Lichtgestalt und Dunkelmann

In den Medien sind die Rollen klar verteilt: US-Präsident Donald Trump ist die Negativfigur schlechthin, beim neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron stimmt einfach alles. Schaut man aber differenzierter und ohne ideologische Brille auf die beiden, entdeckt man überraschende Gemeinsamkeiten. Von Jürgen Liminski

An die Macht gekommen zu sein, macht schon etwas Spaß: Auch Donald Trump wirkte bei seiner Amtseinführung zufrieden.

Narzissten sehen sich gewöhnlich als Lichtgestalt der Gegenwart. Nur die Gegenwart sieht das nicht immer so. Manchmal aber schon. Es kommt eben darauf an, ob der Narziss ideologisch richtig liegt und auch, ob er nicht überzieht. Politiker, die im Rampenlicht stehen, stehen auch in der Versuchung der Selbstüberschätzung. Mithin in der Gefahr, narzisstisch abzuheben. Es gibt da kleine Beispiele in Deutschland, besonders bei Newcomern. Und gewiss gilt zu allen Zeiten das Wort Goethes: „Ohne ein wenig Selbstüberschätzung würde man nichts zustande bringen in dieser Welt“. Aber alle Selbstüberschätzung nützt nichts, wenn der Narziss politisch falsch liegt, wie das bei dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump der Fall ist. Er ist der Dunkelmann. Andere, die politisch mediengerecht orientiert, also linksliberal zu verorten sind und natürlich auch nicht bekennend katholisch sein dürfen, werden zur Lichtgestalt hochgeblendet. Das ist der Fall beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Dabei haben beide eigentlich zumindest ein gemeinsames Plus. Beide können in puncto Ehe nicht als konformistisch betrachtet werden. Das ist für die Kollegen wichtig. Nur ja kein spießiger Ehemann sein, das heißt treu von Anfang bis Ende, mit Kindern. Trump lebt in dritter Ehe, Macrons Frau ist 24 Jahre älter, er hat keine Kinder. Aber Trumps Ehe-Trumpf ist offenbar schon zu gewöhnlich für die Medienwelt. Macrons Ehe dagegen ist anti-konform, außerdem ist Brigitte geschieden, ihre drei Kinder könnten Geschwister Macrons sein. Das ist doch prickelnd, neu, spannend. Das befriedigt den Unterhaltungsfaktor. Und Macron ist linksliberal, das ist freilich das Entscheidende. Das macht ihn zur Lichtgestalt und da sind auch einige kleinere narzisstische Ausschläge erlaubt, sofern sie sich weiter im Rahmen des Politischen bewegen. Die mediale Bühne braucht das. Auffallend allerdings ist die Ungleichbehandlung der beiden Präsidenten.

Es sei wahllos ein Beispielblatt herausgegriffen: Nehmen wir etwa „Die Welt“. Sie kommentiert die neue Affäre Trumps, die „Weitergabe hochgeheimer Informationen an den russischen Außenminister“. Trump wird ein „prahlerischer Impuls“, „Mangel an Impulskontrolle“ unterstellt, kindliche Naivität und Dummheit sowieso, der Titel lautet ja schon: „Das Kind im Weißen Haus“. Der Autor erspart dem Leser die Bezeichnungen im „Spiegel“ oder anderen Blättern, die seit der Wahl des Establishment-Außenseiters einen medialen Krieg gegen diesen Präsidenten führen. Sicher, Trump liefert genügend Munition und eine gewisse Kriegslust ist unbestreitbar.

Ihn deshalb von Anfang an als Ende der Welt in Gestalt eines Kometen, der auf die Erde zurast, darzustellen, zeigt die hemmungslose Wut über den Volkstribun und die Verachtung, die man ihm und seinen Wählern entgegenschleudert. Seine Auftritte werden stets negativ beurteilt als Populismus, Angeberei und Fake-Theater. Macrons Auftritte dagegen sind ein Bad in der Menge, Begeisterung der Wähler, Aufrütteln des vor allem jungen Volkes. Macron ist auch der Banker, der seine Erfahrungen bei Rothschild gesammelt hat, Trump hat geerbt und ist ansonsten ein brutaler Geschäftsmann. Kein Wort, geschweige denn Ermittlungen über die Millionen, die Macron in so kurzer Zeit auf dem Konto hatte. Es gibt den Verdacht, dass er als Inspecteur de Finances unlautere Machenschaften bei Rothschild entdeckt und diesen damit konfrontiert habe. Danach sei er in die Dienste der Bank getreten. Ein Verdacht – bei einem konservativen Politiker hätte sich die Meute wochenlang damit beschäftigt.

Auch die Programme der beiden Präsidenten haben eins gemeinsam. Sie sind vage. Bei Macron wird das fast zum Geniestreich hochstilisiert, bei Trump ist es Ausweis seiner Unfähigkeit oder Stammtischpolitik. Kein Wort darüber, dass einige Minister der neuen Regierung Macron noch im Wahlkampf das Gegenteil von dem behauptet haben, was sie nun vertreten sollen, etwa über die Vermögenssteuer. Das ist möglich, weil Macron seine Vorstellungen nicht präzise und in ihrer Wirkung zu anderen programmatischen Vorhaben dargestellt hatte. Die „Welt“ nennt das „Macrons sanfte Revolution“ und übernimmt auch unkritisch die Version, wonach sich die Regierungsbildung deshalb verzögert habe, weil man die Finanzverhältnisse der Minister genau durchleuchten wolle. Als ob man das nicht schon vorher hätte tun können. Wahrscheinlicher ist, dass Macron versucht hatte, mehr namhafte konservative Politiker für seine „sanfte Revolution“ zu gewinnen. Es blieb bei Bruno Le Maire, von dem man schon vorher wusste, dass er gerne Minister wäre.

Überhaupt das Programmatische: Macron wird gern angedichtet, dass er genau wüsste, wohin die Reise mit Europa und Frankreich gehe. Seine Reformpläne für die EU werden bejubelt, obwohl sie nicht genau bekannt sind. Immerhin ist die Richtung auszumachen: Mehr Europa mit mehr gemeinsamen Schulden. Einigen Journalisten dämmert schon, dass die Rechnung für die neue Zecherei wieder im Bundeskanzleramt landen dürfte. Deshalb wartet man erstmal geduldig ab, wie die Parlamentswahlen ausgehen und ob Macron eine Mehrheit für seine EU-Pläne bekommt oder ob die neuen Mehrheiten in der Nationalversammlung nicht doch lieber Reformen in Frankreich selbst angehen wollen. In den Medien hofft man mit Macron, bei Trump zeigt man genüsslich auf die Widersprüche aus dem Kongress von Seiten der Republikaner. Für Washington setzt man auf checks and balances, sicher zu Recht, für Paris setzt man auf absolute Mehrheiten und unumschränkte Macht für Macron.

In der Außenpolitik traut man Macron so ziemlich viel zu, Trump so ziemlich gar nichts. Auch wenn der amerikanische Präsident von seiner Nahost-Reise mit der Hoffnung auf einen Friedenspakt zurückkommen sollte, dann wird man diesen Pakt kritisch be- und verurteilen. Dabei spricht im Moment einiges für ein Gelingen. Noch nie waren Israel und die sunnitischen Staaten der Region, insbesondere Saudi-Arabien und die Golf-Staaten, so kooperativ wie heute. Der gemeinsame Gegner Iran hat sie zusammengeführt. Die Kooperation erstreckt sich auf kommerzielle, militärische und selbst diplomatische Bereiche. Sie wurde in der bisher kurzen Amtszeit Trumps diskret erheblich vorangetrieben und könnte nun eine erste offizielle Bekundung erfahren. Trump denkt auch an einen Palästinenserstaat und hier dürften die größten Hindernisse liegen, allerdings in Israel und nicht in Washington. Von diesen Plänen ist in den Medien nicht die Rede, erst jetzt kümmerte sich das Wall Street Journal darum, die anderen haben es Trump schlicht nicht zugetraut. Hier haben sie erstaunlicherweise seine narzisstische Art unterschätzt. Es gibt wenig Themen, mit denen man in die Geschichte eingehen könnte. Ein Friedensvertrag zwischen Israel und den Saudis plus Golfstaaten wäre eins. Dieses historische Flair ist für jeden Narziss eine Herausforderung.

Auf dem Weg dahin muss der IS besiegt werden. Trump hat erkannt, dass dies ohne die Russen kaum zu machen ist. Zunächst muss die Unterstützung des IS aus der Türkei beendet werden und Trump dürfte das Erdogan diese Woche in Washington deutlich gemacht haben. Dann müssen die Russen gewonnen werden. Hier wird Trump Geheimnisverrat vorgeworfen, aber niemand sagt genau, worin dieser Verrat bestehen soll. Details könnten Rückschlüsse auf die Quelle zulassen. Ist es nicht möglich, dass diese einfache Überlegung auch Trump hatte und sie mit seinen Experten vor dem Treffen mit Lawrow besprach? Könnte es nicht sein, dass Trump auch mal auf Berater hört? Narzissten sind in der Regel beratungsresistent. Aber sie wittern auch Gefahren. All diese Fragen wird der unbescholtene und hochgeachtete Sonder-Ermittler, der frühere FBI-Chef Mueller, untersuchen. Es könnte zu einem Trump-Gate werden. Wehe aber, Mueller kommt nicht zu diesem Ergebnis. Dann dürfte es mit seinem guten Ruf in den Medien vorbei sein. Denn das Urteil des größten Teils der Journalisten steht fest: Trump muss weg.

Da ist bei Macron ganz anders, obwohl sein Umgang mit den Medien erstaunliche Ähnlichkeiten aufweist, aber völlig ungleich dargestellt wird. Macron hob die Erlaubnis seiner Vorgänger auf, wonach Journalisten im Hof des Elysee bei Kabinettssitzungen warten (herumlungern) durften. Auch sollten die Minister „nicht in jedes Mikrofon sprechen“, das man ihnen hinhalte. Der Präsident selbst sucht sich auch die Journalisten aus, die ihn auf Reisen begleiten dürfen und die Zahl wird sehr begrenzt, wie man bei seiner Reise an diesem Wochenende nach Mali schon sieht. Solch ein restriktiver Umgang mit den Medien wird, zum Beispiel in der „FAZ“, nur als Kontrast zum „schwatzhaften“ Vorgänger Hollande erklärt. Im Fall Trump redet man da schon vom Krieg des Präsidenten mit den Medien, vor allem im Fall der „New York Times“, die davon übrigens enorm profitiert hat.

Macron ist geschickter, keine Frage. Er ist smarter, zweifellos. Und er steht links von der Mitte, jedenfalls sieht es so aus. Macchiavelli riet den Mächtigen: Der Prinz muss nicht fromm sein, er muss nur so scheinen. Nach dieser Devise verfährt Macron. Er scheint, manche sagen, er blendet. Mit dem Etikett linksliberal darf man auch einiges, was anderen nicht erlaubt ist.

Beispiel Geheimnisverrat. Niemand anderes als die Ikone Helmut Schmidt verriet 1978, auf dem Höhepunkt des Nachrüstungskonfliktes zwischen den USA und der UdSSR, den Russen die geheime Aufstellung der Nuklearwaffen der NATO und die Aufklärung der NATO über die sowjetischen Atomwaffen. Zum Treffen mit Breschnew hatte er Karten mitgenommen, um mit ihm einen Abgleich des Wissensstandes durchzuführen. Die Karten unterlagen dem Stempel „strengster Geheimhaltung“. In seinen Memoiren „Menschen und Mächte“ (Berlin, 1987) schrieb der Bundeskanzler: „Glücklicherweise hatte ich Breschnew vor unserer Begegnung ausrichten lassen, ich würde mit militärischen Karten kommen, um ihm meine Besorgnis plausibel zu machen – ob er dies nicht auch tun wolle. Darauf kam ich jetzt zurück und breitete eine große Karte vor ihm aus, die über den Ural hinaus reichte. Sie beinhaltete unseren Wissensstand über alle sowjetischen und westlichen Nuklearwaffen, deren Reichweite über das eigene Gefechtsfeld hinausgingen. Neben den ungefähren Standorten und der jeweiligen Anzahl der verschiedenen Waffensysteme waren deren Reichweiten eingezeichnet.“ Den Geheimnisverrat kommentierte Schmidt so: „Das einzige Ergebnis dieser Geheimhaltung ist eine Art Beschäftigungsprogramm: Beide Seiten setzen eine viele tausend Menschen umfassende Spionageorganisation in Lohn und Brot. Das alles ist höchst überflüssig, zumal beide Weltmächte heutzutage durch ihre unzähligen Aufklärungssatelliten ohnehin die installierten Waffensysteme der Gegenseite genau kontrollieren.“

So könnte es auch Trump heute sagen und kommentieren. Aber Trump gilt als konservativ. Schmidt war Sozialdemokrat. Das geht eben. Auch Macron ist Sozialdemokrat. Das macht ihn gegenwärtig zum Liebling der Medien. Trump aber bleibt die Hassfigur, egal was er tut oder nicht tut. Es ist eben keine Frage von Wahrheit, von richtig oder falsch. Da, wo der Relativismus durchgeschlagen ist, zählt nur noch das eigene Gutdünken. Das ist eine Art Selbstermächtigung. Herrmann Lübbe hat in seinem bekannten Essay über den politischen Moralismus diese Selbstermächtigung beschrieben als „Verstoß gegen die Regeln des gemeinen Rechts und des moralischen Common sense unter Berufung auf das höhere Recht der eigenen, nach ideologischen Maßgaben moralisch besseren Sache“. Die eigene Gesinnung wird zur letzten Urteilsinstanz. Nirgends ist das derzeit so schön zu beobachten wie bei den neuen Präsidenten Trump und Macron.