Keine Moral ohne Gott

Atheisten halten Moral für Menschenwerk. Ihnen genügt es, an der bloßen Moral festzuhalten. Doch diese erweist sich schnell als Täuschung, wird sie nicht in Bezug auf Gott begründet. Von Pater Engelbert Recktenwald

Die Wahrheit ist der Index ihrer selbst, hieß es schon im Mittelalter. Gott, der im Bild von Giovanni di Niccolo Mansuet... Foto: IN

„Ist ohne Gott die Moral eine Illusion?“ Von Atheisten bekommt man auf diese Frage zwei gegensätzliche Antworten. Die einen brüsten sich damit, moralische Werte, die uns wirklich binden, als Illusion zu entlarven. Sie halten sie zum Beispiel für ein Produkt der Evolution. So schreiben etwa der Biologe E. O. Wilson (Begründer der Soziobiologie) und der Philosoph Michael Ruse in einem gemeinsamen Artikel: „Was wir unter Moral verstehen, ist eine Illusion, die uns unsere Gene vorgaukeln, damit wir kooperieren.“ Andere halten sie für eine Erfindung der Menschen. „Die Moral ist Menschenwerk“, schreibt der Atheist und Buchautor Andreas Müller, der sich ganz der atheistischen „Aufklärung“ verschrieben hat. Seit Nietzsche ist es eine beliebte Methode, der Moral den Zahn zu ziehen durch die Aufdeckung ihrer Genealogie, also ihrer geschichtlichen Entwicklung und Bedingtheit. Die moralischen Normen werden dadurch ihres Nimbus einer uns tatsächlich im Gewissen bindenden Geltung beraubt. Sigmund Freud hat dasselbe auf seine Weise getan: In tiefenpsychologischer Sicht ist das Gewissen mit seinen Geboten und Verboten als Über-Ich ein Produkt der Erziehung. All diesen Versuchen der Moraldestruktion ist der Gestus der Aufklärung gemeinsam.

Doch dann gibt es auch jene Atheisten, die den Vorwurf, der Atheismus untergrabe die Moral, entrüstet zurückweisen. Der Gestus der Aufklärung wird zurückgenommen. Sie bekommen Angst vor der eigenen Courage. So ernst haben sie es mit der Destruktion der Moral dann doch nicht gemeint. Wer will schon als unmoralisch gelten? Für die Folgen der Moralzerstörung wollen sie nicht einstehen. Und vor allem haben sie Angst vor dem sogenannten moralischen Gottesbeweis. Das ist jener Gedankengang, der aus der Existenz objektiver Normen und Werte auf die Existenz Gottes schließt. Im Umkehrschluss bedeutet das: „Ohne Gott ist alles erlaubt.“ Diese berühmte Aussage aus den Romanen Dostojewskis ist seitens der Atheisten einer der meistgehassten Sätze. Schleudere ihn einem Atheisten entgegen, und du machst aus ihm einen entschiedenen Verteidiger der Moral! Diese Erfahrung lässt sich leicht machen.

Diese Erfahrung hat auch der Religionsphilosoph William Lane Craig gemacht, der in Amerika durch seine öffentlichen Diskussionen mit Atheisten bekannt geworden ist. Er formuliert den moralischen Gottesbeweis in der Gestalt dieses logischen Schlusses: Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine objektiven moralischen Werte und Pflichten (Prämisse I). Nun aber existieren diese (Prämisse II). Also existiert Gott.

Ein Atheist, der diesem Beweis widerstehen will, muss wenigstens eine der beiden Prämissen leugnen. Zu Craigs Überraschung entschieden sich die meisten Atheisten, Prämisse I zu leugnen und Prämisse II beizubehalten. Sie hielten also an der Existenz der Moral fest und machten damit das ganze Aufklärungswerk der Atheisten a la Nietzsche, Wilson und Freud zunichte.

Fassen wir noch einmal zusammen: Der Atheist hat, um Atheist zu bleiben, entweder die Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen Moral und Gott zu leugnen, oder aber diesen Zusammenhang anzuerkennen, dafür aber die Moral zu leugnen. In diesem letzteren Fall wäre der Zusammenhang nur ein hypothetischer: Falls es objektive Werte und Normen gäbe, wären sie nur möglich, wenn Gott existiert. Der Zusammenhang wird anerkannt, aber dazu benutzt, mit der Zerschmetterung der Gottesidee auch die Moral, genauer: die Idee einer dem Menschen vorgegebenen Normativität, einer von ihm unabhängigen Werthaftigkeit zu zerstören. Das ist der Weg der genannten Gottesleugner wie Nietzsche, die sich darin gefallen, uns unserer echten oder vermeintlichen Gewissheiten zu berauben. Sie nennen das Aufklärung. Auch die moralische Evidenz, die Gewissheit, nichts Böses tun zu dürfen, soll davor nicht gefeit sein.

Die andere Sorte von Atheisten ist jene, die an eben dieser Gewissheit festhalten will. Gerade das, dessen sich die Aufkläreratheisten rühmen, empfinden sie als Vorwurf. Wie kann man ihnen bloß unterstellen, etwas gegen Moral zu haben? Sie wollen von jenem Zusammenhang zwischen Moral und Gott, dessen sich die Aufkläreratheisten bedienen, um die Idee der Moral zu zerstören, nichts wissen.

Die „moralphoben“ Aufkläreratheisten anerkennen, also den Zusammenhang zwischen Gott und Moral und mithin auch den moralischen Gottesbeweis für den Fall, dass es Moral gibt. Aber sie leugnen die Moral. Sie nutzen den Zusammenhang nicht in Richtung Gottesbeweis, sondern in Richtung Moralzerstörung. Sie sagen nicht: Aus A folgt B, sondern: Aus Nicht-B folgt Nicht-A. Beides ist logisch äquivalent. Moralischer Gottesbeweis und atheistische Moralzerstörung beruhen auf einem gemeinsamen anerkannten Grundsatz, der den Zusammenhang zwischen Gott und Moral in dem Sinne behauptet, dass die Existenz Gottes die Bedingung der Möglichkeit realer Werte sei.

Die „moralphilen“ Atheisten leugnen diesen Zusammenhang, um an der Idee der Moralität festhalten zu können. Doch merkwürdigerweise tun sie es fast nur dann, wenn sie seitens der Christen mit dem Vorwurf der Moralzerstörung konfrontiert werden, fast nie aber in Auseinandersetzung mit ihren Aufklärungskollegen. Dabei sind diese es doch, die ihnen das Kuckucksei der Moralzerstörung ins Nest gelegt haben. Mit derselben Entrüstung, mit der sie den Vorwurf der Theisten zurückweisen, müssten sie auch das beschriebene Aufklärungsprojekt der Nietzscheaner und der Soziobiologen zurückweisen. Es sind nur wenige, die das tun. Der Philosoph Thomas Nagel gehört zu den rühmlichen Ausnahmen. Was für Konsequenzen hat der Atheismus für die Idee der Moralität?

Es ergeben sich für die moralphilen Atheisten zwei Möglichkeiten: Sie halten an der Idee unverändert fest, oder sie verändern sie. Im ersten Fall wird diese Idee in einem atheistischen Universum heimatlos, im zweiten Fall wird die Moralität verfälscht.

Schauen wir uns zunächst den zweiten Fall an. Die Verfälschung besteht in der Identifizierung der Moral mit einem individuellen oder gesellschaftlichen Klugheitskalkül: Moral sei nichts anderes als die Wahrnehmung des wohlverstandenen Eigeninteresses. Zu den Vertretern einer solchen interessenbasierten Ethik gehört etwa Der Philosoph Norbert Hoerster. Für ihn gibt es keine objektiv verbindlichen Normen, die vor subjektiven Interessen Vorrang hätten. Zu dem, was wir unter moralischem Verhalten verstehen, motivieren wir einen Menschen, wenn wir ihm klarmachen, dass dieses Verhalten seinem aufgeklärten Eigeninteresse entspricht. Konsequenterweise lehnt Hoerster auch den Begriff von Rechten ab, die mich unabhängig von meinen Interessen verpflichten. Die Moral sei von Menschen erfunden und in Geltung gesetzt. Es ist klar, dass diese Art von Moral nichts mehr mit dem Moralverständnis zu tun hat, das wir im Alltag voraussetzen, wenn wir glauben, dass es wirklich böse ist, ein Kind zu quälen, ganz gleich, ob dies meinen Interessen zuwiderläuft oder nicht. Hoerster erbaut auf den Trümmern der zerstörten Moral eine Leichenhalle, die mit dem ursprünglichen Schloss nur noch den Namen gemeinsam hat.

Doch was geschieht im atheistischen Kontext, wenn die Moral nicht verfälscht, sondern an der Existenz moralischer Tatsachen, also objektiver Werte und Normen festgehalten wird? Es geht hier um die Frage dessen, was man in der metaethischen Diskussion den moralischen Realismus nennt. Ein moderner Vertreter dieser Richtung ist heutzutage etwa der Philosoph Julian Nida-Rümelin. Er nennt seinen Realismus einen unaufgeregten. Damit will er sagen: Sein Realismus kommt ohne ontologische Fundierung und ohne metaphysische Implikationen aus. Er will seinen Realismus nicht mit der Gottesfrage belasten. Das klappt bis zu einem gewissen Grad, weil uns die Erkenntnis moralischer Tatsachen ohne Gottesglaube möglich ist. Aber Nida-Rümelin kann dieses Programm nur durchhalten um den Preis, dass er die Frage nach dem ontischen Status der von ihm anerkannten moralischen Tatsachen peinlich vermeidet. Zu Recht haben ihm Kritiker wie Thomas Pogge oder Georgios Karageorgoudis die Frage entgegengehalten, wo denn die moralischen Tatsachen zur Zeit des Urknalls waren. War es damals schon wahr, dass es unrecht ist, Kinder zu töten? Tatsächlich sind moralische Werte und Normen in einem naturalistischen Weltbild Fremdkörper. Wenn sie nicht von Anfang an existierten, kommen sie zu spät, um das zu sein und zu bleiben, als was sie sich ausgeben, nämlich als zeitlos geltende Wahrheiten. In einem naturalistischen Weltbild sind Werte notwendigerweise jene mysteriösen Eigenschaften, aus denen der Philosoph John Leslie Mackie sein berühmtes Argument der queerness, der Absonderlichkeit, gegen den moralischen Realismus geschöpft hat. Mackie, dessen einflussreiches Werk „Ethik. Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen“ fast zu so etwas wie die Bibel der Ethikskeptiker geworden ist, war sich übrigens über den Zusammenhang zwischen der Wert- und Gottesidee im Klaren. „Die Metaphysik wird grundverschieden aussehen, je nachdem, ob man objektive Werte – ähnlich vielleicht den Formen Platons – für gegeben hält oder nicht.“ Für ihn wird die Idee objektiver moralischer Präskriptivität nur unter der Voraussetzung des Theismus plausibel. Hier sieht der Moralskeptiker klarer als der moralische Realist Nida-Rümelin.

Tatsächlich gilt: Nur wenn Gott als die Fülle und der Inbegriff aller Vollkommenheit und Werthaftigkeit am Anfang steht und der Kosmos seine Schöpfung ist, haben auch Werte und Normen im Kosmos ihren Platz. Wenn aber alles zufällig, weil Produkt einer richtungslosen Evolution ist, dann kann es keine zeitlosen moralischen Tatsachen geben, die uns vorgegeben sind und uns binden. Dann gilt, was der Philosoph Werner Loh geschrieben hat: „Folgt man aber der Auffassung, dass von den Elementarteilchen bis zu menschlichen moralischen Orientierungen sich alle Bestandteile entwickelt haben, dann gibt es keine entwicklungsunabhängige moralische Vorgabe.“ Wenn alles, was ist, kontingentes Produkt der Evolution ist, dann ist es auch die Moral. Und dann ist es um ihre zeitlose Geltung geschehen. Dann ist die Tür geöffnet für Ideologien, die behaupten, mit einer neuen Zeit könne auch eine neue Moral anbrechen, in der die bisherigen Werte nicht mehr gelten, in der was früher böse war, heute gut sei.

Entweder existiert Gott, dann ist die Existenz moralischer Tatsachen plausibel, oder er existiert nicht, dann mutieren diese Tatsachen zu ort- und heimatlosen Merkwürdigkeiten. Die Zwitterlösung eines über dem materiellen Kosmos schwebenden Wertehimmels, wie ihn manche Wertethiker anzunehmen scheinen, oder eines Panpsychismus, wie ihn Nagel vorschlägt, wird mit Recht von fast allen Philosophen als unbefriedigend abgelehnt.

Die zeitgenössische metaethische Diskussion zeigt dem Kenner der Materie mit unübersehbarer Deutlichkeit, wie ohne Gott die Moral zu einem Rätsel wird, das die scharfsinnigsten Denker nicht lösen können, ohne es zu zerstören. Der moralische Gottesbeweis entpuppt sich, wie auch Craig in seinen Debatten zu seiner eigenen Überraschung erfahren hat, als einer der stärksten überhaupt.