18.04.2012 15:10

Die Sonntagslesung: Gott lässt den Menschen niemals allein

Zu den Lesungen am dritten Sonntag der Osterzeit

(Lesejahr B) von Klaus Berger

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Apostelgeschichte 3, 12–19; 1 Johannes 2, 1–5a; Lukas 24, 35–48

Für viele Leidende und Kranke ist das größte Problem die Einsamkeit, Trostlosigkeit und das Gefühl, auch von Gott verlassen zu sein. Das wird in den Lesungen dieses Sonntags besprochen. Die Antwort, die sich aus der Bibel ergibt, klingt zunächst fromm und unverständlich, doch sie besitzt eine innere Logik. Denn es heißt: Alle unverschuldeten Leiden sind „identisch“ mit den Leiden Jesu Christi. Die Art dieser Identität ist näher zu bestimmen. Es ist ein innerer Zusammenhang unter der Oberfläche. So mündet alles unverschuldete Leiden in das Leiden Christi. Und das ist übrigens auch die Voraussetzung dafür, dass das Leiden des einen stellvertretend wirken kann. Denn der Einzelne leidet nicht allein, sondern in diesem Fall zusammen mit dem Anführer der Erlösbaren. Dadurch, dass sich der Erlöser an die Spitze der Leidenden setzt, ist das Leiden der einzelnen Menschen nicht mehr vereinzelt, sondern gewinnt in dem „Anführer“ einen Sinn. Die alte katholische Meinung, man könne und solle sein Leiden mit dem Leiden Christi verbinden, hat daher einen guten biblischen Sinn.

Man kann diese Sicht des Leidens aus folgenden Stellen rekonstruieren: Nach Apostelgeschichte 3,18 sagt Petrus: „Gott hat dafür gesorgt, dass das, was er durch alle Propheten verkündet hat, erfüllt wurde: dass sein Messias würde leiden müssen“. Wenn „alle Propheten“ das verkündet haben, dann ist das Leiden des Messias das messianisch verstandene Leiden der Menschheit vor Christus überhaupt. Jesus sagt nach Lukas 24, 44 „Als ich vor meinem Leiden noch bei euch war, habe ich euch gesagt: Alles, was im Gesetz des Mose, in den Propheten und Psalmen über mich geschrieben steht, muss in Erfüllung gehen“. Lukas 24, 46: „Über den Messias steht geschrieben, dass er leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen muss.“ Diese Aussagen sind nicht leicht zu verstehen.

Das liegt daran, dass es über den Messias, den Israel erwartet, nicht gerade viele Stellen im Alten Testament gibt. Und an diesen wenigen Stellen ist kaum je davon die Rede, dass der Messias leiden muss oder gar am dritten Tag auferstehen wird. Die „kritische“ Forschung hat natürlich angenommen, die heiligen Schriftsteller hätten das Blaue vom Himmel herabgelogen. Doch so einfach ist die Sache nicht, und korrupt waren die heiligen Schriftsteller auch nicht.

Eine andere Auffassung vom Leiden einer Einzelfigur

In Wahrheit hatten sie eine andere Auffassung vom Leiden einer Einzelfigur wie der des Messias, und diese lässt sich aus unabhängigen Texten rekonstruieren.

So heißt es in Hebräer 11, 26 von Mose: „im Vergleich zu den Schätzen Ägyptens hielt er es für einen weitaus größeren Reichtum, die Schmach des Messias zu ertragen, weil er wusste, was er sich dafür einhandelte“ (denn er schaute auf die Gnade des Lohnes). In Hebräer 13, 13 gilt gar von der Gemeinde, dass sie „die Schmach Jesu trug“. Nach allen diesen Texten gilt von den Leiden beziehungsweise der Schmach Christi, dass sie 1. wenigstens zum Teil von seiner Person ablösbar sind. Sie sind eine feste Größe, die immer wieder von wechselnden Personen getragen beziehungsweise ertragen wird. 2. Diese Personen gab es vor Christus wie auch nach Christus, etwa in Gestalt der Gemeinde des Hebräerbriefes. 3. Diese Leiden sind daher zeitunabhängig, sie werden auch nicht weniger dadurch, dass der eine oder andere sie trägt. Aber weil es die Leiden Christi sind, ordnen sie diese Personen Jesus Christus zu. 4. Nahezu dasselbe Phänomen haben wir auch beim Geist Christi. Nach 3 Korinther 10 heißt es von Gott: „Deswegen hat er einen Teil vom Geist Christi in die Propheten gesandt, die über lange Zeiten hin den wahren Gottesdienst verkündeten“. Ähnlich wie bei den Leiden gilt: der Geist Christi ist kein einmaliges Phänomen nur bei Jesus, sondern eine besondere Gestalt des Geistes Gottes über die Zeiten hin. So lesen wir in 1 Petrus 1,11 vom Geist Jesu Christi und den Propheten: „Weil aber der Geist Jesu Christi selbst sie inspiriert hatte, konnten sie Jesu Leiden und die Herrlichkeit danach vorhersagen“. Hier wird nun die direkte Beziehung hergestellt zwischen dem Geist Christi einerseits und seinen Leiden andererseits. Beide Phänomene werden Wegzeichen auf dem Weg Gottes mit seinem Volk. Den Geist Christi gab es daher vor Christus schon genauso wie das Leiden Christi.

Das Besondere ist: Diese Annahme führt zu einer qualifizierten Lektüre der Schrift des Alten Testaments. Zur Lösung der oben angedeuteten Schwierigkeit, dass vom Leiden des Messias so wenig die Rede zu sein scheint, bedeutet das: Zumindest alle Texte über das Leiden von Gerechten werden auf das Leiden Jesu hin gelesen. In ihnen allen erkennt man das eine große Leiden Christi. Denn wenn dieses das Wichtigste ist, was Gott geoffenbart hat und was man von Gott wissen kann, dann muss es auch Gottes Wort erfüllen. Trifft es zu, dass dieses die wichtigste Offenbarung ist, dann bedeutet das heute: Alles Leiden weist auf das Leiden Jesu Christi, und das ist keine nur theoretische Einsicht, sondern alles Leiden steht mit dem Leiden Christi in einem realen Zusammenhang; das gilt nicht nur für die Bibel. In Jesus Christus hat Gott sich für die Passion der ganzen Menschheit empfänglich und sensibel gemacht. Damit aber kommt die Theodizeefrage in ein anderes Fahrwasser. War sie bislang und außerchristlich immer so gestellt worden, dass man fragte: Ist Gott nicht mitschuldig an dem Leid der Welt?, so müsste man nun fragen: Was bedeutet es, dass sich Gott von unserem Leid betreffen lässt, dass er sich in unsere Leiden mit hineinziehen lässt?

Gott hat den Todesschatten selbst erfahren

Man kann das nicht mehr einfach abwehren und erklären, wie es die Alten Griechen taten: „Gott kann nicht leiden“. Sicher ist: Wenn ja, dann doch anders als wir. Denn man kann nicht sagen: Als Mensch am Kreuz leidet Jesus Unsägliches, doch als Gottessohn nichts. Denn als Gottessohn leidet er zumindest unter unserer Verzweiflung oder gemeinen Bosheit, auf jeden Fall unter unserer Heimtücke. Und unsere Verzweiflung teilt er durch den Ruf am Kreuz: „Wozu hast du mich verlassen?“. So weiß er aus Erfahrung, was das ist: Gottesferne. Wenn Gott also finsteres Tal und Todesschatten selbst kennengelernt hat, dann ist es ihm zumindest nicht fremd, dann können wir mit ihm darüber reden, indem wir beten. Denn er weiß es schon, er ist darin wie eine gute Mutter, die das Leben kennt. Aber es ist mehr als seine Erfahrung oder sein Wissen. Er ist vielmehr der Treue an unserer Seite. Und in seiner Treue wird etwas von dem abgebildet, was Rettung ausmacht. Seine Treue aber nennt man seinen Bund, und den wird er nie brechen, im Unterschied zu uns, bei denen er ist. Aber dass Gott bei uns ist – wie verträgt sich das damit, dass Jesus am Kreuz klagt, von Gott verlassen zu sein? Aber dass Jesus ruft und betet, dokumentiert doch, dass Gott in Hörweite ist. Deshalb wendet sich Jesus überhaupt an ihn. Gott ist da und wird auch Jesus retten, so wie er will. So geht es auch uns, wenn wir meinen, Gott habe uns verlassen, weil er nicht sichtbar ist. Es ist die Situation, die meine Mitbrüder im Kloster ansprechen, wenn sie bei der mittäglichen Prozession rufen: „De profundis clamavi ad te domine, Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir, Herr erhöre mein Gebet, dein Ohr neige zu meinem Flehen.“ Jesus am Kreuz ist in der Tiefe, wir sind auch bisweilen in der Tiefe. Aber zu wem sollten wir sonst rufen? Oft bleibt keine Zeit und Muße, darüber nachzudenken, wer uns denn in die Tiefe gesetzt hat. Wir wissen nur, dass wir schreien können und dürfen. Zumindest einer kann uns hören. Auf jeden Fall wird er es tun, denn kein Leidender bleibt allein. Nur dass er genauso antwortet, wie wir es gerne hätten, können wir nicht erwarten. Denn es gibt sozusagen drei Antworten Gottes auf Gebete, die er nicht so erfüllt: „Noch nicht“ oder „Ich habe etwas Besseres für dich“ oder: „Mach selbst das Beste daraus!“



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