05.03.2014 15:11

Die Sonntagslesung: Adams Sünde besteht auch in Ungeduld

Zu den Lesungen des ersten Fastensonntags (Lesejahr A)

von Klaus Berger

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Gen 2, 7–9; 3, 1–7; Röm 5, 12–19; Mt 4, 1–11

Vor kurzem hat jemand, der die Ohren und die Nase voll hat vom Pastoraljargon, vorgeschlagen, zunächst sollten in der Fastenzeit einmal die Theologen fasten, also sich enthalten der vielen plakativen, abstrakten und unverständlichen Begriffe, zu denen zum Beispiel der Lesungstext aus dem Römerbrief geradezu einlädt. Mit diesen Begriffen meinte er Glaube, Gnade, Gesetz, Rechtfertigung, Sünde, Erbsünde, Ewiges Leben. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten: Sollen wir denn alles dieses abschaffen, getrauen wir uns denn nicht mehr, von Sünde und Gnade zu reden? Soll unser ganzer Glaube auch sprachlich in eine Warmdusche zum Wohlfühlen aufgelöst werden?

Wer das Neue Testament übersetzt und versucht, die gefährlichen und eintönigen, allzu oft dahingelaberten Begriffe wie Gnade und Sünde zu ersetzen durch neue, vielleicht treffendere Bezeichnungen, scheitert rasch. Also müssen wir den alten Wörtern neues Profil geben. Was der Text im Römerbrief über Adam und Christus, über alt und neu sagt, und was wir alle für die Fastenzeit ersehnen, ist ein Funken Neues, und wir versuchen es auf dem Wege, Sünde anhand der biblischen Texte neu zu bestimmen

Kommt mithin alles Unheil in der Welt davon, dass Adam – auf Eva hörend – ein verbotenes Stück Apfel gegessen hat? Kein Wunder, dass viele Leute ihre Witzchen darüber machen. Was also war denn da wirklich los? Und wenn es sich nun denn um den Baum der Erkenntnis handelte, von dem Adam verbotenerweise aß – warum wollte Gott Adam die Erkenntnis nicht gönnen? Wurde Adam am Ende wegen verbotener Neugier bestraft? Oder weil er eben etwas getan hat, was er nicht tun durfte, so dass es ums Prinzip ging? Und wenn das eben der Sündenfall war, kam alles Unheil aus dieser Quelle? Und: Was war Sünde an Adams Tun? Zwei Beobachtungen können vielleicht helfen, die alte Frage neu anzugehen: Im Paradies gibt es zwei Bäume, zu denen Adam keinen Zugang hat: den des Lebens und den der Erkenntnis (von gut und böse).

Eine gesamtbiblische („kanonische“) Lektüre der Bibel kann lehren, dass Gott genau diese wichtigen Güter den Menschen durch Jesus Christus gewährt; die Sünde Adams besteht daher in der Ungeduld, sich etwas mit Gewalt nehmen zu wollen und nicht abwarten zu können, bis Gott dieses von sich aus schenken und anbieten will. Und der zweite Aspekt ist das Misstrauen der Stammeltern, dass Gott ihnen etwas vorenthält, und dieses Misstrauen vergiftet das gesamte Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Es richtet dort eine Opposition auf, wo vorher ein freigiebiger Schöpfer waltete. Mit dem Misstrauen der Stammeltern kommt etwas Neues in die Welt, eine Art Rivalität zwischen Gott und Mensch, wie wir das manchmal bei Kindern feststellen, die sich ständig benachteiligt fühlen (und dadurch neidisch und undankbar sind).

Die Sünde Adams besteht in Ungeduld und Misstrauen. Und Sünde überhaupt und generell besteht darin, ungeduldig zu sein, sich vor der Zeit und eigenmächtig aneignen zu wollen, was zu seiner Zeit für uns bestimmt ist: Der Bankräuber will Gutes, nämlich Geld, aber er kann nicht warten, bis er es verdient, geschenkt oder vom Finanzamt erstattet bekommt. Und der Vergewaltiger kann nicht warten, bis er das Herz des begehrten Menschen erreicht hat (oder eben auch nicht), und der Mörder kann nicht warten, bis die Feindschaft in die Jahre kommt und auch ihrerseits verblasst wie alles Irdische. So ist jedem Sünder wegen der Ungeduld als Sünde zu wünschen, dass er Geduld lernt, und das ist ein guter Vorsatz für die Fastenzeit.

Und was das Misstrauen angeht: Es ist klar, dass Misstrauen jede Beziehung vergiftet, weil es so schwer zu beheben ist. Es ist der Grundverdacht. Die moderne Bibelwissenschaft hat erkennen lassen, dass eine Hermeneutik des Misstrauens eine Art Grundverdacht gegenüber allen biblischen Erzählungen aufgebaut hat, als seien sie alle erlogen und jedenfalls erst vom Ausleger auf das wahre Geschehen zurechtzustutzen. Beides richtet sich gegen Gott und gegen Menschen. Die Ungeduld richtet sich gegen Gott, weil er ja die Zeit in seinen Händen hält und als der Schöpfer schon weiß, was wir brauchen. Deshalb empfiehlt Jesus in der Bergpredigt so intensiv, das Sorgen sein zu lassen. Und die Ungeduld richtet sich gegen Menschen und wird da schnell zur Gewalttätigkeit: Wer nicht warten konnte, bis seine Kinder selbst klug wurden, musste sie zur Unzeit prügeln. Und mit dem Misstrauen ist es in jeder Freundschaft und Ehe genauso. Sie ist die Sünde, sodass der Partner dann nichts mehr richtig machen kann. Auch gegenüber der eigenen Kirche ist Misstrauen oftmals zur Grundhaltung geworden, bisweilen nach dem Motto „Traue keinem Bischof, denn es könnte ein Protzer sein.“

Aber was hat es zu bedeuten, dass wir als Christen diesen beiden Grundarten von Sünde begegnen? Was bedeutet angesichts dessen Jesus Christus für uns arme Sünder? Er ist derjenige, durch den uns definitiv alles Notwendige inklusive ewiges Leben „vom Baum des Lebens“ geschenkt wird, und er ist es auch, durch den wir das grundlegende und krankhafte Misstrauen verlernen können. Wie das? Weil für Jesus das Vergeben eine ganz zentrale Bedeutung hat. An einer Schule gab es den berühmten Fall eines Studienrates, der an seinem Sohn schier verzweifelt war und kein Vertrauen mehr zu ihm hatte, weil dieser einen Apparat aus dem Physiksaal mit nach Hause genommen hatte. Der Sohn wanderte seinerseits aus Kummer bei Nacht und Nebel in die USA aus. Da ergriff, viel zu spät, den Vater die Reue und das ging so tief, dass er mit der Bibelübersetzung Hermann Menge die Menge-Bibel schuf, die sorgfältigste und genaueste Übersetzung ins Deutsche. So endete die Schuld nur zum Teil zwar glücklich, aber im Ganzen doch nicht glücklich.

Denn es fehlte in dieser Geschichte die Dimension des Vergebens. Sie ist für Jesus die wichtigste Form der Zuwendung zum Nächsten. Und sie hat eben in mehrfacher Hinsicht mit Sünde zu tun. Einmal ist Vergeben überhaupt „der“ christliche Umgang mit dem Versagen, mit der Sünde. Aber das Eigenartigste ist: Vor jede Vergebung, die wir von Gott erhoffen dürfen, setzt Jesus, dass ein jeder seinem Nächsten vergebe. Denn im Vaterunser heißt es, wörtlich übersetzt, nicht: „wie auch wir vergeben“, sondern „wie auch wir vergeben haben“. Und so wiederholt Jesus es auch unmissverständlich am Schluss des Vaterunsers: Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, wird auch euer himmlischer Vater eure Vergehen vergeben.

Der Hinweis darauf, dass wir vergeben haben, steht deshalb im Vaterunser, weil unser Vergeben überhaupt die Voraussetzung dafür ist, dass unser Beten erhört wird. Und typisch für Jesus ist daran überhaupt, dass wir Menschen Gott ähnlich werden sollen. Nach dem heiligen Bernhard ist das genau die wiedergewonnene Gottähnlichkeit, die durch Adam und Eva verloren ging. Was das bedeutet, wird bei Jesus auch an der Feindesliebe sichtbar: So zum Beispiel bei der Feindesliebe: Wer den Feind liebt, strebt an, es dem Schöpfer nachzutun, der seine Sonne über Guten und Bösen aufgehen lässt. Er wird darin Gott ähnlich und dadurch Gottes Kind. Und wie sollte der himmlische Vater das Gebet seiner Kinder, die ihm so ähnlich sind, nicht erhören? Was hat das mit Jesus zu tun? Er vergibt seinen Feinden noch, als er am Kreuz hängt. Und wenn und weil unser Tun lückenhaft bleibt, sind wir auf das Kreuz als das Zeichen dafür angewiesen, dass Gott uns sicherlich vergeben will. Aber dem Ernst der Fastenzeit angemessen ist wirklich dieses: Mit unserem Vergeben müssen wir den ersten Schritt tun.

Aber was heißt „Vergeben“? Ist das nicht auch wieder so eine unverstandene christliche Vokabel? Bedeutet es: alles vergessen ? Oder bedeutet es: Tun als sei nichts gewesen? Nein, weder noch. Mit dem Gebrauch des Wörtchens „neu“ in der Fastenzeit in Frühlingstagen meinen wir: Vergeben heißt, einander die Chance zum Neuanfang, soweit es an uns liegt, eröffnen. Gott möge sie mit seinem Segen vollenden.



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