An dieser Stelle bloggt regelmäßig Guido Horst aus dem Vatikan.Er ist der Rom-Korrespondent der "Tagespost".
"Den ganzen Tag über schaue ich auf die Glaubenskongregation, die Kolonnaden des Petersplatzes, die stets geschlossenen Fenster des vatikanischen Staatssekretariats. Wen wundert es, dass mein Büro im Schatten der Kuppel des Petersdoms zu einem Umschlagplatz geworden ist, zu einem Umschlagplatz für Gerüchte und diskrete Informationen, zu einer Nachrichtenbörse - und manchmal zu einem Ort für Lamentos und Klagen. Italienische Blogs aus dem Umfeld des Vatikans führen klingende Namen wie »Sacri palazzi« - »Heilige Paläste« - oder »Settimo cielo« - »Siebter Himmel«. Ich nenne meinen trocken-deutsch »Römische Warte«, von der aus ich aber hoffe, dennoch das ein oder andere Wissens- und Lesenswerte in die deutschsprachige Welt des Internets zu befördern."
Rom zeigt Piusbrüdern die rote Karte
Dreißig Tage hat die Priesterbruderschaft St. Pius X. nun also Zeit, ihre negative Reaktion auf die doktrinelle Präambel zu überdenken, die ihr die Glaubenskongregation am 14. September 2011 vorgelegt hatte. Das wissen wir nun seit einer Presseerklärung des Vatikans vom vergangenen Freitag. In dieser Erklärung steht von den dreißig Tagen nichts drin - das hat Vatikansprecher Federico Lombardi SJ mündlich hinzugefügt. Aber - bevor kurz der Inhalt dieser Vatikanerklärung wiederzugeben ist - jetzt schon eine Bemerkung: Nimmt man das mit den dreißig Tagen genau, wäre es der kommende 15. April, an dem diese Frist abläuft. Und da nicht zu erwarten ist, dass die Pius-Bruderschaft das Steuer noch einmal herumwirft, wüsste man also am Morgen des 16. April, dass die Einigungsgespräche mit der schismatischen Bruderschaft gescheitert sind. Genau: Es ist der 85. Geburtstag Papst Benedikts, der als Glaubenspräfekt schon die (schließlich gescheiterten) Einigungsgespräche mit Erzbischof Lefebvre geführt hatte und jetzt wieder erleben muss, wie seine gegen viele Widerstände ausgestreckte Hand von den Piusbrüdern ausgeschlagen wird. Bitter. Ich muss hier nicht daran erinnern, welche Lasten der Papst wegen dieser gewünschten Aussöhnung auf sich nehmen musste (Kritik an der Wiederzulassung der "alten" Messe, der "Fall Williamson", der Brief Benedikts an den Weltepiskopat).
Hier also nun die wesentlichen Inhalte der Vatikanerklärung vom vergangenen Freitag: Nachdem wie gesagt im September die doktrinelle (und bis heute nicht veröffentlichte) Präambel an die Pius-Bruderschaft beziehungsweise deren Oberen, Bischof Bernard Fellay, gegangen war, kam im Januar 2012 deren Antwort. Sie war, wie man weiß, ablehnend. In dieser Präambel, so hieß es jetzt am Freitag in der Vatikanerklärung, "wurden gewisse lehrmäßige Prinzipien und Kriterien für die Interpretation der katholischen Lehre angeführt, die notwendig sind, um die Treue gegenüber dem Lehramt der Kirche und das Sentire cum Ecclesia (Denken mit der Kirche) zu gewährleisten." Auf diese Präambel antworteten die Oberen der Bruderschaft mit Nein (Die Tagespost hat berichtet) und Rom war wieder am Zuge. Dazu heißt es in der Vatikanerklärung vom Freitag: "Entsprechend dem Beschluss von Papst Benedikt XVI. wurde die Bewertung dieser Antwort heute S.E. Bischof Fellay schriftlich überreicht. Diese Bewertung weist darauf hin, dass die von ihm ausgedrückte Haltung nicht ausreichend ist, um die lehrmäßigen Schwierigkeiten zu überwinden, welche dem Bruch zwischen dem Heiligen Stuhl und der Bruderschaft zugrunde liegen." Und weiter: "In der Sorge, eine kirchliche Trennung mit schmerzhaften und unberechenbaren Folgen zu vermeiden, wurde der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X. im Laufe des heutigen Treffens eingeladen, seine Haltung abzuklären, um zur Verminderung des bestehenden Bruches (reduction de la fracture existante) zu kommen, so wie dies Papst Benedikt XVI. gewünscht hat." Den letzten Satz kann man nur so lesen, dass es am Ende gar nicht mehr um eine komplette Aussöhnung ging, sondern nur noch um die "Verminderung" des Bruchs - was immer damit gemeint sein mag.
Ob jetzt - beziehungsweise nach der noch abzuwartenden Frist von dreißig Tagen - die Akten und Unterlagen im Vatikan über die Pius-Bruderschaft von der Kommission "Ecclesia Dei" an den Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen gehen? Schade. Wie hieß der Titel meines Leitartikels nach dem Nein der Pius-Brüder? "Den Kairos verpasst". Die Anhänger Lefebvres hatten eine goße Chance. Die haben sie verspielt. Wenn nicht in den kommenden dreißig Tagen noch ein Wunder geschieht.


