Mein Tagesposting: Vom Reifen im Verborgenen

Von Johannes Hartl

In den vergangenen Tagen hat unser Gebetshaus in Augsburg große Aufmerksamkeit erfahren. Dass sich über 10 000 Christen freudig zum Gebet treffen, ist wunderbar. Dass unser Webstream 100 000 mal geklickt wurde und es dadurch sogar in die YouTube-Charts schaffte und selbst in der „Tagesschau“ so positiv berichtet wurde, ist Anlass zu großer Dankbarkeit. Bei aller Freude darüber entgeht dem öffentlichen Blick das Wesentliche aber nur zu leicht. Dem viertägigen Gebetstreffen ging ein 365-tägiges Gebetstreffen mit ein paar Dutzend Betern voraus. Und dieses ist die Quelle für jenes. Alle Menschen lieben Effekte, jeder ist von vorzeigbaren Resultaten begeistert. Es wäre frömmlerischer Unsinn, wenn wir nicht zugeben würden, dass auch im Gebetshaus all das mit Jubel gefeiert wird. Doch die geistliche Fruchtbarkeit folgt ganz anderen Gesetzen als die der rein natürlichen Effektivität. Menschen der Tat hören das nicht gerne. Verantwortliche in der Kirche, mit denen ich genau darüber spreche, machen auf mich oft den Eindruck, als speicherten sie solche Aussagen in der Kategorie irgendwo zwischen „harmloser Erbaulichkeit“ und „Kalenderspruch für schlichte Gemüter“ ab. Manchmal möchte ich es herausbrüllen, die schütteln, die einmal mehr nach dem „Geheimnis des Erfolgs“ fragen. „Bleibt in mir und ihr bringt reiche Frucht“ (Joh 15, 5), sagt Jesus. Alle Fruchtbarkeit im Außen erwächst also einem Innen, einer innigen Herzensbeziehung. Und man muss wahrlich nicht ins Gebetshaus kommen, um das zu lernen.

Tief bewegend für mich war kürzlich ein Besuch im Stift Heiligenkreuz, seit dem Jahr 1133 ein Ort ununterbrochenen Gebets. Die Klöster gerade lehren die Lektion, dass etwas im Verborgenen reifen muss, bevor es Wirkung nach außen entfaltet. Auch Plastikblumen sehen auf den ersten Blick gut aus. Doch sie duften nicht. Echte Blumen aber haben ein unterirdisches Wurzelwerk, das man von außen nicht sieht. Es braucht Zeit zum Wachsen. Alles Echte im Reich Gottes wird im Gebet geboren. Pfingsten ereignete sich erst nach dem einmütigen Verharren der Jünger mit Maria im Obergemach. Tagelanges Warten. Treues Bleiben. Gottes Perspektive auf Effektivität unterscheidet sich oft deutlich von unserer. Und ja: In einer Epoche des Überflusses an pastoralen Plänen hörte es sich sicherlich nicht nach einem überzeugenden Plan an, als im Jahr 2005 eine kleine Gruppe junger Menschen beschloss, mit dem Gebet nicht mehr aufzuhören. Doch dieses treue Beten, Tausende von Stunden, tagaus, tagein ist das Wurzelwerk, dem die Blume der sichtbaren Wirkungen beinahe automatisch folgt. „Beinahe“ will meinen: Gebet ersetzt nicht die Aktivität im Apostolat, sondern inspiriert eben diese. Verleiht ihr erst die Tiefe und innere Mitte. Viele Fromme sind für die Gefahr des Spiritualismus empfänglich. Die trügerische Annahme, „alles passiere von alleine“, wenn man nur bete. Dies geschieht in Ausnahmefällen zwar auch, entspricht aber nicht der Art und Weise, wie Gott es gefällt, Gnade und Natur zusammenwirken zu lassen. Aus dem verborgenen Samen erwächst eine Pflanze. Diese jedoch hat Struktur und Ordnung. Der Herr des Himmels schenkt Sonne und Regen, doch der Bauer tut das Seine.

Dass es heute kein Interesse mehr am Glauben gebe, ist eine Mär. Auch diese Generation wartet auf den Duft echter Blumen. Worte und Konzepte alleine genügen nicht. Sie haben es noch nie.