Mein Tagesposting: Die Aufgabe des Weisen

Von Johannes Hartl

Es hat etwas Anrührendes, wie Thomas von Aquin sein großes Buch „Summe gegen die Heiden“ beginnt. Der Anlass des Werkes, in dem er für die Wahrheit des christlichen Glaubens argumentiert, könnte aktueller nicht sein. Im Dialog mit Menschen, die die Bibel nicht als Autorität anerkennen, müsse man mit Mitteln der Vernunft argumentieren. Wie nun wird er seine Darlegung der kirchlichen Lehre beginnen? Der erste Abschnitt trägt den Titel „Die Aufgabe des Weisen“. Diese bestehe darin, so Thomas, die Dinge zu ordnen. Aus dem Wissen, dass es eine höhere Ordnung in der Welt gebe, müsse einer, der die Übersicht hat, Orientierung bringen: dies eben ist der Weise.

Der Weise ordnet das Wissen. Als ich diesen Abschnitt der „Summa“ jüngst wieder einmal las, fragte ich mich, ob es heute auch noch solcher Weisen bedürfe und ob es sie gebe. Irgendwie mutet die Vorstellung wie aus der Zeit gefallen an. Tatsächlich ist die Entwicklung des Wissens und der Wissenschaften der vergangenen hundert Jahre vielleicht am besten mit der Metapher der Zersplitterung beschrieben. Die Vorstellung der Möglichkeit einer einheitlichen Beschreibung der Welt durchzieht die europäische Geistesgeschichte wie ein roter Faden, um im materialistischen Positivismus der Moderne ihren Höhepunkt zu erreichen. Kopernikanische Wenden überraschen die Theoriegebäude völlig getrennter Forschungsbereiche rund um das Jahr 1900. In diesem Jahr beginnt mit Otto Hahns Entdeckung der Quanten ein Grabenbruch, der das mechanistisch einheitliche Bild der Natur erschüttert und bis heute unversöhnlich neben den Erkenntnissen der Relativitätstheorie steht. Mit Sigmund Freuds im selben Jahr erschienenen Buch „Traumdeutung“ verliert das rationale Subjekt den Thron im gedeuteten Haus der Existenz und erfährt sich als Spielball dunkler Triebe. Die Wissenschaft verliert schließlich mit ihrer Übersichtlichkeit auch ihre Unschuld. Aus den verstrahlten Trümmern Hiroshimas erhebt sich die bange Frage, wie es mit der Ratio so weit kommen konnte. Dialektik der Aufklärung und Banalität des Bösen: Aus der Ratlosigkeit ist der Abschiedsgesang auf die großen Narrative geboren, der das einzige ist, dessen die nun anbrechende Postmoderne sich ganz gewiss ist. Die reine Dekonstruktion jedoch ist kein wohnlicher Ort. Und in das metaphysische Vakuum schiebt sich die Logik des Marktes. In der vernetzten Welt setzt sich das durch, was sich verkaufen lässt. Wenn es nicht die eine Wahrheit gibt, dann gibt es unendlich viele.

Nun klingt die Rede von der Aufgabe des Weisen beinahe wie die Verheißung einer vergessenen Heimat. Doch es führt kein Weg zurück in das wetterfeste Haus einer gemeinsamen Wissensschau. Es wäre schon viel an ordnender Weisheit, wenn einer aufstünde und an die Grabenbrüche erinnert, die der Hybris allmächtiger Welterklärung die Schranken wies. Metaphysische Demut freilich muss nicht Enthaltsamkeit in den Antworten bedeuten. Es ist die Schau des Guten, die bei Platon aller anderen Erkenntnis die Mitte gibt. Es ist die Anbetung Gottes, auf die der menschliche Intellekt bei Thomas hingeordnet ist. Die Furcht des Herrn, die im Alten Testament als Anfang der Weisheit bezeichnet wird. Allein der betenden Vernunft kann es gelingen, etwas Ordnung zu bringen, auch dort, wo sie nichts weiter kann als Scheinsicherheiten zu hinterfragen.