Vom Zeitgeist unbeeindruckt

Die Vernunft ist fähig, Wahrheit zu erkennen – Der Philosoph Professor Robert Spaemann feiert morgen seinen 90. Geburtstag. Von Sebastian Krockenberger

Robert Spaemann
„Offenbarungsgläubiger Christ und vernunftgläubiger Philosoph“: Robert Spaemann. Foto: dpa

Gewohnt, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen“, so stellte ein Film schon vor einigen Jahren den Philosophen Robert Spaemann vor. Er bewahre die abendländische Denktradition. „Den Vorwurf, so wie er, könne man heute nicht mehr denken, hat er nie gelten lassen.“ Am 5. Mai 2017 feiert Spaemann seinen 90. Geburtstag. Geboren wurde er 1927 in Berlin.

Die Gewaltherrschaft Hitlers erlebte Spaemann als Schüler. Weil er eine Hitler-Karikatur an eine Schultafel gezeichnet hatte, hätte er fast Probleme mit den Schergen des Regimes bekommen. In einem Interview aus dem Jahr 2009 sagte er: „Soweit ich zurückdenke, haben mich immer Fragen interessiert, von denen ich später erfuhr, dass sie sogenannte philosophische Fragen sind.“ Er sieht einen Zusammenhang damit, dass er im Dritten Reich aufgewachsen ist, „und von Anfang an, beeinflusst durch mein Elternhaus, in vollkommener Opposition zu dem Mainstream der damaligen Zeit stand“. Deshalb stellte er die Voraussetzungen infrage, „auf denen das Ganze beruhte“. Das führt zur Philosophie, „weil man sogenannte letzte Fragen stellt, Fragen, auf deren Nichtaufwerfen die Stabilität unserer normalen Lebenspraxis beruht“.

Spaemann studierte direkt nach dem Krieg Philosophie, Theologie und Romanistik in Münster, München und Fribourg. In Münster bildete sich ein Kreis um den Philosophen Joachim Ritter. Zu dem „Collegium Philosophicum“ gehörten auch die Philosophen Robert Spaemann, Günter Rohrmoser, Odo Marquard, Hermann Lübbe und der spätere Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde.

1952 promovierte Spaemann in Münster über den französischen Staatsmann und Philosophen Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald. Er nahm eine Lektorenstelle beim Stuttgarter Kohlhammer-Verlag an. 1956 kehrte er als Assistent an die Universität Münster zurück, wo er sich 1962 mit einer Arbeit über François Fénelon, einem Geistlichen und Schriftsteller aus der Zeit Ludwigs XIV., habilitierte. Darauf erhielt Spaemann einen Ruf als Professor für Philosophie nach Stuttgart. 1969 kam er nach Heidelberg. Und ab 1972 war er bis zu seiner Emeritierung 1992 Lehrstuhlinhaber an der Universität München. Spaemann zählt aktuell zu den bedeutendsten deutschen Philosophen. Er hatte Gastprofessuren in Paris, Rio de Janeiro und Peking inne. Immer wieder war er als Gesprächspartner der beiden Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu Gast im Vatikan. Bis vor kurzem war er Mitglied der „Päpstlichen Akademie für das Leben“. Er erhielt Ehrendoktorwürden und weitere Ehrungen. Seine Werke erscheinen in 14 Sprachen und werden weltweit gelesen. Als gefragter Interview-Partner äußert er sich regelmäßig zu aktuellen Debatten. Er lehnt die Kernenergie und die Todesstrafe ab. Er spricht sich gegen die Sterbehilfe aus. Erst kürzlich demonstrierte er mit vielen anderen Bürgern bei der Demo für Alle in Stuttgart gegen Indoktrinierung im Zeichen der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ an den Schulen des Landes. Spaemann vertritt das Naturrecht und eine Naturteleologie, die auf Aristoteles zurückgehen.

Naturteleologie bedeutet, dass die Werke der Natur ihre Ziele in sich haben. „télos“ ist das griechische Wort für „Ende“, „Ziel“ oder „Zweck“. Die Blumenzwiebel hat das Ziel, dass aus ihr eine Blume wächst. „Das Natürliche als solches ist das nicht vom Menschen gemachte“. Es bestehe „eine schon vorgegebene natürliche Triebdynamik“, legte Spaemann in seiner Sammlung „Philosophische Essays“ dar. Menschen, Tiere und Pflanzen sind „schon von Natur auf etwas aus“.

Natur als Natur achten und anerkennen

Mit Philosophen wie Francis Bacon (1561–1626) erschien am Beginn der Neuzeit „das Interesse an uneingeschränkter Naturbeherrschung“. „Einer Natur, die von sich her auf nichts aus ist, kann man auch keine Gewalt antun. Der Unterschied zwischen natürlicher und gewaltsamer Bewegung entfällt damit“, erklärt Spaemann. Er zitiert Thomas Hobbes (1588–1679), der aus diesem Herrschaftsanspruch über die Natur ein Verständnis von naturwissenschaftlicher Erkenntnis ableitet. „Eine Sache kennen“ heiße nach Hobbes, „to know what we can do with it when we have it“ („zu wissen, was wir damit tun können, wenn wir es haben“). Dem stellt sich Spaemann entgegen.

„Freiheit außerhalb und jenseits der Grenzen der Natur ist nicht Freiheit, sondern Destruktion“, sagt er in dem autobiographischen Interview-Band „Über Gott und die Welt“. Deshalb positioniert sich Spaemann auch gegen die Gender-Ideologie, die die natürliche geschlechtliche Polarität von Mann und Frau nicht anerkennt. Spaemann bezeichnet das „Gender-Mainstreaming“ als eine „Emanzipation von unserer Natur“.

Der Glaube spielt für Spaemann seit seiner Kindheit eine Rolle. Seine Eltern waren konvertiert. Früh starb seine Mutter. 1942 ließ sich sein Vater in Münster von Bischof Graf von Galen zum Priester weihen. Spaemann bezeichnet sich selbst als „offenbarungsgläubigen Christen und vernunftgläubigen Philosophen“. Ohne Scheu vor „denkerischen Abenteuern“ begann er das Philosophie-Studium, „weil ich der Überzeugung war, dass der christliche Glaube, und zwar in seiner katholischen Version, wahr ist und dass deshalb alles, was man als vernünftig einzusehen gelernt hat, mit diesem Glauben vereinbar sein muss“.

Die alte Messe liegt Spaemann am Herzen. Am Anfang sei er ein Freund der Liturgiereform gewesen. „Aber dann hatte ich gemerkt, dass etwas stattfand, was ich überhaupt nicht gutheißen konnte, eine Profanierung, eine Banalisierung, auch das Infragestellen vieler fundamentaler Glaubenswahrheiten.“ Das sei nicht wesentlich für die neue Messe, man könne die neue Messe ganz schön und rechtgläubig feiern. Im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach besuchte er eine Messe der Piusbruderschaft, die damals dort die alte Messe in einer Industriebaracke feierte. „Ich war hinterher offen gestanden in Tränen aufgelöst, weil ich nach vielen Jahren auf einmal sah, was die Messe auch sein kann“, berichtet Spaemann in dem Interview aus dem Jahr 2009. Mittlerweile besucht er regelmäßig die Sonntagsmesse der Stuttgarter Niederlassung der Petrusbruderschaft.

2013 und 2016 erschienen seine Meditationen über die Psalmen in zwei Bänden. Über die Jahrzehnte sind diese Texte entstanden. Der Theologe Hans Urs von Balthasar (1905–1988) hatte ihn schon vor Jahren zur Veröffentlichung ermuntert. Spaemann wollte das aber erst nach seiner aktiven Zeit „als Lehrer der Philosophie“. Die „Meditationen eines Christen“ geben Zeugnis von seinem tiefen Glauben. Nach und nach zieht sich Spaemann aus der Öffentlichkeit zurück.

Ende April 2016 hat Spaemann in einem weltweit beachteten Interview gegenüber der Nachrichtenagentur CNA das Schreiben „Amoris laetitia“ scharf angegriffen. Er erkennt in dem Schreiben einen Bruch mit der kirchlichen Lehrtradition. „Die Kirche hat keine Vollmacht, ohne vorherige Umkehr, ungeordnete sexuelle Beziehungen durch die Spendung von Sakramenten positiv zu sanktionieren und damit der Barmherzigkeit Gottes vorzugreifen“, erklärte Spaemann.

Vom Zeitgeist zeigt sich Spaemann unbeeindruckt, auch wenn er immer wieder in die Zeit hineingesprochen hat. Geistige und gesellschaftliche Phänomene der Zeit hat er zur Kenntnis genommen und durchdacht.

Wie konnte sich ein Philosoph wie Spaemann in einem Umfeld behaupten, das so überhaupt nicht seinem Denken entsprochen hat? Ein Teil der Antwort mag der ständige Bezug zur Vernunft sein. Spaemann hält die Vernunft für fähig, Wahrheit zu erkennen und Wahrheit durch Worte zu erklären. Klar und nüchtern legt er seine Gedankengänge dar. Sein Stil ist gelassen und unaufgeregt. Er will nicht provozieren aus reiner Lust an der Provokation, auch wenn er sich in polarisierten Debatten äußert. Ihm geht es um die vernunftgemäße Erkenntnis der Wahrheit.