22.02.2012 15:26

Die Sonntagslesung: Christus verbürgt sich für uns

Zu den Lesungen des

ersten Fastensonntags 2012 (Lesejahr B). von Klaus Berger

Gen 9, 8–15; Ps 25; 1 Petr 3, 18–22; Mk 1, 12–15

Wie wäre es, wenn der Teufel nicht der Böse oder gar das Böse wäre, sondern der Versucher? Dann würde die Eingangsszene des Buches Hiob erklären wollen und erklären können, dass der Teufel durchaus nicht ganz ohne dass der Schöpfer und einzige Gott das zulässt, die Menschen immer wieder testet, ob sie wirklich standfest sind in ihrem Glauben. Dann wäre das Ergebnis dieses Tests für die Getesteten mit einer Art Signalwirkung ausgestattet, die sie warnen oder zur Umkehr bewegen könnte. Der Teufel würde dann den Neubekehrten einreden wollen, dass ihr Leben vor dem Christwerden viel angenehmer gewesen sei. Er würde Jesus mit höchst vernünftigen Argumenten davon überzeugen wollen, dass es doch keine Schande sei, sich mit einem Wunder selbst zu helfen und die Wunderkraft ein wenig zum eigenen Vorteil einzusetzen.

Denn wozu vierzig Tage lang fasten, wenn es am Ende der Gesundheit schadet und zu Unterernährung führt? Wozu das alles, könnte der Teufel Jesus gefragt haben. Und alle, die um ihres Bekenntnisses willen verfolgt werden, könnte der Teufel fragen, ob es sich dann wirklich gelohnt habe, das Bekenntnis anzunehmen. Der berühmte gesunde Menschenverstand ist demnach immer wieder die Basis der Argumentation im Sinne der „Nützlichkeit“ (Opportunität). Das genau macht die Banalität des Bösen aus. Diese Banalität liefert zumeist die Erklärung dafür, weshalb sich Menschen auf das einlassen, was ihnen in der Versuchung vorgegaukelt wird. Die banal-schlichten Gründe dafür, dass die Menschen den Versuchungen erliegen, stehen in der Regel in keinem Verhältnis zur widerwärtigen Scheußlichkeit des Bösen. Während der Teufel nur kleinkariert-nützlich und vor allem opportunistisch denkt, sagt das Böse etwas über den Menschen aus und weniger über den „bösen“ Teufel.

Das Böse ist die Wirklichkeit des Menschen, der Teufel ist nur ein Kontrollbeamter Gottes im Außendienst. Pervers ist oft genug das System von Rechtfertigungen, das entsteht, wenn der Mensch seinen Ordnungsverlust und die Sucht zum Bösen für gut erklären möchte. Was da geschieht, kann man anhand der Entstehung schlimmer Süchte deutlich machen. Der Teufel sagt: „Es ist doch gar nicht so schlimm, ein-, zwei-, dreimal Heroin zu nehmen. Das tun doch alle. Und man muss doch auch wissen, was das ist, wenn man darüber redet.“ Das klingt alles ganz vernünftig, und so ist es mit jeder Verführung des Teufels. Der Mensch aber gerät unter dem Deckmantel der Vernünftigkeit von vornherein in die Maßlosigkeit. „Sucht“ ist deshalb ein guter Name für Sünde, weil der Mensch nur vor dem ersten Mal frei ist, danach aber sofort Gefangener seiner maßlos gewordenen Triebhaftigkeit wird.

Paulus stellt diese Gefangenschaft im Römerbrief dar. Der Mensch kann sich aus ihr nicht mehr selbst befreien. Das Böse, für das der Mensch, nicht aber der Teufel verantwortlich zu machen ist, besteht darin, maßlos auf Kosten anderer zu leben. Diese anderen (Mensch, Institution oder Natur) werden dabei nur als Mittel zum egoistischen Zweck gebraucht. Dazu gehört auch der zynische Sadismus, wie er auch von Hochschullehrern im Examen bekannt ist.

In Genesis 9 und in 1 Petrus 3 geht es um das, was auf die Sünde folgt, das Gericht also, und darum, wie man diesem Gericht eventuell entgehen kann. In beiden Texten liegt die Pointe auf dem Letzteren. In der Sintflutgeschichte sagt Gott das letzte Wort, indem er das Zeichen des Regenbogens mit der Zusage verbindet, fürderhin keine Sintflut mehr über die Erde kommen zu lassen. Allerdings ist es dabei nicht geblieben.

Denn die Frage nach der Zukunft des Bösen (Theodizee) legte die Auskunft nahe, Gott werde zwar nicht mit einer erneuten Flut, also mit Wasser, das Böse ausgleichen, bestrafen und ausrotten, sondern mit Feuer, wie man es schon in Sodom kennengelernt hatte (vgl. 2 Petrus 3, 12). Doch immer wieder dient die Sintflut als abschreckendes Vorbild für das Gericht Gottes (vgl. etwa Lukas 17, 27), auch wenn das Gericht nach Lukas 17 ein Feuergericht sein wird (daher Sodom in 17, 28f „wie es in den Tagen des Lot war“). Vor allem Johannes der Täufer predigt das kommende Gericht durch Feuer und bietet die Wassertaufe als Mittel an, der kommenden Feuertaufe zu entgehen. In der Offenbarung des Johannes werden die Strafen nach dem Prinzip der Salamitaktik vollzogen: Immer nur ein Teil der bestehenden Schöpfung wird vernichtet, doch am Schluss das Ganze, und darauf folgt dann die neue Schöpfung.

Gott aber hat auch Mittel bereitgestellt, dem fälligen Gericht zu entgehen. Bei der Sintflut kann Noah mit seiner Familie der Flut durch die Arche entgehen. Nach 1 Petrus 3 ist eine Rettung aus dem Feuergericht durch die Taufe möglich. Daher gibt es eine Typologie von Arche (Sintflut) und Taufe, die öfter auch in der neueren Kunstgeschichte dargestellt wird. Schon in 1 Petr 3 arbeitet die Typologie mit der „Überbietung“, denn in der Arche bei der Sintflut wurden nur acht Menschen gerettet, bei der Taufe dagegen sind es sehr viel mehr. Die Folge der Taufe besteht dann darin, dass Jesus vor Gottes Thron das Gewissen offiziell für rein erklärt. Die Engel, Mächte und Gewalten, die bei diesem Vorgang oder kurz vorher Jesus unterworfen werden, sind reine und gerechte Gruppierungen von Engeln, die geborenen Ankläger der Menschen. Indem Jesus als Anwalt der Getauften für sie eintritt und seine eigene Gerechtheit für sie verpfändet, kann er die berechtigten Vorwürfe der Engelmächte gegenüber den Menschen widerlegen. Im himmlischen Szenario des Gerichts verbürgt sich Jesus wirksam für die Menschen. Wer einen solchen treuen Bürgen hat, braucht sich vor dem Gericht nicht mehr zu fürchten. Die Taufe ist das Merkmal der Christen, das Jesus als himmlischen Bürgen aktiv werden lässt.

In die Fastenzeit gehören diese Texte, weil sie es sich mit den Menschen und ihrer Sündigkeit nicht so leicht machen wie viele neuere christliche Sonntagsredner, die einfach darauf hinweisen, Gott sei ja immer lieb und barmherzig. Wäre das so einfach, dann bestünde niemals die Notwendigkeit, seine Sünden zu beichten und um Vergebung zu bitten. 1 Petrus kennt diese komfortable Möglichkeit noch nicht. Aber seine Formulierungen erinnern an die Glaubenswahrheit, dass jede Bitte um Vergebung seitens der Getauften gebunden ist an Jesu Wirken vor Gottes Thron. Jesus steht dort als unser Anwalt und Bürge, und wir brauchen ihn sehr nötig. Denn die Mächte und Gewalten im Himmel werden schon genau darauf achten, dass ihnen und damit dem Gericht keine Sünde entgeht. Aber die Folge dessen ist nicht, dass wir einen Engeldienst brauchten, wie die Gegner im Kolosserbrief das wollen, sondern die Folge ist allein, dass wir uns an Jesu Rockschöße heften müssen.

Dass wir trotzdem mit den Herrschaften, Mächten und Gewalten gemeinsam das Sanctus singen, liegt daran, dass wir als Messe Feiernde schon eine himmlische Existenz besitzen (wiederum aufgrund der Taufe). Denn die Engelmächte sind stets die Repräsentanten von law and order, und wie sie eben deshalb auf die Fehler der Menschen achten, sind sie auch darum besorgt, dass dem Ehre zuteil wird, dem es gebührt, wie es würdig und recht ist. Insofern sind die Engelmächte die „Preußen des Himmels“, und wenn jemand ihren Einwänden gegen Menschen Glaubwürdiges entgegenhalten kann, wie Jesus es tut, dann müssen sie auch entsprechend ordentlich reagieren.

Aus diesen Texten wird deutlich, dass die christliche Taufe alles andere ist als nur ein Stempel im Pass. Denn Himmelsbürgerschaft ist kein totes Merkmal, sondern eine höchst wichtige Qualität der Menschen im dramatischen Geschehen zwischen Gott, den Engeln, dem himmlischen Forum und dem Anwalt Jesus Christus. In mancherlei Hinsicht ist dieses alles noch nicht ausgestanden. Denn das himmlische Forum schwelgt nicht in einer blind machenden Soße von „Barmherzigkeit“, denn ihm ist nicht alles egal. Die Maßstäbe Gottes sind streng. Aber wenn unser Herz brennt und nicht aus Asche besteht, kann Jesus uns als seine Jüngerinnen und Jünger wiedererkennen. Klaus Berger



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Video: Menschenrechtspreis für Müllprojekt von Misereor

Es qualmt, es stinkt: Grau ziehen die Schwaden aus dem Müll, schwarz ragen Rauchsäulen hoch. Wie ein teuflischer Berg quillt die Müllhalde Dandora aus den Slums von Nairobi empor. Ihr Rauch verstopft die Nase und brennt in den Augen, ihr Dreck trieft durch das Wasser der Slums. Doch so sehr die Leute den Müll hassen, so sehr sind viele auf ihn angewiesen. Rund 3.000 Müllsammler arbeiten hier auf einer der größten Müllkippen Afrikas. Hilfe erhalten sie von den Comboni-Missionaren, die vom katholischen Hilfswerk Misereor aus Deutschland unterstützt werden. Das Projekt wurde jetzt mit dem erstmals verliehenen deutsch-französischen Menschenrechtspreis ausgezeichnet.
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