Wie die Gewalt in den Islam kommt

Die in Mazedonien geborene Zana Ramadani erklärt muslimische Familienstrukturen. Von Katrin Krips-Schmidt

lesenswert sachbuch
Buch-Autorin Zana Ramadani. Foto: dpa

Die schärfste Abrechnung mit dem politischen Islam, die derzeit weit oben in den deutschen Bestsellerlisten zu finden ist, stammt ausgerechnet aus der Feder einer jungen Frau, die selbst in einer muslimischen Familie aufgewachsen ist.

Zana Ramadani, Autorin von „Die verschleierte Gefahr – Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen“, 1984 im mazedonischen Skopje geboren, kam mit ihren Eltern als Siebenjährige nach Siegen in Nordrhein-Westfalen. Dem Magazin „Cicero“ sagte sie in einem Interview: „Alles, was mir Negatives widerfahren ist in meinem Leben, kam aus der islamischen Gesellschaft. Alles, was mir Positives widerfahren ist, kam aus der christlichen Gemeinde. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und Jugend, weil die christliche Gemeinde in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, sehr zusammengehalten hat. Was für mich das Christentum oder das christliche Menschenbild ausmacht, sind Nächstenliebe, Barmherzigkeit und das Sich-für-die-Schwächeren-Einsetzen.“ Das „Negative“, das war für die kleine Zana die frühe Erfahrung, dass vor allem die Mütter in der Familie ihre Kinder je nach Geschlecht ganz unterschiedlich behandeln: Die Söhne werden zu Machos erzogen, die Mädchen, die als zweitrangige Geschöpfe betrachtet werden, genießen weitaus weniger Freiheiten als ihre Brüder. Obwohl die Mütter es in der Hand hätten, das Leben ihrer Töchter zu verändern, vererben sie durch ihre Erziehung das weiter, worunter sie als Mädchen selbst litten: „Die Frauen sind die größten Unterdrücker der Töchter. Es sind die Mütter, die ihren Kindern die frauenfeindlichen Werte einer archaischen Gesellschaft anerziehen. Sie vermitteln den Jungs von klein auf, dass sie mehr wert sind als ihre Schwestern. Sie trichtern ihren Töchtern ein, dass Frauen Bedienstete seien, die zu helfen und den Vater und die Brüder zu bedienen haben. Die Mutter, selbst Sklavin, erzieht ihre Tochter zur nächsten Sklavin der Familie“, und, so fährt Ramadani fort: „Sie bringt ihr bei, dass Frauen sich unterordnen und züchtig kleiden müssen und dass ihr zentraler Lebensraum das Haus ist.“

Ramadani bringt das Ergebnis einer derartigen Sozialisation schonungslos auf den Punkt: „Die Mehrheit der muslimischen Männer hat ein Gewaltproblem. Woher kommt das?“ Jeder Junge lerne schnell, dass es eine Art Prügelhierarchie gibt, bei der die Mutter die Tochter züchtigt, der Vater die Mutter züchtigt. Dieser Islam, so meint sie, gehöre nicht zu Deutschland. Er sei integrationsfeindlich und erzeuge jene Parallelgesellschaften, die an bestimmten Orten bereits existierten. In solche Viertel, wie beispielsweise in Teile der Berliner Bezirke Wedding oder Neukölln, „in denen sich Parallelgesellschaften entwickelt haben, die sich an ein anderes Verständnis von Recht – ihr eigenes –, gebunden fühlen“, wage sie sich nicht mehr hinein. Dort fühle sie sich nicht mehr sicher. „Ich habe einen Kloß im Hals“, schreibt sie, „wenn ich durch ,ihre‘ Straßen gehe. Ich habe das Gefühl, dass mir meine Heimat, meine Sicherheit und meine Freiheit genommen werden. Das heißt: ich muss mich selbst einschränken; ich muss meine Freiheit beschneiden, als Preis für meine Sicherheit. Und angesichts der Zuwanderung aus islamischen Ländern dürfte sich diese Annexion des öffentlichen Raums noch ausbreiten.“

Ramadani kritisiert aber auch die deutsche Gesellschaft. Die Mitbegründerin von FEMEN Deutschland, dem ersten Ableger der in der Ukraine gegründeten Frauenrechtsbewegung, prangert den „Toleranzwahn“ der Deutschen an, wenn es beispielsweise darum geht, nicht eindeutig Stellung gegen die Verschleierung muslimischer Frauen zu beziehen. Die Verschleierung – egal ob Kopftuch, Burka, Hidschab oder Niqab – ist für sie ausnahmslos ein Zeichen der Unterdrückung der Frau und ein Symbol für den politischen Islam. Keineswegs sei die Entscheidung dafür eine freie: „Durch die Duldung der verschiedenen religiös motivierten Erscheinungsformen (beginnend beim Kopftuch) machen wir eine menschenverachtende Gesinnung hoffähig. Eine Gesinnung, die die Würde der Frau nicht achtet. Verschleierung bedeutet Islamismus, Salafismus, Fundamentalismus, Scharia und Dschihadismus. Sie bedeutet Geschlechter-Apartheid und Demokratiefeindlichkeit. Wieso das die deutschen liberalen Kulturrelativisten nicht sehen wollen, ist mir schleierhaft.“

Vor zwei Jahren stieg die gelernte Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte bei FEMEN aus. Dennoch vertritt Ramadani, CDU-Mitglied seit 2010, noch immer feministische Positionen. Allerdings hat sie „etwas gegen einen ganz bestimmten Schlag von Feministinnen“, wie sie kürzlich gegenüber einer süddeutschen Tageszeitung erklärte: „Und zwar gegen jene, die von Frauensolidarität reden, diese aber nicht leben. Die meinen, das einzige Übel sei der westliche weiße Mann, und diesen dürfe man ungehindert kritisieren, während sie Kritik an Angehörigen einer fremden Kultur, die genauso frauenverachtend ist, automatisch als rassistisch bezeichnen. Beim Feminismus geht es um Menschenrechte: Man darf alles und alle kritisieren, die Frauenrechte mit Füßen treten, auch Muslime. Wenn mich Feministinnen deswegen als Rassistin bezeichnen, dann hab ich ein Problem mit deren Verständnis von Feminismus.“

Obwohl Ramadani wegen ihres meinungsstarken Auftretens Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhält, hüllen sich ihre ehemaligen feministischen Gefährtinnen beim Kampf gegen die „Unterdrückung der Frau“ in tiefes Schweigen. Denn „Gesicht“ zeigt frau in diesen Kreisen nur dann, wenn es wohlfeil ist und keine persönlichen Nachteile mit sich bringt. Gerade deshalb ist es wichtig, dass eine derart authentische Stimme wie die der Zana Ramadani nicht ungehört verhallt.

Zana Ramadani: Die verschleierte Gefahr – Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen. Europa Verlag 2017, 264 Seiten, EUR 18,90