Mein Tagesposting: Die Avantgarde der Angst

Warum der moderne Mensch Angst vor den eigenen Techniken hat. Von Norbert Bolz

Der archaische Mensch hatte Weltangst, Raumscheu. Der mittelalterliche Mensch hatte Angst vor Gottes Allmacht. Der moderne Mensch hat Angst vor den eigenen Techniken. Um es mit Schleiermachers Definition der Religion zu fassen: Das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit richtet sich heute auf die Technik. Das ist eine genaue Reaktionsbildung auf die Religion des technischen Fortschritts, die noch für das 19. Jahrhundert selbstverständlich war. Der Katholik Carl Schmitt hatte gar von einer „Antireligion der Technizität“ gesprochen. Das anthropologische Motiv dieser Rhetorik liegt in der funktionalen Äquivalenz von Religion und Technik angesichts der ursprünglichen Hilflosigkeit des Menschen.

Die Deutschen bilden heute weltweit die Avantgarde der Angst. In unserem Verhältnis zur Technik sind wir auf dem Rückweg vom Risiko zum Tabu, das heißt von einem rationalen zu einem magischen Verhalten. Das zeigt sich sehr deutlich am Vorsorgeprinzip, also dem sogenannten Precautionary Principle. Es geht hier um die Gefahr der noch unerkannten Gefahr, mit der eine Politik der Angst die technologische Entwicklung lähmt. Unterstützt wird sie dabei von einer medialen Angstindustrie, die in Fernsehen und Nachrichtenmagazinen die Apokalypse als Ware verkauft. Vor allem in Deutschland warnt man reflexhaft vor dem technisch Machbaren und wehrt sich mit Ethikräten, Nachhaltigkeitsprogrammen und grünen Apokalypsen gegen die technische Welt. Wir sollen uns fürchten vor dem, was wir können. Der Mensch ist sich hier selbst zum bösen Demiurgen geworden, gegen den er Sicherheitsvorkehrungen treffen muss. Technik ist des Teufels, der uns einem Absolutismus des Machbaren unterworfen hat. In dieser Version des Teufelspakts wird Faust, der ja einmal der tragische Held neuzeitlicher Selbstbehauptung war, nicht nur vom Teufel geholt, sondern selbst zum Teufel. Mit anderen Worten: Der faustische Mensch mit seinen technischen Möglichkeiten wird zum letzten und eigentlichen Feind der Menschheit stilisiert.

Eine Angstkultur soll das naturwissenschaftlich-technische Wissen der Gegenwart vermenschlichen. Damit wird Furcht zur ersten Bürgerpflicht – nicht mehr die „Furcht des Herrn“, sondern die Furcht des Menschen vor sich selbst. Die Angst des Menschen vor den eigenen Techniken tritt hier die Erbschaft der archaischen Weltangst und der mittelalterlichen Angst vor Gottes Allmacht an. Es gibt aber keine Ethik der Technik. Forschungsethik ist der Versuch, dem Prometheus zu verbieten, das Feuer zu holen. Arnold Gehlen hat einmal sehr schön von der „Schuldunfähigkeit der Erfindung“ und der „Erfindungslegitimität der Techniker“ gesprochen. Das müsste man wieder einsehen. Die Legitimität der Technik ist die Legitimität der Neuzeit.

Vor wenigen Jahren war dann die deutsche Reaktion auf Fukushima weltweit singulär. Heute beschwören wir von allen Kathedern und Kanzeln laut die „Klimakatastrophe“. Sind nur wir die Schriftkundigen, die das Menetekel lesen können? Sind die anderen alle Analphabeten der modernen Technik? Wird die „German Angst“ zum Exportschlager, oder lernen wir vom Rest der Welt Gelassenheit?