Über das Wirken der kleinen Herde

Warum Katholiken die Positionen der Kirche mutig verteidigen müssen. Von Professor Werner Münch

Zahl der Schafe in Thüringen sinkt
Diese freundliche Schafsherde hat den Blick vertrauensvoll auf den Hirten gerichtet. Für Katholiken zählt „die Bereitsch... Foto: dpa

Was bedeutet in unserem Glauben die „kleine Herde“? Sicher ist, dass sie gegenüber einer größeren Einheit in der Minderheit ist. Manchmal ist sie sogar unsichtbar, weil sie im Verborgenen wirkt, aber sie hat immer ein klares Ziel, steht für Positionen ein, die sie mutig verteidigt, und sie gibt nicht auf. Für sie steht im Zentrum die Bereitschaft, die Wahrheit nicht zu verleugnen oder zu verzerren, das heißt entschieden für Jesus Christus und seine Botschaft einzutreten.

Die Kirche stellt in der Nachfolge Christi, des Einen, die Schar der Wenigen, also der „kleinen Herde“ dar, durch die Gott die Welt retten will. Und dabei wird sie aus dem Evangelium gestärkt, in dem es heißt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mat 18, 20). Das Wirken der „kleinen Herde“ fängt bei jedem Einzelnen an, oft zuerst im Gebet. Und dieser Beter ist häufig unsichtbar, wie eine Wurzel, die man nicht sieht, aber ohne die es keine Blüten gibt, die man später bewundern kann. Die „kleine Herde“ will Sauerteig sein, eine kleine Pflanze, die wächst, der „heilige Rest“, von dem Jesaja spricht (Jesaja 28, 5–22).

Einige Beispiele, wo das Wirken der „kleinen Herde“ in der Gesellschaft notwendig ist. Erstens: Die Ökologie der Schöpfung wird zunehmend ernster genommen, aber bei der „Ökologie des Menschen“ – ein Wort von Papst Benedikt XVI. em. – ist unsere Gesellschaft oft nicht bereit, ihre geistig-moralische Verunreinigung zu erkennen und zu verändern, weil der Kult des Ego und das Einfordern der totalen persönlichen Freiheit oft zu groß sind. Es kommt zu vielfachen Entartungen in der Anerkennung der Menschenrechte und der menschlichen Würde. Der Mensch ist nicht mehr Geschöpf Gottes, sondern er wird oft zur ausgebeuteten Verfügungsmasse.

Zweitens: Wenn der Mensch mit seiner Rolle als Geschöpf Gottes nicht mehr zufrieden ist und anfängt, Schöpfer zu spielen, besessen von seinem Machbarkeitswahn, dann kennt er keine Grenzen mehr in seinem blinden Ehrgeiz, den Menschen zu manipulieren. Dann bestimmt er, wann sein Leben beginnen darf und wann es enden muss. Damit verweigert er die Anerkennung, dass jedes menschliche Leben heilig ist und Gott allein über Leben und Tod entscheidet.

Drittens: Seit etlichen Jahren liegt in Deutschland die Zahl der Abtreibungen, unabhängig von der unbekannten Dunkelziffer, bei über 100 000 pro Jahr, obwohl Abtreibungen, von klar definierten Ausnahmen abgesehen, verboten sind, auch wenn sie straffrei bleiben. Diese Praxis verstößt gegen das Naturrecht und unser Grundgesetz und missachtet außerdem die Position des Bundesverfassungsgerichtes, in der unter anderem ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass das ungeborene Kind ein eigenes Lebensrecht hat. Bei uns sind wir aber inzwischen so weit gekommen, dass wir als Fundamentalisten beschimpft werden, wenn wir uns auf ein Urteil unseres höchsten deutschen Gerichtes berufen! Es bleibt unglaubwürdig und zynisch, wenn unsere Regierung eine „Willkommenskultur“ für jeden Menschen aus der ganzen Welt fordert, der nach Deutschland kommt, aber gleichzeitig der Tötung von hilflosen ungeborenen Kindern im Mutterleib zustimmt und mit Steuermitteln finanziert.

Viertens: Die Gender-Ideologie, die die geschlechtliche Identität des Menschen zur freien Wahl stellt, will im Kampf gegen das christliche Menschenbild eine anthropologische Revolution und stellt dabei auch die Zusammengehörigkeit von Geschlechtlichkeit und Fortpflanzungsfähigkeit radikal in Frage. Zu dieser Ideologie gehören auch die Forderungen nach jeder Art von Homosexualität, einschließlich der Genehmigung von Homo-„Ehen“, und dem Adoptionsrecht, was ja inzwischen auch so entschieden ist, sowie der Einführung der sogenannten „sexuellen Vielfalt“ in Kindertagesstätten und Schulen. Die Programme und Projekte haben zumeist sogenannte „Sex-Experten“, die der Phädophilie oft gefährlich nahestehen, entwickelt. Diese Konzepte werden auch von Kultusministern der CDU und CSU eingeführt oder sind bereits eingeführt worden, ohne auf die Entwicklungsstufen und die Scham der Kinder Rücksicht zu nehmen

Wir sind in diesem Punkt einer „kleinen Herde“ unseren Bischöfe wie Gregor Hanke, Rudolf Vorderholzer, Stefan Oster und Heinz-Josef Algermissen sehr dankbar, dass sie sich gegen Gender-Mainstreaming, gegen die „sexuelle Vielfalt“ und für die Initiative „One of us–Vater-Mutter-Kind“ ausgesprochen haben. Hirten und Herde müssen sich in diesem Kampf verbünden und mutig streiten! Einige Beispiele, wo das Wirken der „kleinen Herde“ in der Politik notwendig ist. Erstens: Der Einfluss gläubiger Christen auf die Politik hat dramatisch abgenommen. Diejenigen, die heute ihre Überzeugung auf der Basis ihres christlichen Glaubens vertreten, werden oft als Fundamentalisten oder sogar als Rechtsradikale diffamiert und ziehen sich nicht selten aus dem politischen Leben zurück oder werden zu Gegnern des politischen Systems.

So handeln auch die Bürger, die das Gefühl haben, dass sich die Politik um ihre Sorgen nicht mehr kümmert. Das führt dann zu Recht zum Verlust an Respekt, Vertrauen, Wertschätzung und Solidarität mit den etablierten Parteien.

Zweitens: In einer Demokratie dürfen wir nicht hinnehmen, dass neue Parteien, nur weil sie für andere politische Konkurrenten geworden sind, pauschal unter Generalverdacht gestellt und diffamiert werden. Ist es nicht lächerlich, wenn der Deutsche Bundestag kurz vor einer Bundestagswahl seine Geschäftsordnung ändert, um einen möglichen Alterspräsidenten von der AfD zu verhindern? Sind unsere Parlamentarier zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Konkurrenten nicht mehr bereit oder fähig, wie sie in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, oder haben sie Angst vor dem Verlust ihrer Macht? Auch die Bischöfe könnten zahlreiche Positionen bei allen Parteien finden, die christlichen Wertvorstellungen nicht entsprechen. Es gibt keinen Grund, sich mit seiner Kritik ausschließlich auf eine bestimmte Partei zu konzentrieren. Auch nach der Entscheidung des Deutschen Bundestages zur „Ehe für alle“ war die Reaktion der Deutschen Bischofskonferenz aus meiner Sicht viel zu schwach. Ein früheres Hirtenwort gegen Gender Mainstreaming, das die jetzige Entscheidung befördert hat, wäre notwendig und besser gewesen.

Drittens: Erst nach massenhaften sexuellen Übergriffen in mehreren deutschen Großstädten, besonders in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln, wurden schwere Straftaten von mehrheitlich nordafrikanischen Tätern öffentlich thematisiert, aber auch erst dann, als die Anzahl der Frauen, die Anzeige erstatteten, und die Empörung der Öffentlichkeit immer größer wurden. Aber sehr früh wurden Menschen verspottet, die sagten, dass sie um ihre Sicherheit fürchten. Darf sich der Bürger keine Sorgen mehr um seine Zukunft machen? Darf er keine Angst mehr haben, sich im Dunkeln auf die Straße zu trauen, weil er von der aktuellen Kriminal-Statistik gewarnt wird? Es kann doch nicht sein, dass jede ernsthafte Kritik lediglich mit mahnenden Worthülsen bedacht wird: „Kein Generalverdacht!“, „Keine Überreaktion!“, „Es gibt doch auch deutsche Kriminelle!“, „Es sind alles Einzelfälle!“, „Der terroristische Akt eines Islamisten hat nichts mit dem Islam zu tun!“, „Gewalt gegen Frauen durch Nordafrikaner? Nicht überbewerten, solche Gewalt gibt es auch in deutschen Ehen!“. Wer so kommuniziert, ignoriert in unsensibler, arroganter Weise die berechtigten Anliegen der Bürger.

Viertens: Eine Demokratie, in der die Regierungschefin beansprucht, dass ihre Politik „alternativlos“ ist, wird jedem unheimlich. Norbert Bolz, ein Medienexperte an der Technischen Universität in Berlin, hat im Zusammenhang mit dem Schmähgedicht von Jan Böhmermann gegen Erdogan und der Reaktion darauf von Angela Merkel gegenüber dieser Zeitung das Unbehagen vieler Bürger pointiert artikuliert: „Ich bin vor Scham in den Boden versunken. (…) Frau Merkel ist wirklich eine tolle Mischung aus Bergpredigt und Machiavelli“ (Vgl. „Die Tagespost“ vom 14. Mai 2016). Gerade in der aktuellen Politik gibt es viele Möglichkeiten für die „kleine Herde“, sich gegen den politischen mainstream zu wehren, der nicht selten Grundlagen unseres katholischen Glaubens negiert oder in Frage stellt. Wesentliche Positionen der „kleinen Herde“ zu Fragen von Glaube und Kirche.

Erstens: Grundsätzlich ist klar: Man kann sich nicht ein eigenes religiöses Programm zusammenstellen. Kein Christ kann die Wahrheit, die von Gott kommt, negieren oder zum „Christentum light“ degradieren. Die Wahrheiten Christi sind unveränderbar. Man kann sie annehmen oder ablehnen, aber nicht verändern.

Zweitens: Ich stimme dem verstorbenen Kardinal Meisner zu, der die Meinung vertreten hat, dass wir keine ständige weitere Verweltlichung brauchen, bei der sich irgendwann „die Seelsorge zur Psychotherapie, die Mission zur Entwicklungshilfe, die Caritas zur Sozialarbeit, der Gottesdienst zur liturgischen Folklore, die ansprechend sein muss, und die Lehre von den letzten Dingen zu einem innerweltlichen Fortschrittsglauben“ wird (zit. in: Norbert Blaichinger im Gespräch mit Pfarrer Dr. Gerhard M. Wagner, Ganz katholisch. Maria-Hl. Messe-Papst. Sn. 363 f.). Schade, dass Kardinal Meisner nicht mehr als aktiver Mahner unter uns ist!

Drittens: Und genau dies ist auch der Grund dafür, dass sich so viele von der Kirche zurückziehen. Die Behauptung, die uns immer wieder aufgetischt wird, dass sich die sogenannten „fortschrittlichen“ Gläubigen von der Kirche deshalb fernhalten, weil sie nicht „modern“ genug sei, stimmt doch bestenfalls nur zum Teil. Tatsächlich leiden viele Gläubige darunter, dass wesentliche Dinge aufgegeben worden sind, etwa in der Liturgie, und uns politische Predigten und Fürbitten zugemutet werden. Der Geist, um den wir bitten, ist der Heilige Geist und nicht der Zeitgeist, und zwar zu Glaubens – und nicht zu politischen Fragen. Der jahrelange Anpassungskurs an die sogenannte „Moderne“ hat den Niedergang unserer Kirche nicht aufgehalten, sondern beschleunigt.

Fünftens: Von Bischof Algermissen stammt das Wort: „Es ist ein Symptom, wenn Kreuze aus Klassenzimmern und Gerichtssälen entfernt werden. Kreuze aber aus politischen Gründen wegen eines faulen Kompromisses abzulegen, ist verantwortungslos“ (in: „Der Fels“, 1/2017, S. 5). Jawohl: Für eine solche Anpassung, Unterwerfung und Glaubensverleugnung haben wir kein Verständnis, denn zum Christen gehört ein klares Bekenntnis zum Gekreuzigten. Dies muss man erst recht von einem Kardinal bei einem Besuch auf dem Tempelberg erwarten.

Im Wirken der „kleinen Herde“ geht es also vor allem um ein mutiges Eintreten für unseren Glauben und die Wahrheit. Dabei darf es keine Verwässerung durch den Zeitgeist geben. Unser Kampf für Menschenrechte, die Menschenwürde und für Ehe und Familie stehen im Zentrum. Das Eintreten für seinen Glauben muss jeder mit Überzeugung und Begeisterung tun. Der heilige Augustinus lehrt uns: „Nur wer selbst brennt, kann Feuer entfachen“. Die Weitergabe unseres Glaubens an die kommenden Generationen ist die Überlebensfrage des Christentums. Dabei muss die „kleine Herde“ standhaft und mutig sein. Und Christus selbst macht uns Mut bei der Erfüllung unserer Aufgabe, indem er uns zugesagt hat: „Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mat 28, 20) und auch: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde; denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben“ (Luk 12, 32).

Vom Autor ist aktuell bei Media Maria das Buch „Freiheit ohne Gott. Kirche und Politik in der Verantwortung“

erschienen, dem dieser Text in

gekürzter Fassung entnommen ist.