Katholisch senden, katholisch leben

Mit seinem klaren christlichen Profil ist das „Eternal Word Television Network (EWTN)“ zum weltweit größten katholischen Fernsehsender geworden. Von Ulrich Nersinger

Die im März 2016 verstorbene Mutter Angelica war die Gründerin des Fernsehsenders EWTN. Foto: IN

Die Kleinstadt Irondale befindet sich im Jefferson County des US-Bundesstaates Alabama. Die Ortschaft, die knapp 13 000 Einwohner zählt, liegt im Schatten von Birmingham, der bevölkerungsreichsten Stadt im „Cotton State“ (Baumwollstaat). Sie ist durch den Roman „Grüne Tomaten“ (engl. „Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Cafe“) der 1944 dort geborenen Autorin und Schauspielerin Fannie Flagg bekannt geworden. Die Handlung der Südstaaten-Geschichte ist größtenteils im bis heute existierenden „Irondale Cafe“ angesiedelt. Der Bekanntheitsgrad des Ortes stieg noch weiter, als Fannie Flaggs Roman mit einer beachtlichen Anzahl von Hollywood-Stars, etwa Kathy Bates, Jessica Tandy, Lois Smith und Chris O'Donnell, im Jahre 1991 von Jon Avnet erfolgreich und oscarprämiert verfilmt wurde.

Weltweit bekannt wurde Irondale aber auch durch eine andere Erfolgsgeschichte. Die verträumte, baptistisch geprägte Kleinstadt in Alabama beherbergt den katholischen Fernsehsender EWTN (Eternal Word Television Network). Gegründet wurde dieser 1981 von der Franziskanerklarissin Mutter Angelica Rizzo PCPA (1923–2016). Mit nur zweihundert Dollar, großem Gottvertrauen und von vielen Zeitgenossen belächelt, hatte die katholische Ordensfrau mit der Fernseharbeit in der Garage ihres Klosters begonnen. Ihr Motto lautete: „Wenn Du nicht den Mut hast, etwas Lächerliches zu tun, wird Gott auch nichts Wunderbares daraus machen.“

Mutter Angelica erkannte früh die Chancen des Fernsehens, möglichst viele Menschen zu erreichen, damit sie durch den Glauben an Christus Hoffnung und Orientierung in ihrem Leben finden und von der barmherzigen Liebe Gottes erfahren. Heute ist EWTN der weltweit größte katholische Fernsehsender und erreicht mit seinen Programmen in englischer, spanischer, deutscher und französischer Sprache mehr als 230 Millionen Haushalte in 144 Ländern auf allen Kontinenten. Als Multimedia-Organisation betreibt EWTN einen eigenen Radiosender und bietet einen umfangreichen Internet-Service an.

Ein Besuch des Senders in Irondale vermittelt nicht nur einen Eindruck von dem erfolgreichen Engagement Mutter Angelicas, sondern gibt auch beredt Auskunft über den Geist, der noch heute ihr Unternehmen beseelt. Wer das weitläufige Gelände von EWTN anfährt, muss einen Kontroll-Check durchlaufen – so zunächst den Officer, der in einem Wachthäuschen an der Einfahrt seinen Posten hat. Den Sicherheitsdienst versieht eine gut bewaffnete Security-Truppe, deren polizeiähnliche Uniform mit dem Emblem der katholischen TV-Anstalt geschmückt ist. Der Officer unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von seinen Kollegen an einer High-School, am Eingang zu einem Bürokomplex oder in einem der großen, viel frequentierten Einkaufszentren. Doch wenn er den Besucher professionell, aber freundlich kontrolliert hat, gibt er ihm ein „God bless You – Gott segne Sie!“ mit auf den weiteren Weg.

Auf dem Gelände von EWTN befindet sich ein Kloster der „Franciscan Missionaries of the Eternal Word“, einer geistlichen Gemeinschaft, die 1987 von Mutter Angelica gegründet worden war und bei der Evangelisierung via TV ihren Beitrag leisten soll. Die „Friars“ wirken an Fernsehproduktionen mit und führen Besucher durch die Studios. Kapellen, Gebetsräume und ein Kreuzweg im Freien bestimmen das Erscheinungsbild des „EWTN Irondale Campus“ entscheidend mit. Und so weisen Hinweisschilder den Besucher unter anderem darauf hin, dem Ort entsprechende und angemessene Kleidung zu tragen. Umweltschützer werden erfreut sein, dass auf dem gesamten Terrain ein striktes Rauchverbot besteht.

In den Fernsehstudios von Irondale entsteht der Großteil der Sendungen von EWTN, vor allem Talk-Shows, die mit Zuschauerbeteiligung live ausgestrahlt werden. Zu den Übertragungen mit einem der „Stars“ des Senders, Father Mitch Pacwa SJ, reist Publikum aus allen Bundesstaaten der USA an. „At Home with Jim and Joy“ heißt eine Sendung des Ehepaares Pinto, in dem Hilfe und Rat zu Fragen von Ehe und Familie gegeben wird; nicht nur Katholiken schalten ihren Fernseher ein, wenn Jim und Joy auf dem Bildschirm erscheinen. Ein enormer Ausstattungsfundus ermöglicht es EWTN, alle Sendesparten in Irondale zu bedienen, mit perfekten Sets aus eigenen Werkstätten. Für die tägliche Nachrichtensendung hat man ein modernes Studio in Washington D.C., der Bundeshauptstadt der USA, eingerichtet

Bei der Arbeit in den Studios des katholischen TV-Senders sprechen sich alle mit dem Vornamen an. Auf den Kaffee- und Teetassen am Set ist der Schriftzug „We're family! – Wir sind eine Familie!“ zu lesen. Alles geht familiär vonstatten, ohne jedoch dass Abstriche in der Professionalität gemacht werden. Aber vielleicht ist gerade der menschliche Aspekt entscheidend für eine produktive Arbeit. Und vor allem: Man sendet nicht nur katholisch, man lebt auch katholisch. Kein Kameramann oder Producer schämt sich, in einer Pause ein Gesätz des Rosenkranzes zu beten oder nach einem religiösen Buch zu greifen. Was den Besucher zudem beeindruckt, ist, das hier nichts „aufgesetzt“ erscheint. So sind auch die täglichen Messübertragungen aus der Studiokapelle normal katholisch gestaltet, ohne Experimente und ohne fromme Überfrachtung, „rite et recte“.

Die Studios in Alabama stehen auch den Produzenten der fremdsprachigen Programme von EWTN zur Verfügung, vor allem, wenn Serien mit vielen Folgen gedreht werden müssen. Untergebracht sind dann die Mitarbeiter und Gäste aus Übersee in Häusern auf dem Sendegelände, die marianische Bezeichnungen wie „Regina Caeli“, „Immaculata“, „Fatima“ oder „Marywood House“ tragen. Nur wenige Schritte von den Studios entfernt liegt das Reich von Rosie und Hernandez. Ihnen ist das leibliche Wohl der Talkshow-Gäste und ausländischen Besucher anvertraut. Manchmal können sie zum Mittag- oder Abendessen einen Wildbraten auftischen – immer dann, wenn Father Mitch Pacwa SJ seine seltene und knapp bemessene Freizeit zu einem Jagdausflug genutzt hat. Anstoß nimmt in Alabama an einer solchen Essensbeschaffung niemand.

Der Sender finanziert sich ausschließlich durch die Spenden seiner Zuschauer. Zu seinem deutschsprachigen Programmangebot gehören Dokumentarfilme, Nachrichten, Kinder- und Jugendsendungen, Talk-Shows und Spielfilme. Darüber hinaus bietet EWTN zahlreiche Live-Übertragungen aus Rom, von Reisen des Heiligen Vaters, von Großereignissen wie den Weltjugendtagen sowie Gottesdienste aus dem Kölner Dom, dem niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer oder dem Stift Heiligenkreuz in Österreich. Neue Programme und Sendereihen werden kontinuierlich produziert. Bereits mehr als 17,5 Millionen TV-Haushalte, das sind rund 36 Millionen Menschen, können somit im deutschsprachigen Europa EWTN empfangen. Darüber hinaus bietet EWTN sein Programm als Live-Stream im Internet an und kann regional im Kabel empfangen werden.

Für EWTN ist seine katholische Identität von existenzieller Bedeutung. Ohne ein Bekenntnis zum Glauben und zur Kirche war für Mutter Angelica katholische Medienarbeit nicht möglich. Die Päpste, vom heiligen Johannes Paul II. angefangen über Benedikt XVI. bis zum jetzigen Heiligen Vater haben diesen wertvollen Beitrag zur (Neu-)Evangelisierung anerkannt und honoriert. Papst Franziskus hat das Wirken des Senders durch die Berufung von Michael Warsaw, des Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführers von EWTN, in das Beratergremium des neugründeten vatikanischen Kommunikationssekretariates gewürdigt.