Die Sonntagslesung: Befreiung von alten Lasten
Zum Hochfest der Geburt Johannes des Täufers
(Lesejahr B). von Klaus berger
Jes 49, 1–6; Apg 13, 16.22–26; Lk 1, 57–66.80
Nur bei wenigen Menschen feiert die Kirche den Geburtstag, bei Jesus, bei Maria und eben bei Johannes dem Täufer. Schließlich spricht schon der Engel vom Zeitpunkt seiner Geburt, und dass er sechs Monate vor dem Geburtstag Jesu liegt. Sowie man daher den 24. Dezember als den Geburtstag Jesu annehmen konnte, lag auch der Geburtstag des Täufers fest. Oft werde ich nach einer „Einführung ins Christentum“ gefragt. Aber je länger, desto weniger steht mir der Sinn danach, bei jeder Frage auf Sekundärliteratur zu verweisen. Wir haben da Besseres zu bieten. Als unsere Ahnen vor 1 200–1 000 Jahren Christen wurden, geschah die „Einführung“ auch auf anderen Wegen. Wir haben Besseres zu bieten, nämlich ein paar Gestalten. Oft übersehen wir bis heute, dass am Anfang des Christentums nicht nur Maria und ihr Sohn stehen, sondern auch eine dritte, etwas einsamere Figur. Vor tausend Jahren baute man deshalb zur Einführung in das Christentum Taufkirchen (zum Beispiel auf der Insel Föhr), die eben Johannes dem Täufer gewidmet waren und an denen man gut die Anfangsgründe der neuen Religion studieren konnte. In diesen Kirchen wird Johannes der Täufer nicht gerade als der zivilisierte Höfling dargestellt (vgl. Lukas 7), sondern als eine ebenso kräftige wie unkultivierte Gestalt.
Darin konnten sich die germanischen Vorfahren gut wiedererkennen. Zudem lehrte Johannes diese Menschen Grundlegendes: den Glauben an den einen Gott und die Notwendigkeit, zu ihm umzukehren. Das war keine Umkehr zu einem Feudalleben, sondern zu schlichtem Verzicht auf Alkohol, übermäßigen Besitz und nicht zuletzt auf undurchsichtige „Weibergeschichten“, wie sie allenthalben üblich waren. Johannes der Täufer kritisierte in dieser Hinsicht intensiv seinen Herrscher, den König Herodes. Durch seine mutige Kritik riskierte und verlor er sein Leben. Obwohl man dadurch selbst allenthalben ins Zittern kam – der Freimut des Täufers und dass der vor königlicher Hoheit nicht zurückwich und eine Schweinerei offen beim Wort nannte, dieses wird ihm sicher nicht zuletzt Respekt und Verehrung seitens der Männer eingetragen haben. Denn Johannes der Täufer riskiert alles, wenn Gottes Gebot durch herrscherliche Kunst und Willkür zerstört werden soll.
Dieses ist wohl der Grund, weshalb Jesus ihn den größten der Propheten nennt. Also nicht Jesaja, Moses oder Ezechiel, sondern Johannes den Täufer, der schlichtweg sein Leben riskiert und den korrupten Herrscher mit Gottes heiligem Gebot konfrontiert. Dass dieses gerade das Verbot des Ehebruchs ist, macht die Sache angesichts moderner Scheidungsraten auch heute noch interessant.
Und Johannes der Täufer wagt es, den Menschen etwas vom Gericht zu sagen. Auch das passt nun nicht gerade in den Stil vieler moderner Seelsorger, die jede Andeutung von Gericht für unzweckmäßig halten. Die Menschen würden doch nur abgeschreckt, und das Evangelium sei doch nicht da, sich zu fürchten zu lernen. Auch ich kann gar nicht mehr sagen, wie lange es her ist, dass ich die herrliche Sequenz „Dies irae“ zuletzt in der Kirche gehört habe. Solche schaurigen Worte und Töne überlässt man den Konzertsälen. Dabei geht es auch in „Dies irae“ um Gottes Barmherzigkeit – nur will und muss diese erbeten und wenigstens angenommen sein. Immerhin scheinen die Menschen Michelangelos Schlussgemälde in der Sixtina zu verstehen, jedenfalls zahlen sie kräftig Eintritt dafür. Vielleicht stimmt es also doch gar nicht, dass die Menschen mit der Botschaft des Täufers vom Feuergericht nichts anfangen können. Vielleicht ist es nur wie bei verwöhnten, launischen Kindern, die aus Langeweile mal eben das Gericht abwählen. Und die mit der Religion hier und auch sonst herumspielen.
Dabei hat es mit dem Täufer vor allem diese Bewandtnis: Der dreifaltige Gott sendet ihn vor sich her, damit die Menschen nicht ganz unvorbereitet auf Gott stoßen. Die Notwendigkeit einer Vorbereitung wird durch das doppelte Motiv der Reinheit angegeben. Wir kennen Ähnliches aus einem kleinen Teilstück des Messformulars: „Herr, reinige mein Herz und meine Lippen, dass ich würdig dein heiliges Evangelium verkünde“. In der Sprache des Täufers heißt Reinheit: Wassertaufe und Gerichtsfeuer. Wenn Gott kommt, muss zuvor die Welt des Menschen und vor allem der Mensch selbst gereinigt werden. Denn vor Gott hat nur die lautere Qualität Bestand.
Die Konzeption der Reinheit ist es auch, die Johannes den Täufer wie Jesus mit den zeitgenössischen Pharisäern verbindet. Einerseits bedeutet das Konzentration auf das Gottesbild – Gott verlangt das ganze Herz und den ganzen Leib, das entspricht dem Hauptgebot in Deuteronium 6, 4f. Es ist radikale Zuwendung zum Gott Israels. Die Botschaft des Täufers und das Evangelium Jesu Christi haben keinen anderen Inhalt. Andererseits hat diese „Heiligkeit“ oder „Reinheit“ auch einen fremden- oder heidenfeindlichen Aspekt. Bedeutet doch das Wort Pharisäer „die Abgesonderten“. Auch Jesus hat kein heidnisches Haus je betreten. Wer Israels bedrohte Identität bewahren wollte, konnte seinen Beitrag durch kompromisslose Orientierung an pharisäischer Reinheit liefern. Auch die Exorzismen Jesu sind hier einzuordnen, denn die Dämonen sind die unreinen Geister, die auch hinter den Götzen der Heiden stehen.
Bei Johannes dem Täufer wird die Reinheit durch Umkehr und Taufe erlangt. Bei Jesus tritt hinzu die Reinheit durch Befreiung vom Besitz (Mammon) und der Sünde durch seinen Sühnetod und seine Fürsprache bei Gott.
Warum diese Option für Reinheit bei Johannes dem Täufer wie bei Jesus? Reinheit ist die Präsenz Gottes in der Welt. Er wohnt nur dort, wo es rein ist. Daher müssen die unreinen Geister zuvor aus dem Menschen ausgetrieben sein, bevor Gott dort wohnen kann. Reinheit wird daher immer in der Phase „davor“ hergestellt. Insofern ist der durch Umkehr und Taufe reinigende Täufer der „Vorläufer“ Gottes. Deshalb folgt auf die Phase der Reinigung immer die Zeit, in der Gott dort wohnen kann, wo er wohnen möchte (in seinem Haus, inmitten seines Volkes). „Wohnen“ ist dabei ein anderes Wort für „bleiben“.
Parallel zur Beseitigung von Unreinheit steht daher die Befreiung von Sünde. Dabei kann man nicht sagen, Unreinheit sei hauptsächlich von außen her gedacht, Sünde dagegen in erster Linie moralisch. Doch steht bei der Sünde das Gebot Gottes im Vordergrund, und beseitigt wird sie durch Vergebung oder Sühne. Daher kann Johannes der Täufer sagen, dass Jesus als das Lamm Gottes, als der fleckenlos Gerechte schlechthin durch seine Gerechtigkeit die Sünde der Welt und ihr Sich-Verweigern gegenüber Gott aufhebt. Bei der Unreinheit geht es dagegen um das, was Heiliges und Unheiliges voneinander scheidet und was als Bereich des Todes den Menschen gefährdet, ja zerstört. Sünde ist die Verletzung des Willens Gottes durch Ungehorsam. Durch den stellvertretenden Gehorsam des Gerechten ist sie zu beseitigen. Unreinheit ist die Zone des Todes. Das klassische Mittel, Unreinheit zu beseitigen, ist daher der Heilige Geist, der Lebenshauch Gottes, dem tödlichen Hauch des Verderbens entgegengesetzt.
Daher ist das Sakrament des Täufers die Wassertaufe zur Vergebung der Sünden, das Sakrament des Sohnes Gottes die Verleihung des Heiligen Geistes durch die mit der Wassertaufe verbundene Taufe mit Heiligem Geist. Beim Täufer geht es um die Befreiung von der Altlast, beim Sohn um dem Beginn der Neuen Schöpfung.



