„Man muss den Punkt erreichen wo wirklich Frieden herrscht“

Eine vielgestaltige und kraftvolle Lyrik: Richard Wagner bilanziert mit dem Gedichtband „Gold“ sein Leben und Werk. Von Ingo Langner

Literaturdienst - Richard Wagner
Der Schriftsteller Richard Wagner. Foto: dpa

Poetologik“ nennt Christina Rossi ein von ihr gemeinsam mit Richard Wagner publiziertes Buch. Der Neologismus ist gut gewählt. Er „spielt“, so Rossi „mit dem inzwischen inflationär verwendeten Begriff der Poetologie“ und „setzt sich bewusst von diesem ab“. Die Literaturwissenschaftlerin Rossi möchte nicht bloß die ästhetischen und geistigen literarischen Achsen in Wagners umfangreichem Werk ausloten, in dem die Romanprosa zusammen mit der Lyrik und den Essays eine Einheit bilden. Ihr ist es vor allem um die „starke Eigengesetzlichkeit“ zu tun, „die sich maßgeblich aus ästhetischer Reflexion und dichterischer Selbstreflexion speist“. Wer das für den typischen Ansatz einer Akademikerin hält, liegt so falsch nicht. Gleichwohl hat Christina Rossi damit ins Schwarze getroffen. Denn Richard Wagner ist ein Solitär, und wer wissen will warum, der wird in der „Poetologik“ aufs Beste bedient. Einer knappen „Einführung in Leben und Werk Richard Wagners“ und einem sechzig Seiten langen Gespräch, in dem Frau Rossi kluge Fragen stellt und der 1952 im rumänischen Banat als Angehöriger der deutschen Minderheit der Banater Schwaben geborene Richard Wagner so offen wie wohl niemals zuvor über die Symbiose von Leben und Schreiben Auskunft gibt, fügt sich schließlich noch eine Sammlung von Wagners Texten an, die mit dem Gedicht „Abendstille“ beginnt und mit „Die letzten 24 Stunden“ schließt.

„O, du wunderbarer Abend/ Könntest du doch ewig sein!/ Immer nur mein Herz mir labend/ Und von Tageslast befrein.“ So endet „Abendstille“. Wagner schreibt es bewusst im Stil von Eichendorff im Alter von 15 Jahren im Jahr 1967 als Hausaufgabe im Deutschunterricht und die Schülerzeitung seines Lyzeums Großsanktnikolaus druckt es im selben Jahr ab. Den Anstoß dazu hat seine Deutschlehrerin in einer Hausaufgabe gegeben, und sie ruft Wagner auf, es vorzulesen. „Ich habe mein Gedicht vorgetragen, und sie hat sich dazu mit einer Verachtung geäußert, die ich heute noch vor Augen habe. Sie hat mir daraufhin ,Die Struktur der modernen Lyrik‘ von Hugo Friedrich gegeben, das damals, ausgehend von der französischen Moderne – Rimbaud, Mallarmé und Baudelaire –, als absolutes Meisterwerk galt. ,Das‘, hat sie gesagt, ,das musst du lesen‘. Und ich habe das auch gelesen, und nachher habe ich sozusagen geschrieben wie Rimbaud, Mallarmé und Baudelaire.“

Bei den „Die letzten 24 Stunden“ handelt es sich um einen Text, den Richard Wagner für die gleichnamige Reihe 2015 im Septemberheft von „Cicero“, dem „Magazin für politische Kultur“ veröffentlicht hat und dessen Regel es ist, Menschen darüber Auskunft geben zu lassen, wie sie den letzten Tag ihres Lebens verbringen möchten. „Ganz wichtig ist mir, dass die letzten 24 Stunden nicht eine Sache der Emotionen sind. Das Pathos ist nicht Ausdruck des Todes, das Pathos ist eine Begleiterscheinung des Menschen“, heißt es da gleich zu Beginn. Und Wagner, der damals schon sehr schwer an Parkinson erkrankt war, stellt naturgemäß auch seine Krankheit ins Zentrum seines Nachdenkens: „Diese Situation erlaubt mir zum ersten Mal, frei zu sein. Ich bin frei, nicht nur zu denken, ich bin auch frei, mich in etwas zu verlieren. Der Schmerz regiert vielleicht, aber wenn er die letzten 24 Stunden regiert, hat er ja schon nichts mehr zu sagen... Man muss den Punkt erreichen, wo wirklich Frieden herrscht.“

Zum Gestaltungsprinzip der „Cicero“-24-Stunde-Reihe gehört es, dass die Gedanken zum irdischen Finale in einem Frage- und Antwortspiel von Mensch zu Mensch aufs Tonband gesprochen werden und der Extrakt dann als Text ins Heft kommt. Da ich derjenige war, der das Gespräch mit Wagner führte und aufschrieb, kann ich aus erster Hand darüber Auskunft geben. Weil ihn der Autor dieser Zeilen persönlich seit 20 Jahren und auch seinen Parkinson durch häufige Besuche gut kennt, war es für nicht außergewöhnlich, mitzuerleben, wie Wagner seine Gedanken vollkommen unbeeinflusst von einer heftigen Parkinson-Attacke, die seine Arme und Beine auf das Heftigste hin und her warfen, äußern konnte. So war buchstäblich mitzuerleben, wie sich Geist über Materie erhebt.

Die nämliche Erfahrung wird auch Christina Rossi in ihrem über einen längeren Zeitraum geführten Dialog mit Wagner gemacht haben. Wer nun zum Buch greift und Richard Wagners Gedanken zur moralabschneidenden Ästhetik, zur unsinnigen Idee, dass die Literatur das Gute oder Richtige beinhalten muss, zum Ostschriftsteller, der zuerst einmal als politisches Phänomen wahrgenommen wird und zur Sprache dessen, was auf das Nichts folgt liest, der möge sich einen Mann vorstellen, dessen Körper ein unberechenbares Eigenleben führt.

„Ich bin nicht in einem konventionellen Sinne praktizierender Christ“, sagt der katholisch getaufte Richard Wagner, „ich denke aber, dass die Religion ein wichtiges Element der menschlichen Selbstorganisation ist und dass es ohne die Religion gar nicht gehen kann... Die Idee Gottes bildet sozusagen die Regel, die Ordnung, das Universum.“ Das Kreuz, das ihm während seiner Krebserkrankung geschenkt worden ist, hängt seit der Genesung davon in Wagners Wohnung. „Es hängt dort sozusagen kommentarlos. Aber es hängt dort.“

Dazu passt, dass Richard Wagner für das Buch „Vernünftig glauben. Ein Gespräch über Atheismus“, das ich gemeinsam mit Walter Kardinal Brandmüller 2011 publiziert habe, ein Vorwort unter dem Titel „Die Partei der Atheisten“ beisteuerte. In seinem Gespräch mit Christina Rossi erinnert Wagner daran und bringt es so auf den Punkt: „Man kann den Glauben nicht ablehnen, als wäre er eine Erfindung oder eine Fiktion. Für mich sind Vernunft und Glauben gerade kein unzulässiger Widerspruch.“

Wer an Parkinson erkrankt ist, hat keinerlei Hoffnung, geheilt zu werden. Bislang jedenfalls. Es gibt unheilbar Kranke, die gegen ihr Schicksal aufbegehren. Richard Wagner gehört nicht dazu. Schon in seinem Buch „Herr Parkinson“ weist er darauf hin, dass die Empörten an sich immer zahlreicher werden. In „Poetologik“ sagt er es so: „Mit Empörung meine ich, sich gegen die Schöpfung zu empören, gegen die Bedingungen der menschlichen Existenz. Die Menschen möchten ein Leben ohne Grenzen. Sie sind nicht im Stande zu sagen: das ist uns gegeben, jetzt machen wir daraus etwas, aber akzeptieren unsere Grenzen.“

Richard Wagners lyrisches Werk umfasst inzwischen elf Gedichtbände. 1973 ist der erste erschienen und mit „Gold“ legt Wagner eine ausgewählte Sammlung vor, die man wohl mit guten Gründen die lyrische Summe seines bisherigen Lebens nennen darf. Sie umfasst 136 Gedichte und hebt an mit „Der Fischbesprecher“ aus dem Jahr 1972 und endet mit „Tapas“, das 2016 entstand.

„Ich bin ja nicht einer, der auf Strömungen warten muss, weil ich ja nicht denkfaul bin“, verkündet der 28-Jährige 1980 selbstbewusst, und dazu passend 2016: „Meine frühesten Gedichte sind genauso wie das was ich jetzt schreibe.“ Allerdings setzt Wagner selbstironisch hinzu: „Was habe ich denn da in der Zwischenzeit bloß gemacht?“ Sein Gedicht „Biographie“ kennt die Antwort: „Die Wahrheit/ des Alterns scharrt/ über ein Zahnrad/ Es wurde/ vor langer Zeit/ von deinem Kinderblick/ in Gang gesetzt.“

Für den jüngsten Gedichtband „Gold“ hat die Literaturwissenschaftlerin Christina Rossi ein ausführliches Nachwort beigesteuert, das unter dem Richard Wagner zitierenden Titel „Die Poesie gibt einem das, was sie einem nimmt“ uns überaus sachkundig über die Lyrik Wagners Auskunft erteilt. Sie kommt darin zu dem überzeugenden Schluss, dass Richard Wagner als „permanenter Grenzgänger und Aggressor im selbst definierten und zugleich gegen sich selbst abgesteckten Raum seiner eigenen Lyrik blieb“ und „ein umfangreiches, vielgestaltiges und kraftvolles lyrisches Werk“ schaffen konnte. Am 10. April hat Richard Wagner in Berlin-Schöneberg sein 65. Lebensjahr vollendet.

Richard Wagner: Gold: Gedichte. Nachwort von Christina Rossi. Aufbau Verlag 2017, 208 S., ISBN-13: 978-335103-

676-8, EUR 20,–