Kreative Langeweile und medialer Overkill

Die Nutzung moderner Technik und die Suche nach Feldern, die von der Technik verschont bleiben, bergen die Chance einer neuen Freiheit. Von Peter Winnemöller

Kind mit Schulranzen
Die Gefahr, einsam unter Freunden seine Existenz zu verdaddeln, ist durch die digitale Technik entstanden. Foto: dpa

Statistisch gesehen schaut der Mensch täglich 80 Mal auf sein Smartphone. Damit erfüllt er, was die amerikanische Soziologin Sherry Turkle schon vor fünf Jahren schrieb. Es berge jede Unterhaltung das Risiko der Langeweile in sich, schreibt sie, „die wir inzwischen dank der Smartphones mehr als alles andere fürchten...“ Doch dies sei, so fährt Turkle fort, gerade der Zustand, in dem sich Geduld und Phantasie entfalteten.

Die Langeweile, die sich von selbst einstellte, wenn das Tagewerk getan, die Hausaufgaben für die Schule erledigt waren, wird heute mit dem Smartphone eliminiert. Nun ist es aber gerade die Muße, die mit der Langeweile einhergeht, welche die Muse einlädt, doch mal schmatzend zu küssen. So ist es gerade die Langeweile, die unterm Strich enorm kreativ ist. In den Phasen, während derer wir dem Hirn Leerlauf erlauben, keimen die Ideen erst wirklich. Auf diesem Humus wächst, was sich im Hirn verwurzeln will.

So und nicht anders kommt der Mensch zu sich. Das ist heute nicht anders als vor einhundert oder zweihundert Jahren. Denn der Mensch hat sich nicht so mit der Technik gewandelt, wie sich manche das denken.

Wie sich der Mammon am Ende des Jedermann als wahrer Herrscher und nicht als Diener offenbart, so ist für viele Menschen heute die Technik. Ausgerechnet jene Technologie, die uns das Leben so sehr erleichtern soll (und kann!), ist in der Lage, uns in digitale Ketten zu schmieden. Symbolisch für diese Technik steht das Smartphone. Was uns mit dem Internet der Dinge noch bevorsteht, können wir noch gar nicht absehen. Das kann eine elektronische Fessel sein, die wir uns selbst anlegen.

Doch es ist ja wirklich so, dass uns die Technik so vieles erleichtern kann. Die Pflege von Freundschaften sowie allen Arten privater und beruflicher Kontakte ist inzwischen von Ort und Zeit völlig unabhängig. Wir arbeiten aus der westfälischen Provinz mit Kollegen in München oder Rom, so als säßen sie im Büro nebenan.

Schon die Kinder fangen damit an. Denn in der Medienwelt gilt, was auch sonst in der Welt der Technik gilt. Was zu Zeiten der Geburt existiert, setzt der Mensch zunächst als selbstverständlich voraus. Für heutige Kleinkinder sind Smartphone und Tablet so wenig fragwürdig wie für unsereinen mit Mitte fünfzig dereinst das Wählscheibentelefon und der Schwarzweißfernseher. Das musste uns niemand erklären. So wie wir damit aufwuchsen, wachsen heutige Kinder mit dem Smartphone auf. Eher bekommen sie Probleme mit einem Photoalbum, als dass sie sich mit der Galerie-App auf dem Smartphone schwer täten. So stellt sich eigentlich gar nicht die Frage, wann ein Kind ein Smartphone haben sollte. Natürlich so früh wie eben möglich. Der Umgang mit der aktuellen Technik sollte so unbefangen wie nur eben möglich erlernt werden. Die Technik unserer Tage erlaubt uns Dinge, von denen unsere Großeltern nicht einmal träumen konnten. Das sollten wir unseren Kindern so gut es geht ermöglichen. Wir sollten ihnen aber nicht nehmen, was sie unbedingt brauchen, nämlich spielen und träumen. Die Muße zu suchen und das auch zu genießen. Es sind wenig genug Momente, in denen sie den Menschen – ob klein oder groß – heute vergönnt sind.

Hart arbeitende Menschen vergangener Jahrhunderte fanden mehr Muße als wir, denen die Technik so viel Arbeit abnimmt. Es ist ein Kernbegriff, den wir neu lernen müssen: „Langeweile“! Medienerziehung heißt eben nicht, Kindern den Umgang mit den Medien beibringen zu müssen. Das können sie nicht selten im Kindergarten schon besser als die Eltern. Es gilt, die Kinder Kompetenz zu lehren: Wie bleibe ich Herr und die Technik der Diener? Das ist die Leitfrage. So ist nicht nur aus motorischer und entwicklungspsychologischer Sicht das Spiel ohne Smartphone so enorm wichtig. Auf einen Baum klettert man auch im 21. Jahrhundert ohne App. Die grüne Hose ist Beweis genug, ein Selfie braucht es da nicht. Und den Vogel im Laub sieht man mit den eigenen Augen besser als die Linse der eingebauten Kamera. Und es muss nicht einmal immer das Abenteuer sein. Die Muße, das Ertragenmüssen der langsam vergehenden Zeit, führt den Geist in die Weite. Wir müssen lernen, dass Kinder das heute lernen müssen. Die Langeweile ist die eigentliche Herausforderung der Medienerziehung unserer Tage.

Was wirklich schmerzhaft fehlt, ist eine Methode jenseits hysterisch-hilflos daher kommender Smartphoneverbote überforderter Eltern. Dabei mag ein Gedanke hilfreich sein. Das E-book und die mp3-Datei, das digitale Video und die eingebaute Kamera sind grandiose Erfindungen. Doch sie entbehren eine Vielfalt möglicher sinnlicher Wahrnehmungen. Das Rascheln der Buchseite, der Geruch und das Gefühl eines alten Buches, das Knistern der Nadel auf dem Plattenspieler, die motorische Herausforderung, die Rille zu treffen und vieles andere mehr. Kinder, das weiß jeder, der mit ihnen zu tun hat, fahren voll auf sinnliche Wahrnehmungen ab.

Das Neue der modernen Technik macht das Alte nicht ungültig. Technik müssen wir deutlich weniger lehren, als die Sinne zu schulen. Da liegt die Herausforderung und die Chance. Je weniger Eifer wir an den Tag legen, moderne Technik zu verteufeln, umso mehr Freiheit gewinnen wir, den Umgang so selbstverständlich und unbefangen zu lehren. Was heutige Schüler in der Schule mit dem Smartphone machen können, wenn der Lehrer es zulässt, ist beeindruckend. Genau da, wo der Umgang mit der Technik von den Teenagern nicht mehr mit Eifer verteidigt werden muss, bietet sich die Chance, dem anderen, der Ruhe, der Muße und der Kreativität eine Tür zu öffnen. Finden den Mut dazu, dann wird auch die nächste Generation entdecken, wie angenehm das Gefühl von Bewegung, frischer Luft und körperlicher Erschöpfung sein kann.

Genau in diesem et/et aus Nutzung moderner Technik und der Suche nach Feldern, die von der Technik verschont bleiben oder sich ihr unterordnen müssen, birgt die Chance einer neuen Freiheit. So und nicht anders wird klargestellt, wer Herr und wer Diener ist. Noch nie in der Geschichte der Menschheit standen wir vor einer solchen Herausforderung. Die Gefahr, am Ende Sklave der Technik zu sein und einsam unter tausend Freunden seine Existenz zu verdaddeln, die gab es bislang nicht. Erziehung und Bildung brauchen hier einen Kick, der ganz andere Bereiche erschließt. Noch nie war die Waldwoche im Kindergarten so wertvoll wie heute.