Liebeserklärung an die Stadt am Bosporus

Schauspielerisch auf internationalem Niveau: In „Istanbul Kirmizi“ verknüpft der in Italien lebende türkische Regisseur Ferzan Ozpetek auf verschiedenen Ebenen Realität und Fiktion. Von José García

Orhan Sahin (Halit Ergenc, hinten) kehrt nach Istanbul zurück, um mit Regisseur Deniz Soysal (Nejat Isler) an dessen Buc... Foto: Kinostar

Vor Jahren verließ der Schriftsteller Orhan Sahin (Halit Ergenc) Istanbul, um in London als Verlagslektor zu arbeiten. Seitdem hat er auch nichts Eigenes mehr geschrieben. Warum er seine Heimatstadt verließ, ist eins der Geheimnisse, die im Laufe des Spielfilms „Istanbul Kirmizi“ im Gegensatz zu manch anderen Geheimnissen gelüftet wird. Nun kehrt Orhan jedoch in die Stadt am Bosporus zurück, um mit dem renommierten Regisseur Deniz Soysal (Nejat Isler) an dessen Manuskript zu arbeiten. Es soll das erste Buch von Deniz Soysal werden.

„Istanbul Kirmizi“ basiert auf dem eigenen Buch von Regisseur Ferzan Ozpetek, das 2014 auf Türkisch, aber bislang nicht auf Deutsch erschienen ist. Ein Filmregisseur verfilmt sein eigenes Buch, das davon handelt, dass ein Filmregisseur ein Buch schreibt: Nicht nur die Selbstbezüglichkeit verknüpft offensichtlich Realität und Fiktion. Auch das Buch, das Deniz Soysal in „Istanbul Kirmizi“ schreibt, vermischt sie. Denn bald stellt Orhan fest, dass die Figuren im Buch der Wirklichkeit entnommen sind. Dies trifft insbesondere auf die attraktive Neval (Tuba Büyüküstün) zu, eine Kindheitsfreundin des Autors, aber auch auf Yusuf (Mehmet Günsür), der im Roman Selbstmord begeht. Orhan kann sich jedoch bald davon überzeugen, dass Yusuf in der Realität (noch?) lebt.

Nach einer durchzechten Nacht zusammen mit Deniz wacht Orhan auf einem Liegestuhl am Hafen auf. Er ist allerdings allein. Wo ist Deniz geblieben? Orhan kann sich noch erinnern, dass er im Halbschlaf den Regisseur zusammen mit einem Mann gesehen hat. Als er diesen Mann wiedererkennt, verfolgt er ihn – und stellt fest, dass es sich um Yusuf handelt. Deniz bleibt allerdings unauffindbar. In der roten Villa direkt am Bosporus, in der Deniz zusammen mit seiner Mutter, seinem Bruder und einer alten Bediensteten wohnt, und in der auch Orhan untergebracht wird, herrscht Aufregung. Denn keiner kann sich Deniz' Verschwinden erklären. Ist er Opfer eines Gewaltverbrechens geworden? Nichts deutet darauf hin, dass er Selbstmord begehen wollte. Oder hat er sich einfach zurückgezogen? Aber zu welchem Zweck? Wollte er eigentlich nicht zusammen mit Orhan an seinem Manuskript arbeiten?

Die Wendung, die „Istanbul Kirmizi“ durch das Verschwinden des Autors nimmt, macht deutlich, dass es in Ferzan Ozpeteks Film im Gegensatz zu Michael Grandages „Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ (DT vom 16.8.2016) kaum um die Entstehung eines Romans geht, wie es anfangs den Anschein hatte. In „Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ erlebt der Zuschauer den Verlagslektor Max Perkins, der vom Talent eines bis dahin unbekannten Autors überzeugt ist. Weil aber der Lektor das Manuskript des Autors für viel zu lang hält, müssen die beiden in gemeinsamer Arbeit etwa 300 Seiten kürzen. Dadurch verdeutlicht „Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ die Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor. Nichts davon ist jedoch in „Istanbul Kirmizi“ zu sehen. Auf die naheliegende Frage, warum sollte Orhan von London nach Istanbul reisen, bekommt der Lektor keine Antwort. Analog dazu erhält der Zuschauer auch keine Antwort auf die Frage, was Regisseur Ferzan Ozpetek mit der dramaturgischen Entscheidung von Deniz' Verschwinden bezweckt.

„Istanbul Kirmizi“ setzt sich von manch türkischen Filmen wie zuletzt etwa dem Erdogan-Propagandafilm „Reis“ (DT vom 14. März) wohltuend ab. Sowohl die Kameraarbeit von Gianfilippo Corticelli als auch die schauspielerischen Leistungen der Darsteller genügen internationalen Standards. Schwieriger jedoch gestalten sich die Wendungen in der Handlung von Ozpeteks Film. Denn das Verschwinden von Deniz, das eigentlich eine kriminalistische Handlung vermuten ließe, bleibt nur eine Notiz am Rande. Die Freundinnen der Mutter von Deniz vermuten freilich eher scherzhaft, dass Orhan etwas damit zu tun haben könnte. Eine „richtige“, detektivische Suche nach dem Verschwundenen bleibt aber aus.

Stattdessen wendet sich nun Regisseur Ozpetek seiner eigentlichen Hauptfigur Orhan zu. Der ehemalige Autor, der seit seinem Weggang aus Istanbul nichts mehr geschrieben hatte, entdeckt die Stadt neu. Der Zuschauer erlebt mit ihm das neue Istanbul als modern, westlich orientiert und auch als verführerisch. Personifiziert wird das Verführerische an der schönen Neval, für die Orhan Gefühle wiederentdeckt, die er schon lange für überwunden hielt. Nachdem Orhan auch seine Schwester getroffen und sich auch über den eigentlichen Grund für seinen fluchtartigen Weggang Jahre zuvor ausgesprochen hat, kann er endlich wieder anfangen zu schreiben.

Auch in Orhans Wahrnehmung vermischen sich Fiktion und Wirklichkeit. Nicht umsonst beginnt er endlich wieder in seinem eigentlichen Beruf zu arbeiten, als ihn seine Vergangenheit einholt. „Kirmizi“ bedeutet auf Türkisch „rot“. Rot begegnet dem Zuschauer bereits zu Beginn in der Farbe der prächtigen Villa, die allerdings bald verlassen werden soll. Rot steht in „Istanbul Kirmizi“ jedoch eher für die Liebeserklärung an die Stadt am Bosporus. Wie Orhan kehrt auch der in Italien lebende Regisseur Ferzan Özpetek mit „Istanbul Kirmizi“ nach längerer Abwesenheit in seine Heimatstadt Istanbul zurück. Auch für ihn ist das Wiedersehen mit seiner Geburtsstadt der Anlass zu einem künstlerischen Umgang mit Wirklichkeitswahrnehmung und Fiktion. Dass diese Verknüpfung aber viele Dinge einfach ungelöst lässt, hinterlässt beim Zuschauer freilich einen unbefriedigenden Eindruck.