In schwierigen Zeiten den Glauben verteidigt

Ferdinand II. von Tirol: Katholischer Renaissancemensch mit Interesse an den Wissenschaften – Eine Ausstellung in Prag. Von Thomas Richter

Guter Landesvater: Ferdinand II. von Tirol. Foto: KHM Museumsverband

Prag ist keineswegs nur die Hauptstadt Tschechiens, sondern war eine bedeutende historische Achse zwischen dem Königreich Böhmen und den habsburgischen Stammlanden. An diese Verbindung erinnert eine Ausstellung über den Tiroler Herrscher Ferdinand II. (1529–1595), welche die Prager Nationalgalerie in der Reitschule des Palais Waldstein.

Ferdinand II., zweitgeborener Sohn des späteren Kaisers Ferdinand I. (1503–1564), verbrachte seine Jugend in Innsbruck. Auf seine Tätigkeit als Landesherr von Tirol wurde er jedoch sehr gut vorbereitet, indem er ab dem Mai des Jahres 1548 zum Statthalter von Böhmen in Prag ernannt wurde. Die Zeiten, in denen der junge Souverän die politische Bühne betrat, waren keine einfachen. Europa und die althergebrachte Ordnung waren dabei, sich aufzulösen. Die Reformation hatte das Glaubensleben der Bevölkerung verändert. Ein prägendes Ereignis für Ferdinand II. war seine Teilnahme an der Schlacht bei Mühlberg im Jahre 1547. Im März dieses Jahres hatte sich der Onkel Ferdinands, Kaiser Karl V., entschlossen, mit einem Söldnerheer gegen Norden zu ziehen, um den protestantischen Kurfürsten Johann Friedrich II. von Sachsen (1529–1595), den Anführer der „Schmalkalden“, in seine Schranken zu verweisen.

Erste Erfahrungen in den Konfessionskriegen der frühen Neuzeit

Es kam schließlich am 24. April zur Schlacht bei Mühlberg an der Elbe. Aufgrund eines strategischen Schachzuges des kaiserlichen Heeres sowie der Unfähigkeit des auf der Seite des schmalkaldischen Bundes stehenden Gegenspielers Johann Friedrich II. von Sachsen siegten die Truppen von Karl V.. Der sächsische Kurfürst konnte seine Haut nur dadurch retten, dass er vor dem deutschen Kaiser auf die Knie fiel und um sein Leben flehte. Weniger glimpflich kamen die Soldaten auf der Seite des besiegten schmalkaldischen Bundes davon, die nach einer Hetzjagd gnadenlos niedergemetzelt wurden. Auch wenn der junge Erzherzog Ferdinand und sein älterer Bruder, der spätere Kaiser Maximilian II., nicht an vorderster Front kämpften, so hat dieses Ereignis den späteren Landesherrn von Tirol in hohem Maße geprägt.

Die Zeit in Prag und die damit verbundene Regierung über die Länder der böhmischen Krone war mit vielen Herausforderungen verbunden, stellte aber gleichzeitig eine hervorragende Schule dar, um sich auf die Regierungszeit in Tirol vorzubereiten. Nach der gewonnenen Schlacht von Mühlberg hielt Ferdinand II. Strafgericht über die böhmischen Stände, welche sich dem schmalkaldischen Bund angeschlossen hatten. Dieses Ereignis ging als sogenannter „Blutiger Landtag“ in die tschechische Geschichte ein und deutete in gewisser Weise die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges voraus, als die katholischen Habsburger ein ähnliches Strafgericht über die böhmischen und mährischen Adeligen hielten, nachdem der auf der Seite der Aufständischen stehende Friedrich von der Pfalz (1596–1632) die Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 verloren hatte.

Böhmen ist seit dem 15. Jahrhundert konfessionell immer schon ein schwieriges Pflaster gewesen. Diese Episode begann mit dem vom Konstanzer Konzil im Jahre 1415 verurteilten Reformator Jan Hus (1370–1415) und zieht sich wie ein roter Faden durch die kommenden Jahrzehnte. Besonders in den Städten und bei den Vertretern des niederen Adels gewannen die sogenannten „Utraquisten“ oder auch „Calixtiner“ an Bedeutung. Die beiden Namen geben Auskunft über das theologische Programm. Die Anhänger diese Bewegung forderten die Kommunion in beiderlei Gestalten („sub utraque specie“), indem sie nicht nur den Leib Christi, sondern auch die Kelchkommunion („calix“) empfangen wollten. Die „Utraquisten“ genossen zunächst den Schutz der Krone, sofern sie sich politisch ruhig verhielten und nicht weiter auffielen. In Verbindung mit einer sozialrevolutionären Programmatik ergab sich für die habsburgische Obrigkeit jedoch eine gefährliche Mischung, welche Ferdinand II. mit großer Härte verfolgte. Eine großangelegte Verfolgung im Sinne einer Hexenjagd lehnte er jedoch ab, sondern setzte auf subtilere Methoden. Es ging dem späteren Landesfürsten von Tirol darum, die Entscheidungsträger der böhmischen Bruderunitäten in die Schranken zu verweisen, um die in seinen Augen irregeleitete Herde wieder auf den rechten Weg zu führen. Dabei setzte der Herrscher mehr auf pädagogische Methoden wie eine Unterweisung durch die Verbreitung geeigneter Schriften sowie den Einsatz geschulter Katecheten als auf Gewalt. Dieses Konzept sollte sich auch in seiner späteren Zeit als Landesherr von Tirol bewähren.

Doch bis zum endgültigen Antritt der Landesherrschaft im Jahr 1567 war es ein weiter Weg. Ferdinand II. war bereits in seiner Zeit in Böhmen Ehemann und Vater zweier Söhne geworden. Allerdings war die Frau und Mutter seiner beiden Söhne eine bürgerliche Kaufmannstochter aus Augsburg: Philippine Welser (1527–1580). Damit verstieß Ferdinand II. als Angehöriger des Hochadels gegen die Ehekonventionen seiner Zeit. Die vielen Opfer, die er dafür in Kauf nahm, zeigen, dass es sich dabei wirklich um eine Liebesheirat handelte. Es ist nicht bekannt, unter welchen Umständen Ferdinand die junge „Welserin“ kennenlernte. Sie besuchte wohl um das Jahr 1554 ihre verwitwete Tante, die aus Prag aufs Land nach Schloss Bresnitz zog und sich nach dem Tod ihres Ehemannes um die Verwaltung der umliegenden Güter kümmern musste. Genau dort fand unter größter Geheimhaltung im Januar 1557 die Hochzeit von Ferdinand II. mit Philippine Welser statt. Dass die junge Braut nur knapp ein halbes Jahr später in anderen Umständen war, wussten nur wenige Eingeweihte. Philippine entband am 15. Juni 1558 einen Sohn, den man heimlich zwischen den beiden Schlosstoren von Bresnitz ablegte, so dass ihn das junge Paar als „Findelkind“ adoptieren konnte. In ähnlicher Weise ging man bei der Geburt des zweiten Sohnes im Jahr 1560 vor. Inzwischen hatte auch der kaiserliche Vater und Schwiegervater Ferdinand I. von den Vorkommnissen auf dem böhmischen Schloss Wind bekommen und stellte den Sohn zur Rede.

Die Angelegenheit war für das Haus Habsburg von größter Brisanz. Denn Ferdinand stand an zweiter Stelle in der Thronfolge und hätte bei einem frühzeitigen Tod seines älteren Bruders Maximilian „Chef“ des Hauses Österreich und deutscher Kaiser werden können. Per Dekret wurde verfügt, dass die nicht standesgemäßen Söhne von jeder Erbfolge ausgeschlossen wurden. Darüber hinaus wurden alle Beteiligten zu strengster Verschwiegenheit verpflichtet, wovon Ferdinand II. erst im Jahr 1576 durch den Papst entbunden wurde. Der Hintergrund war, dass der älteste „Adoptivsohn“, Andreas (1558–1600), Kardinal werden sollte und vor der Ernennung der Nachweis der ehelichen Geburt erbracht werden musste. Unter heutigen Gesichtspunkten hat sich jedoch Ferdinand II. geradezu vorbildlich verhalten. Er bekannte sich offen zu Philippine Welser und nahm dafür viel Unangenehmes in Kauf.

Ferdinand II. hatte schon die Bedeutung des qualifizierten Religionsunterrichts erkannt

Ferdinand II. war ein guter Landesvater. In seiner Regierungszeit gab es kaum bewaffnete Auseinandersetzungen. Er erkannte die Bedeutung eines qualifizierten Religionsunterrichtes und setzte auf den Einsatz modernen Medien wie gedruckter religiöser Literatur. Als besonders segensreich erwies sich die Tatsache, dass als Vorkämpfer der Gegenreformation der Jesuit Petrus Canisius (1521–1597) in Tirol wirkte, dort unermüdlich als Prediger in Erscheinung trat und gleichzeitig die oftmals überholten Strukturen im Sinne des Trienter Konzils neu organisierte. Ferdinands persönliches Kreuz bestand sicherlich darin, dass er nach dem Tod seiner geliebten Philippine Welser auch in der zweiten Ehe mit der ihm standesgemäßen Anna Catarina Gonzaga (1566–1621) nur Töchter, aber keinen Thronerben bekam. Vielleicht legte er daher seinen Schwerpunkt in den letzten Lebensjahren auf das Sammeln von Büchern und vieler medizinischer sowie naturwissenschaftlicher Kuriositäten. Dazu zählten Steine, Amulette aber auch bizarre Erscheinungsformen wie zum Beispiel Bilder von Menschen mit einem ausgeprägten Haar- und Bartwuchs. Mit dieser Leidenschaft reiht sich Ferdinand II. in die Gesellschaft vieler Renaissanceherrscher ein, die viel Energie und finanzielle Mittel in die Einrichtung eines Kuriositätenkabinetts steckten. Das Besondere an Ferdinands Sammlung besteht darin, dass nahezu alle Exponate im Tiroler Stammsitz auf Schloss Ambras vorhanden sind und dort besichtigt werden können. Von diesem Ort fanden daher auch einige Gegenstände den Weg zur Ausstellung nach Prag.

Sein Katholizismus in Verbindung mit Interesse an den sich in der Neuzeit herausbildenden Naturwissenschaften sind daher keineswegs ein Widerspruch. Dieses fruchtbare Nebeneinander spiegelt sich in den Lebensspuren von Ferdinand II. wider, die man dauerhaft auf Schloss Ambras und jetzt in der Prager Nationalgalerie besichtigen kann.

Die Ausstellung über Ferdinand II.

von Tirol ist bis zum 25. Februar 2018 geöffnet. Nationalgalerie in Prag – Wallenstein Reithalle, Malá Strana, 1 18 00.