heilig“ äußert sich dieses anschaulich und verbindlich.

Die Lesung aus dem Kolosserbrief (3,1ff) formuliert dieses so: „Wenn ihr nun mit Christus auferweckt worden seid, dann lebt und strebt auch nach dem, was Gott im Himmel will. Dort sitzt Christus zu seiner Rechten. Denkt himmlisch, nicht irdisch. Denn für das Irdische seid ihr tot. Euer neues Leben kann man weder sehen noch begreifen, doch ihr lebt mit Christus in der Gemeinschaft Gottes.“

Das zugehörige Taufverständnis wurde in 2, 13 formuliert: „Ihr wart ja tot wegen eurer Missetaten… aber Gott hat euch zusammen mit Jesus lebendig gemacht und euch alle Missetaten vergeben.“ Paulus sagt daher: Das, was ihr schon seid, sollt ihr einholen durch Euer Trachten, Denken und Handeln. Damit folgt er (ohne darum zu wissen) dem späteren scholastischen Grundsatz „agere sequitur esse“, das Handeln folgt dem Sein. Das bedeutet eine große Erleichterung gegenüber aller idealistischen Ethik: Nach der idealistischen Ethik sieht sich der Handelnde einem weit entfernten Ziel gegenüber, das er wohl kaum je erreichen kann. Durch sein Handeln soll er etwas Besseres und Neues, etwa ein besserer Mensch, werden. Aber leider wird sein Handeln immer unvollkommen bleiben und nie „reichen“, und dadurch bleibt das Ziel unerreichbar und der Handelnde wird mutlos und verzweifelt. Er gerät in die Situation, die wir von Martin Luther aus dem Kloster kennen: Durch gute Werke kann ich keinen gnädigen Gott erlangen und kein besserer Mensch werden.

Martin Luther ist daher einer idealistischen Ethik gefolgt und ist daran fast verzweifelt. Hätte er sich rechtzeitig an die Lesung aus dem Brief an die Kolosser erinnert, die auch damals schon die Lesung zu Ostern war, wären ihm Seelenkämpfe erspart geblieben. Am Ende hat aber trotz Entdeckung der Gnade – für Luther war es eine Wiederentdeckung – das Sakramentenverständnis unübersehbar Schaden genommen, und zwar bei den Christen der Reformation bis heute. Denn wenn ich durch die Taufe kein verlässliches neues Sein erlange, bleibe ich immer „außen vor“ (vor dem Status des Geheiligten), bleibe Sünder zu jeder Zeit, und zwar grundsätzlich. Die Taufe ist aber eine mir von Gott geschenkte bindende Selbstverpflichtung Gottes, mich mit allen Rechten eines Himmelsbürgers auszustatten, zu achten, zu schätzen und zu lieben. Sichtbarer Ausdruck dieses Rechtsstatus ist, dass ich mit dem Throngefolge Gottes das Sanctus singen darf.

Es mag sein, dass dem heutigen Leser diese Deutung des Ostergeschehens reichlich abstrakt und theoretisch, juristisch und dogmatisch erscheint. Das wäre ein falscher Eindruck. Meine Darstellung ist vielmehr bestimmt durch die Erfahrung klösterlicher Liturgie im benediktinisch-zisterziensischen Mönchtum. Diese Liturgie ist von den nächtlichen Gesängen bis zum Abend jedes Tages bestimmt von der Grundvoraussetzung nach Kolosser 3, 1–2. Wenn man spätestens alle zwei bis drei Stunden, vor allem aber schon morgens zu nachtschlafener Zeit sich einfach prägen lässt durch den Stil der gregorianischen Gesänge und Liturgie, verlebt man schon automatisch die Hälfte des Tages „im Himmel“. Ich sehe so das Anliegen des heiligen Apostels Paulus aus Kolosser 3 aufgenommen; denn die Sätze seines Briefes bleiben nicht Theorie, sondern werden zum bestimmenden Lebensgefühl. Schon allein deshalb, weil bei so viel engelhaftem Gesang nicht viel Zeit zum Sündigen bleibt. Und auch deshalb, weil die Schönheit unseres Glaubens, und unser Glaube ist schön, durch Gesang vermittelt, eine ideale Brücke ist, um die Faszination des Reiches Gottes zu überbringen.

In dem einzigen Trappistenkloster Deutschlands lebte bis vor kurzem in biblischem Alter bis zu seinem seligen Ende ein Mönch, von dem alle Besucher des Klosters landauf landab bis heute erzählen. Denn er war für das Himmelreich, auf das er so sehnlich wartete, geradezu durchsichtig geworden, kurz, er hatte die Ausstrahlung eines Heiligen. Als kleine Zutat kam hinzu, dass er morgens um zwei Uhr zwanzig Kaffee für alle kochte, die mitsingen wollten, um die nächtlich rauen Stimmen sanft zu machen. Liebe und Frieden konnte man hier mit Händen greifen – Gott sei Dank. Denn so ähnlich, ein klein wenig ähnlich, muss Auferstehung sein.



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"Ich bin da, wo du bist" - so heißt die aktuelle Oster-und Erstkommunionaktion des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken. Im Mittelpunkt steht das Gleichnis vom guten Hirten. Um dieses Motto Kommunionkindern deutlicher zu vermitteln, geht das Hilfswerk für den Glauben auch schon mal ungewöhnliche Wege. Jetzt zum Beispiel haben Bischof Franz-Josef Bode und Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, gemeinsam mit Kommunionkindern einen Schäfer besucht. Glaubensvermittlung zum Sehen, Hören, Riechen und Fühlen sozusagen. Zum Verständnis der Geschichte gehört aber auch die Botschaft, dass jeder Christ zum guten Hirten für andere werden soll. Die Kommunionkinder in Deutschland setzen das seit vielen Jahren sehr konkret um - durch ihre Spende für Kinderhilfsprojekte des Bonifatiuswerkes.
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