Traditionspflege ist eine wertende Auswahl

Neue Bewegung in der Bundeswehr – Wieso die Kriegsheldenverehrung der Nazis und Kommunisten nicht zur Armee eines demokratischen Staates passt. Von Jakob Knab

Hat den Kampf mit einer fragwürdigen Traditionspflege aufgenommen: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Foto: dpa

In der Bundeswehr gärt und brodelt es. Nach ihrem Besuch vom 3. Mai 2017 in der Kaserne von Illkirch tat Bundesministerin von der Leyen kund: „Die Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr. Einzige Ausnahme sind einige herausragende Einzeltaten im Widerstand. Aber sonst hat die Wehrmacht nichts mit der Bundeswehr gemein. Und das ist nichts Neues, das ist eine Selbstverständlichkeit in der Bundeswehr. Das ist Allgemeinwissen, das von allen getragen werden muss.“ Hilfreich ist hier ein Blick in die Geschichte der Bundeswehr. Denn Tradition soll verantwortungsbewusste Auswahl aus der Geschichte sein, die sich am Werterahmen des Grundgesetzes orientiert. Daher soll sich die Bundeswehr vorrangig auf die freiheitlichen Werte der deutschen Militärgeschichte stützen. Wenn Persönlichkeiten als traditionswürdig ausgewählt werden, dann geht es um Fragen des Umgangs mit der Geschichte unseres Landes.

Tradition ist jener Teil der Geschichte, der über Generationen hinweg im Bewusstsein der Menschen überdauert und in vielen Situationen ihr Handeln leitet. Ereignisse, Personen und Leistungen aus der Geschichte, die Leitbild für die Zukunft sind, bilden Tradition, weil sie hohe moralische Werte, beispielhafte Tugenden, herausragendes Handeln repräsentieren. Wir sind nicht frei in der Wahl unserer Geschichte, wir können aber frei entscheiden, was aus dieser Geschichte wir als Tradition nehmen wollen. Traditionspflege ist wertende Auswahl aus der Geschichte. Dabei haben wir Deutsche es schwerer als andere. Fehlentwicklungen, Brüche, ja Katastrophen in der deutschen Geschichte, besonders im 20. Jahrhundert, erschweren auch die Traditionspflege in der Bundeswehr. Sie erfordern ein hohes Maß an historischer Kenntnis, politischer Bildung und moralischer Urteilskraft.

So wird im nächsten Jahr der Standort Rheine mit seiner „Blank-Kaserne“ aufgelöst. Es ist erstaunlich und bedrückend zugleich, dass sich nur eine Handvoll Offiziere für den Erhalt des Traditionsnamens Blank aussprachen. Man spricht hier von der „Transportabilität der Traditionspflege“, denn es wurde eine neue Liegenschaft gesucht, die nun nach diesem Gründervater der Bundeswehr benannt werden kann. Wer war Theodor Blank? Ab Oktober 1950 leitete der rheinische Katholik, christliche Gewerkschaftler und ehemalige Oberleutnant der Reserve das „Amt Blank“. Zehn Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht überreichte Theodor Blank, der am 7. Juni 1955 zum ersten Bundesminister für Verteidigung ernannt worden war, den ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr die Ernennungsurkunden. Es war der 12. November 1955, der Tag, an dem 200 Jahre zuvor der preußische Militärreformer Scharnhorst geboren worden war. Minister Blank hatte dieses Datum mit Bedacht gewählt; denn beim Aufbau der Bundeswehr wollte er an eine historisch unbelastete Tradition anknüpfen. In einer Rede vor dem Bundestag im Juni 1955 bekundete Blank den Anspruch: „Der Charakter der neuen Streitkräfte wird nicht nur durch Gesetze bestimmt werden, sondern ebenso durch Persönlichkeiten, die in die führenden Stellungen zu berufen sein werden. Von ihnen wird es abhängen, ob ein fortschrittlicher Geist die neuen Verbände beherrscht.“ Damit bezog er Stellung gegen ein Soldatentum „sui generis“. Die Rede von „zeitlosen soldatischen Tugenden“ und von „ewigen Werten des Soldatentums“ blieb ihm fremd. Blanks Wehrprogramm blieb umstritten. Blank streckte resigniert die Waffen; so wurde er bereits im Oktober 1956 durch seinen politischen Gegenspieler Franz Josef Strauß (CSU) abgelöst und ersetzt.

Freilich: Niemand in der Bundeswehr kommt nun auf die Idee, die Lent-Kaserne in Rotenburg (Wümme) einfach in „Theodor-Blank-Kaserne“ umzubenennen. Zum historischen Hintergrund. Der Angriff auf Polen war der Auftakt zum Vernichtungskrieg. Vor dem Angriff auf Krakau am 1. September 1939 notierte Leutnant Helmut Lent: „Jeder von uns weiß, dass heute ein schicksalschwerer Abschnitt Weltgeschichte beginnt, der nicht mit Worten und auf Papier, sondern mit Blut geschrieben wird. Jeder von uns ist sich seiner Verantwortung bewusst, dass er mit dazu beizutragen hat, dass das deutsche Volk vor der Geschichte bestehen kann, dass Deutscher Fliegergeist im neuen Glanze erstrahlt, dass des Führers Hoffnung auf seine Luftwaffe nicht enttäuscht wird.“ Lent enttäuschte seinen „Führer“ nicht. In stolzer Trauer sprach Lent von jenen gefallenen Soldaten, deren Heldentod „unvergängliche Lorbeeren an die Fahnen deutschen Soldatentums heftete“. Am 22. Juni 1944, am dritten Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion, sprach Lent vom Endsieg: „Wir sind in der entscheidenden Phase dieses Krieges angelangt. Durch den Einsatz unserer neuen Waffen ist das Vertrauen nicht nur des deutschen Menschen in der Heimat, sondern auch des deutschen Soldaten an der Front zur Führung und vor allem auch zum Endsieg unerhört gewachsen. Ich bin gewiss, dass der Endsieg nicht mehr fern ist.“

In seiner kriegerischen Tüchtigkeit war der hochdekorierte Lent unübertroffen. Aber in seiner innersten Zone des Fühlens und Denkens blieb er seiner angestammten protestantischen Gläubigkeit treu. Von Ängsten geplagt entwarf er seine eigene Todesanzeige: „Im festen Glauben an Jesus Christus hat der Brillantenträger Oberstleutnant Helmut Lent sein Leben im Einsatz für sein Vaterland vollendet.“ Beim Staatsakt für den tödlich verunglückten Lent sprach Reichsmarschall Göring von dessen „unvergänglichem Heldentum“. Auf Anregung von General Josef Kammhuber wurde im Juli 1964 die Liegenschaft im niedersächsischen Rotenburg nach Lent benannt. Seit nunmehr vier Jahren wird um eine mögliche Umbenennung gestritten. Heldenkult und Traditionspflege sind heroisierende Darstellungen von Geschichte. Heldenverehrung finden wir in allen Kulturen. Heldenmythen handeln von heroischen Gestalten, deren Leben und Sterben als geschichtsmächtig erfahren wird. Der Held ragt aus der Menge der gewöhnlichen Menschen heraus. Zum Wesen des Helden gehört Lebensmut und Todesverachtung. Die größte Heldentat besteht darin, sein Leben für das Volk zu wagen und zu opfern. Der Held darf den Tod nicht fürchten, weder den eigenen, noch den des anderen; er muss die Todesangst ebenso wie die Tötungshemmung überwinden.

Es ist diese Sphäre des Außergewöhnlichen, welche Helden (echte und falsche) so verlockend für ideologische Instrumentalisierung macht. Das wusste man übrigens auch in der DDR. Eine schlimme Entgleisung der Politpropaganda, nachzulesen in „Die marxistisch-leninistische Ästhetik und die Erziehung des Soldaten“ (Militärverlag der DDR, Berlin 1979), führen diese Zeilen vor Augen: „Um eines hohen Zieles willen ist der Heldentod schön, denn er bejaht und rühmt das Leben, angesichts des Todes. Dank der moralischen Schönheit einer Handlung unter tragischen Umständen entfaltet sich jene kraftvolle emotionale Erregung und Anspannung, die man gewöhnlich als Gefechtsrausch bezeichnet. Leider wird in einigen Kunstwerken das hässliche Gesicht des Krieges allzu detailliert mit all seinen Grausamkeiten beschrieben. Die naturalistische Darstellung ,bloßes Entsetzen‘ verhüllt das Wichtigste in einem gerechten Krieg – seine ideelle Schönheit. Die Darstellung des entsetzlichen Antlitzes, das der Krieg auch besitzt, setzt so den ideellen Wert der Schönheit einer Heldentat herab und erzeugt unter Umständen pazifistische Stimmungen. Ein Krieg zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes ist schön. Ein solcher Kampf lässt beim Soldaten keine niedrigen Gefühle aufkommen, sondern ruft starke, reine Leidenschaft hervor, entfaltet im Menschen wahrhaft Schönes und Menschliches.“

Deutschlands verehrter Kriegsheld ist dennoch kein DDR-Kämpfer, sondern Erwin Rommel. Bei der Bundeswehr gibt es Rommel-Kasernen in Augustdorf und in Dornstadt. Ab Februar 1941 war Rommel der Oberbefehlshaber des Deutschen Afrika-Korps. Von der Kriegspropaganda wurde Rommel in den hehren Kreis preußischer Militärgrößen emporgehoben: „Was wäre Sedan ohne Moltke, Tannenberg ohne Hindenburg, Waterloo ohne Blücher und Gneisenau, (...), was wäre der Kampf in Nordafrika ohne die glänzende Fechterkunst des Generalobersten Rommel?“ Am 21. Juni 1942 fiel nach schweren Kämpfen die Festung Tobruk. Tagesbefehl Rommels an seine tapferen Krieger: „Soldaten der Panzerarmee Afrika! Jetzt gilt es, den Gegner vollends zu vernichten.“ Auf der Titelseite des „Völkischen Beobachters“ prangte in riesigen Buchstaben: „Rommels herrlicher Sieg“. Hitler sprach vom „geschichtlichen Wendepunkt“: „Die Göttin des Schlachtenglücks streicht an den Feldherrn nur einmal vorbei. Wer sie in einem solchen Augenblick nicht erfasst, wird sie oft niemals mehr einzuholen vermögen.“ Der „Führer“ überreichte Rommel den Marschallstab. Rommel hatte den Höhepunkt seines militärischen Ruhms erreicht.

Rommels Propagandarede „Entscheidungsschlacht im Westen“ für die Wochenschau Mitte Mai 1944 markierte ein letztes Aufbäumen: „Wir wollen am Atlantikwall nicht Deckung nehmen, wir wollen in erster Linie kämpfen und schießen können. Der angreifende Gegner muss in ein tödliches Staunen fallen!“ Doch in einer Lagebetrachtung vom 15. Juli 1944 übte Rommel Kritik an Hitlers Kriegsführung. Rommel wusste auch um die Pläne der Verschwörer. Indes: Als Rommel auf dem Krankenlager von Stauffenbergs Tat erfuhr, schrieb er an seine Frau: „Zu meinem Unfall hat mich das Attentat auf den Führer besonders stark erschüttert. Man kann Gott danken, dass es so gut abgegangen ist.“ In das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Rommel dadurch hineingezogen, da er auch durch Äußerungen seines Generalstabschefs Hans Speidel belastet wurde. Am 14. Oktober 1944 wurde Rommel vor die Wahl gestellt, eine Giftkapsel zu schlucken oder wegen Hochverrats vor den Volksgerichtshof gestellt zu werden. Rommel wählte den Freitod.

Mit seinem Tagesbefehl förderte Hitler den Heldenkult: „Mit ihm ist einer unserer besten Heerführer dahingegangen. Sein Name ist im gegenwärtigen Schicksalskampf des deutschen Volkes der Inbegriff für hervorragende Tapferkeit und unerschrockenes Draufgängertum. Das Heer senkt vor diesem großen Soldaten in stolzer Trauer die Reichskriegsflagge. Sein Name ist in die Geschichte des deutschen Volkes eingegangen.“ In seiner Trauerrede sprach Generalfeldmarschall von Runstedt die markigen und zynischen Worte: „Der unermüdliche Kämpfer war erfüllt von nationalsozialistischen Geist, der die Kraftquelle und Grundlage seines Handelns bildete. Sein Herz gehörte dem Führer. Das deutsche Volk aber hat in einer geradezu einmaligen Art den Generalfeldmarschall Rommel geliebt und gefeiert. Sein Leben für Deutschland hat durch die Berufung zur großen Armee seine Krönung erfahren.“

Was lehrt uns die Geschichte? Für uns bleiben diese gültigen Einsichten einer kirchlichen Friedensethik: „Das Lob der Tapferkeit hängt von der Gerechtigkeit ab“ (Thomas von Aquin) sowie „Tapferkeit ohne Gerechtigkeit ist ein Hebel des Bösen“ (Ambrosius). Oder in den Worten des einsamen und vergessenen Rufers in der Kriegswüste Theodor Haecker, der am 13. Mai 1940 diese eindringliche Kritik an der Wehrmacht übte: „Der deutsche Soldat ist deshalb der stärkste und furchtbarste, als Soldat an sich, weil er nicht zu wissen braucht, wofür er kämpft. Wer ihn dabei zu packen versteht, kann das verworfenste Subjekt sein und das Volk mit Sicherheit in das größte Elend führen.“

Und was heißt das für heute? Zu Recht empört sich jeder historisch aufgeklärte Deutsche über jene Hamburger Provinzposse, das Foto, welches den jungen Leutnant Helmut Schmidt in der Uniform der Wehrmacht zeigt, abzuhängen. Es gibt wohl ein übles Übersoll an vorauseilendem Gehorsam! Und noch etwas sei gesagt: Auch in meinem Elternhaus, irgendwo in der altbairischen Provinz, hängen die Soldaten-Fotos meiner Onkel, die an der russischen Front gefallen sind, an der Wand. Es zeugt von tiefer Frömmigkeit, wenn meine Mutter täglich für ihre gefallenen Brüder Franz, Pius und Johann einen schmerhaften Rosenkranz betet. Dies hat rein gar nichts mit unaufgeklärter Kriegsnostalgie zu tun! Traditionspflege in der Bundeswehr freilich ist Geschichtspolitik. Hier gelten die Normen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO). Es ist vornehmste Aufgabe der Bundeswehr, die Grundwerte Recht, Freiheit und Menschwürde zu schützen und zu verteidigen. So differenziert sollte man es schon sehen: als Bürger, Demokrat und Katholik.

Der Autor ist Gründer und Sprecher der „Initiative gegen falsche Glorie“. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichtspolitik und zur Erinnerungskultur. Aktuell ist von ihm das Buch „Luther und die Deutschen 1517–2017“ (Donat Verlag) erschienen.