Moralphilosophie im Gewand der Unterhaltung

„Es gibt kein größeres Vergnügen als zu lesen“ – Vor 200 Jahren starb die englische Schriftstellerin Jane Austen. Von Katrin Krips-Schmidt

Jane Austen, gemalt von ihrer Schwester Cassandra. Foto: IN

Dass der erste Satz eines Zeitungsartikels – heute würde man neudeutsch „Teaser“ sagen – darüber entscheidet, ob der Leser bei der Stange bleibt, gilt auch für andere Texte. Man denke nur an Prousts viel zitierte Madeleine-Episode in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“. Auch die britische Schriftstellerin Jane Austen, die am 18. Juli vor 200 Jahren mit nur 41 Jahren verstarb, war sich der Wirkung eines plakativen Satzes bewusst, den sie an den Anfang ihres zweiten, 1813 erschienenen Romans „Stolz und Vorurteil“ stellte: „Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens sich nichts mehr wünschen muss als eine Frau.“ Mit dieser Einleitung wird in ironischer Weise der nun folgende Plot auf eine griffige Formel gebracht – allerdings in genauer Verkehrung des tatsächlichen Handlungsverlaufs: Bekanntlich geht in „Stolz und Vorurteil“ nicht der Junggeselle auf Brautschau, sondern die fünf Töchter einer unvermögenden Familie sind auf Partnersuche. Damit offenbart sich ein weiterer Zug von Austens außergewöhnlicher literarischer Begabung: Ihre Fähigkeit, mit Ironie zu spielen und in ihren Dialogen satirische Untertöne gezielt zu platzieren. Samuel Beckett nannte sie die „göttliche Jane“, für Chesterton war sie „ganz einfach: ein Genie“.

Die Meisterin der Sprache und des Wortwitzes war aber auch eine scharfe Beobachterin ihres eigenen Umfeldes, aus dem sie ihre Motive schöpfte. Die Schauplätze ihrer Romane sind die Herren- und Pfarrhäuser im Süden Englands, ihre Protagonisten stammen aus der „Landed Gentry“ und damit aus dem niederen Landadel und dem gehobenen Bürgertum, die über Grundbesitz verfügten. Oft wirft man ihr vor, sie habe die gesellschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit in ihren Texten ignoriert. Französische Revolution, Verelendung der unteren gesellschaftlichen Schichten, Sklavenhandel – all dies kam in ihren Romanen tatsächlich nicht vor. Austen hatte den Anspruch, nur das aufzuzeichnen, was sich in der Welt zutrug, die sie aus eigener Anschauung kannte.

Die am 16. Dezember 1775 in Steventon in der Grafschaft Hampshire geborene Austen entstammte selbst der Gentry und wuchs als siebentes von acht Geschwistern in einer maskulin geprägten Umgebung mit sechs Brüdern auf. Zu ihrer Vertrauten wurde ihre einzige Schwester Cassandra Elizabeth. Der Beruf ihres Vaters sollte nicht nur ihre Kindheit, sondern ihr ganzes Leben maßgeblich beeinflussen. George Austen war anglikanischer Pastor. Im Hause Austen soll es sehr lebhaft und heiter zugegangen sein. Jane erhielt eine ungewöhnlich gute Ausbildung und lernte früh lesen. Alle in der Familie waren passionierte Leser. Die für damalige Verhältnisse äußerst umfangreiche Hausbibliothek nahm gute sechs Quadratmeter Wand ein und umfasste unter anderem Werke von Henry Fielding, Alexander Pope und Samuel Johnson.

Von 1801 bis 1806 lebte die Familie im Kurort Bath. Der Tod des Vaters war Anlass für erneute Umzüge – zunächst nach Southampton, anschließend nach Chawton. Ihre ersten Schreibversuche, kurze Prosastücke und Gedichte, mit denen sie ihre Verwandten beschenkte, unternahm Austen bereits mit zwölf Jahren. Ihre ersten beiden Romane schrieb Austen im Alter zwischen 19 und 22 Jahren. Sie wurden jedoch erst posthum veröffentlicht. 1811 erschien „Sense and Sensibility“ („Verstand und Gefühl“), wie alle vier zu Lebzeiten publizierten Werke anonym – nur mit der Angabe „By a Lady“ („Von einer Lady“). Im Haus in Chawton, das heute ein kleines Museum ist (Jane Austen's House Museum), arbeitete sie bis kurz vor ihrem Tod. Sie starb in Winchester, vermutlich an der damals unheilbaren Addisonschen Krankheit (Nebennierenrindeninsuffizienz). Beigesetzt wurde sie in der Kathedrale von Winchester.

Obwohl Austen in ihren Texten um das Ehethema kreist, blieb sie selbst, wie auch ihre Schwester, unverheiratet; einen Heiratsantrag eines wohlhabenden Mannes lehnte sie 1802 nach schweren inneren Kämpfen ab.

Zur Verbreitung ihres beachtlichen Bekanntheitsgrades haben die vielen Verfilmungen beigetragen, die seit den vierziger Jahren die romantische Vorstellungskraft vor allem eines weiblichen Publikums entfesselten. Die opulent ausgestatteten Spielfilme in nostalgischer Atmosphäre haben sich inzwischen zu einem regelrechten Kult entwickelt, was jedoch nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass Austens Schriften gar nicht der literarischen Epoche der Romantik zuzurechnen sind. Es stimmt zwar, dass sich die Dichterin tief in detailgenaue Porträtschilderungen begibt. In ihrer Nüchternheit fühlte sie sich indes eher dem vor-angehenden Zeitalter der Aufklärung verbunden. Die Austen zeitlich nachfolgenden Dichterinnen beklagen jedoch gerade das wenig ausgeprägte romantische Pathos und Gefühl in ihren Romanen. So vermisst Charlotte Brontë bei ihr „die Leidenschaften“, und Margaret Oliphant kritisierte Austens „weiblichen Zynismus“ und ihre „kalten Blicke auf das Leben“. Gerade ihre Fähigkeit zur feinen Menschenanalyse ohne jede mystische Überhöhung oder pathetische Verklärung führten etwa zu dem positiven Urteil von Sir Walter Scott, der „besonders die Genauigkeit der Beobachtung, die sprachliche Eleganz und die vollkommene Beherrschung der Mittel in ihren Werken“ lobte.

Lohnt es sich, Jane Austen auch heute noch zu lesen? In diesem Jahr erscheinen zahlreiche Neuausgaben ihrer Romane. Neben dem literarischen Gewinn, den man aus der Lektüre der Werke Austens zieht, hat uns die Schriftstellerin, die gleichzeitig eine exzellente Moralphilosophin war, auch in philosophischer Hinsicht etwas zu bieten, und das durchaus subtil. Austen schrieb Romane, die der Unterhaltung dienen – wenn es ihr um das Böse geht, so erläutert sie die Verstrickungen ihrer handelnden Figuren an Exempeln, ohne ihre eigene Meinung preiszugeben. Stattdessen sollen ihre Leser selbst zu Schlussfolgerungen über ethisches und unethisches Verhalten gelangen. So behandelt sie in ihren Texten alle sieben Hauptsünden: den Hochmut beispielsweise in „Stolz und Vorurteil“, die Habgier in „Verstand und Gefühl“ und die Wollust in „Mansfield Park“. Mit ihren ethischen Reflexionen erweckt sie auch das Interesse der Moralphilosophie. So befasst sich der schottisch-amerikanische Philosoph Alasdair MacIntyre mit den Werken Austens. Darin entdeckt er, dass sie christliche mit aristotelischen Themen in einem genau festgelegten sozialen Kontext miteinander verbindet, was sie zu einer „letzten wirksamen Stimme der Denktradition der Tugenden“ mache. Dabei ist es in ihrer Tugendethik von Belang, dass es ihr bei Moral nicht um eine bloße Bändigung oder Regulierung der Leidenschaften geht. Wichtiger ist ihr vielmehr die Selbsterkenntnis als intellektuelle und sittliche Tugend. Standhaftigkeit, Treue und Liebenswürdigkeit ergeben sich somit als anzustrebende Tugenden, die dem Fehlverhalten der Protagonisten in den Austen'schen Romanen – wie Stolz, Neid, Ehebruch und Eitelkeit – kontrastierend gegenübergestellt werden und die fundamentale Frage der Ethik nach dem richtigen Handeln beantworten: Wie soll ich leben? Oder: Wie lebe ich richtig? MacIntyre zufolge ist Standhaftigkeit und eine treue Liebe für Austen die oberste aller Tugenden, die sie in all ihren Romanen durch das Vorbild ihrer Protagonisten rühmt.

Der Kult um Jane Austen lebt weiter fort. Ihre Schriften, die zu den Klassikern der englischen Literatur gehören, werden nicht nur alle paar Jahre neu verfilmt. Ihre Motive und die Dichterin selbst regen auch heute noch Schriftsteller, wie etwa Joan Aiken und P.D. James, sowie Filmemacher zu eigenen Produktionen an. So entstand 2007 „Becoming Jane“, eine fiktive Filmbiografie über Jane Austen. An ihrem 200. Todestag, wird der Lady posthum schließlich eine „geldwerte“ Ehre zuteil. An diesem Tag erscheint die von der Bank of England herausgegebene Zehn-Pfund-Note mit dem Konterfei der Dichterin sowie einem Zitat aus „Stolz und Vorurteil“: „Es gibt kein größeres Vergnügen als zu lesen.“

Empfehlenswerte Lektüre:

– Jane Austen: Northanger Abbey. dtv Verlagsgesellschaft 2016, 288 Seiten, 12,00 Euro. Diese Liebesgeschichte und bissige Satire auf Schauerromane, die zur Zeit Austens sehr populär waren, entstand zwischen 1798 und 1803, wurde aber erst posthum veröffentlicht. Als früher Text hebt er sich von den späteren Romanen Austens ab.

– Jane Austen: Stolz und Vorurteil: Penguin Verlag 2017, 640 Seiten, 10 Euro.

– Jane Austen: Mansfield Park. Neu übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. FISCHER Verlag 2017, 576 Seiten, EUR 22,–. Der Roman beleuchtet die moralischen Dilemmata einer Familie.

– Rebecca Ehrenwirth/Nina Lieke: By a Lady – Das Leben der Jane Austen. Lambert Schneider Verlag 2017. 224 Seiten, EUR 24,95

– Holly Ivens: Jane Austen – Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt. Deutsche Verlagsanstalt 2017. 240 Seiten, EUR 14,99