Lichtblick in dunkler Zeit

Ein neues Weihnachtsoratorium von Winfried Böhm und Michael Ostrzyga wird in Würburg am Samstag uraufgeführt. Von Barbara Stühlmeyer

Der Isenheimer Altar (Detail) von Matthias Grünewald zeigt Christi Menschwerdung: Das Kreuz ist im Tor an der Mauer sichtbar, im Hintergrund ist die Abtei St. Hildegard. Foto: IN

Weihnachtsoratorium? Kenn ich, werden Sie sagen. Und genau das dachte sich auch Matthias Beckert, seit 20 Jahren Leiter der renommierten Würzburger Monteverdichores, der sich aus Studenten und Absolventen der Universität Würzburg, der Würzburger Musikhochschule und der Hochschule für angewandte Wissenschaften zusammensetzt und in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Zu diesem Anlass wünschte Beckert, der seit vielen Jahren eng mit den Großen der zeitgenössischen Komponistenszene wie Krysztof Penderecki, Wolfram Buchenberg, Zsolt Gárdony, Heinz Werner Zimmermann oder Wilfried Hiller zusammenarbeitet, ein eigens für seinen Chor geschriebenes Werk. Ein geistliches Sujet zu wählen lag dabei nahe, verdankt der Chor seine Gründung doch der Initiative der katholischen und evangelischen Studentengemeinde in Würzburg. Beckerts Idee, ein Weihnachtsoratorium neu zu denken, zu schreiben und zu komponieren fiel bei Winfried Böhm, der für die poetische Gestalt des Librettos verantwortlich zeichnet und Michael Ostrzyga, der das Klanggewand webte, auf fruchtbaren Boden.

Die Kernerzählung von unserer Erlösung

Textdichter und Musiker stellten sich der Herausforderung, die Weihnachtsgeschichte so zu erzählen und zum Klingen zu bringen, dass sie die Menschen von heute betrifft. Denn Weihnachten ist mehr als Lebkuchen und Idylle. Jeder, der die bekannte, bei Lukas erzählte Geschichte in unsere Zeit übersetzt, sieht schnell ein, dass es nicht lustig ist, wenn die junge Braut ihren Eltern oder ihrem zukünftigen Mann gestehen muss, dass sie schwanger ist, nein nicht von ihm, vom heiligen Geist, und mit dieser Geschichte Glauben finden möchte. Und auch die Vorstellung, mitten im Winter von Gasthaus zu Gasthaus zu ziehen und an jeder vor der Nase zugeschlagenen Tür zu hören, dass die Obergrenze für Fremde schon erreicht ist, fühlt sich, wenn man sie einmal näher an sich heranlässt, nicht gerade heimelig an.

Winfried Böhm und Michael Ostrzyga lassen ihr Weihnachtsoratorium deshalb mitten in jenem Tohuwabohu seinen Anfang nehmen, das Martin Buber und Franz Rosenzweig in ihrer Übersetzung der Schöpfungsgeschichte so treffend mit Irrsal und Wirrsal übersetzten. Dass Textdichter und Komponist genau hier, in zeitloser Stille und Leere ansetzen, ist kein Zufall. Ganz ähnlich wie die großen Chronisten des Mittelalters ihre Geschichtswerke ganz buchstäblich mit Adam und Eva beginnen ließen, stellen auch Böhm und Ostrzyga ihr Weihnachtsoratorium in den großen Horizont der Menschheitsgeschichte. Der Beginn im Urchaos macht unmissverständlich klar: Die Weihnachtsgeschichte ist keine Idylle, sie ist die Kernerzählung von unserer Erlösung. Und die geschieht nur selten bei Lebkuchen und Kerzenschein, sie wird vielmehr brennend inmitten der Sorgen des Alltags erhofft, wenn die Sehnsucht nach dem ganz Anderen und das Warten auf das was kommt, wie Eugen Eckert es in einem Gedicht formuliert hat, jenen Raum schafft, in dem Wandlung Wirklichkeit werden kann. Dieser Raum aber ist von jenem tiefsten Schweigen erfüllt, das herrschte, als das allmächtige Wort inmitten der Nacht vom Himmel herabkam. Kein Moderator, kein Trommelwirbel, tiefe Stille. Sie ist es, die am Beginn und am Ende des neuen Weihnachtsoratoriums steht. Nur in ihr kann jenes fein gewebte Klanggebilde seine schöpferische Kraft entfalten, das uns das Geheimnis der Inkarnation näherbringt.

Dass beide, Textdichter und Komponist den Zuhörern diesen Raum der Stille zumuten ist bemerkenswert. Zeigt es doch, dass sowohl der Wort- als auch der Tonkünstler begriffen haben, mit welcher Dimension sie es hier zu tun haben. Und sie setzen noch weitere wegweisende Akzente. Deren Beginn liegt ebenfalls im Nichts, nämlich an jenem Punkt, bevor die Arbeit an dem gemeinsamen Werk begann. Denn Winfried Böhm, renommierter Pädagogikprofessor mit einer bemerkenswerte langen und facettenreichen Veröffentlichungsliste, war sich bewusst, dass ein wirklich wegweisendes Werk über das Thema Inkarnation nur im Dialog entstehen könne und Michael Ostrzyga, Universitätsmusikdirektor in Köln, renommierter Komponist und selbst Förderer zeitgenössischer Musik stimmte ihm zu. Denn darum genau geht es. Gott kommt den Menschen unüberbietbar nahe. Das ist keine theologische Vorlesung, sondern Erlösung zum Anfassen. Gute Pädagogik eben. Und da diese enge Kommunikation dann unmittelbar erlebbar werden kann, wenn das Werk, das von ihm singt und spielt, ebenfalls im Dialog entstanden ist, taten Böhm und Ostrzyga genau dies: Sie führen lange Gespräche, identifizierten sich ganz und gar mit ihrem Thema und fanden dann die genau richtigen Worte und Töne. Sie ließen beide sogar weg, wenn es nötig war. Dann, wenn die Musik allein auszudrücken vermag, worum es geht, fehlen die Worte. Genau wie in den ganz großen Momenten unseres persönlichen Lebens gibt es auch in der Geburtsszene keinen Text. Die Musik allein schafft den Raum für das Erleben der anderen Wirklichkeit. Und dann, als jemand das Wort ergreift, ist es der sonst so schweigsame Josef. Was er zu sagen hat, fällt tief: „Es ist vollbracht“. Mit diesen Worten spannt der theologisch und kunsthistorisch versierte Librettist den Bogen von der Geburt bis zur Kreuzigung und stellt die Weihnachtsgeschichte in den Horizont des Lebens Jesu Christi. Ganz ähnlich, wie die Hodie Antiphonen des Gregorianischen Chorals durch ihre gleichen Melodiefolgen den weihnachtlichen und österlichen Festkreis miteinander verknüpfen, wie Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium dem Choral „Wie soll ich dich empfangen“ die Melodie des in seiner Matthäuspassion erklingenden Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ unterlegt oder die Darsteller der Krippenszene am Giebel des Stalles ein Kreuz zeichnen, verknüpft auch Winfried Böhm mit diesem einen, zentralen Satz die Eckpunkte des Erlösungsgeschehens.

Die Beispiele für die weitreichenden spirituellen, historischen und psychodramatisch wirkenden Bezüge des hörenswerten Werkes lassen sich fortsetzen. Das Weihnachtsoratorium von Böhm und Ostrzyga ist in zehn Bilder gegliedert. Zehn ist in der mittelalterlichen Symbolik die Zahl der Vollkommenheit, setzt sie sich doch aus der Drei, die für die Dreifaltigkeit steht, ja sogar aus deren Potenzzahl Drei mal Drei zusammen, die von der vollkommenen Zahl an sich, der Eins gekrönt wird. Mit der Anzahl der Bilder zeigen Textdichter und Komponist: Durch die Inkarnation kommt die zuvor chaotische, von Irrsal und Wirrsal geprägte Welt in Ordnung. In der Mitte der Zeit geschieht Heilung. Und die Komposition von Michael Ostrzyga spiegelt dieses Ordnungsprinzip wieder. Denn aus der Stille der Ewigkeit entstehen tonale Zyklen, die sich in verschiedenen zeitlichen Ordnungen entfalten und gleichsam die Pulsschläge der Welt hörbar machen, wenn sich etwa zu Beginn des Werkes eine Dreitonzelle kaum hörbar aus den Klangflächen erhebt und dem ganzen Werk als musikalischer Eckstein Halt und Struktur gibt. So wie dieses neue Weihnachtsoratorium nicht an der Krippe beginnt, endet es auch nicht in Bethlehem. Die Szenen gehen vielmehr über in die Apotheose der Freude und der Liebe auf der Hochzeit zu Kana im achten Bild und in die Rückschau der alt gewordenen Jungfrau Maria, die auf ihr eigenes Leben und das ihres gestorbenen und auferstandenen Sohnes zurückblickt im neunten.

Das zehnte Bild knüpft an das neunte an und zieht mit den berühmten Worten aus Dantes Paradiso die Summe aus der Gegenwärtigsetzung der Weihnachtsgeschichte, die Winfried Böhm und Michael Ostrzyga in ihrem Oratorium so beispielhaft gelungen ist: „Jungfrau und Mutter, Tochter deines Sohnes. In deinem Schoße wurde die Liebe geboren.“

Die Musik verklingt in jener Stille, in der alles begann

Ostrzyga zieht seine Summe musikalisch, indem er einige melodische Motive und kompositorische Elemente aus den vorherigen Bildern wieder aufgreift, wie etwa das des Morgensterns, des Stammbaumes Jesu, in dem eine Fremde, Ruth, durch ihre unverbrüchliche Treue für die Wahrung der Tradition sorgt, und der Geburt. Sie alle münden in den extrovertierten Jubel über die geschenkte Erlösung ein. Doch er hat nicht das letzte Wort und auch nicht den letzten Ton, denn die Musik verklingt nach den Worten „Glaube! Hoffnung! Liebe!“ in jener Stille, mit der alles begann.

Böhm und Ostrzyga wollen die Menschen mit ihrem Werk zum Nachdenken über die Weihnachtsgeschichte bringen und ihnen zugleich helfen, im Blick auf die bereits unverdient geschenkte Erlösung ihre Lebensaufgabe zu erfüllen. Mehr kann man von einem Weihnachtsoratorium nicht erwarten.

Widmungsträger des Werkes ist Bischof em. Friedhelm Hofmann, dem das Weihnachtsoratorium als Zeichen des Dankes für seine unermüdliche Förderung christlicher Kunst und Kultur von Herzen zugeeignet ist.

Zu hören ist das Weihnachtsoratorium von Winfried Böhm und Michael Ostrzyga am Samstag den 9. Dezember um 20.00 Uhr und am Sonntag, den 10. Dezember um 17.00 Uhr in der Neubaukirche in Würzburg. Es singen und spielen der Monteverdichor Würzburg, Maximiliane Schweda (Sopran), Barbara Buffy (Alt), Benedikt Nawrath (Tenor), Thomas Bonni (Bass) und die Jenaer Philharmonie unter der Leitung von Matthias Beckert. Karten sind im Musik- und Pianohaus Deußer, Karmelitenstraße 34 in Würzburg, telefonisch unter 0931-8 04 74 75 55 und online auf der Homepage des Monteverdichores unter www.monteverdichor.com

Der Besuch lohnt sich unbedingt. Wer einen leistungsfähigen Chor und jemanden hat, der Kunst und Kultur liebt und bereit ist, Geld dafür auszugeben, führe dieses Oratorium auf. Es verdient, genauso bekannt zu werden, wie das von Johann Sebastian Bach. Es wäre doch schön, wenn in 50 Jahren jeder sagen würde: Weihnachtsoratorium von Böhm und Ostrzyga? Kenn ich!