In der glücklichen Welt der Linken

Der Deutschlandfunk erklärt im Internet „Das Kapital“ von Marx – Die gesellschaftlichen Aspekte greifen zu kurz. Von Alexander Riebel

Karl Marx - 125. Todestag
Das Marx-Denkmal in Chemnitz ist erhalten worden – und wird immer aktueller. Foto: dpa

Er hat es wieder getan. Der Philosoph Jürgen Habermas hat sich wieder in die Nähe eines Linken gerückt, wie jetzt in einem Interview in der „Zeit“ zum französischen Präsidentschaftskandidaten Macron, der als Parteiloser antritt: „Das würde mich als Linken alarmieren, wenn damit ein überparteilicher Anspruch verbunden wäre: Wer sich über den Parteien wähnt, ist nicht unpolitisch, sondern gefährlich.“ Dass Habermas so selbstverständlich eine solche Nähe konstruiert, ist ein besonderes Zeichen. Denn heute ist auch die Mitte links, die Gesellschaft oder schlicht die Idee der Alternativlosigkeit, die alles möglich zu machen scheint. Alternativlos wäre wohl auch ein Großeuropa, in dem sich die Staaten aufgelöst hätten. Nochmals Habermas: „Die Unfähigkeit der nationalen Regierungen, in Brüssel zu kooperieren, hat den rechten Populismus auf den Plan gerufen.“ Solch eine Erklärung hat man noch nicht gehört. Sind es wirklich die Streitigkeiten in Brüssel, über den der „Rechte Populismus“ spricht? Oder nicht vielmehr dies, wie es gestern in Medien hieß, dass der Terrorismus in Europa wie jetzt wieder in Frankreich ein Wahlgeschenk für Le Pen ist?

Über den Zusammenhang von Globalisierung und Terror hört man von Linken wenig, auch nicht in dem Projekt zu „Das Kapital“ von Karl Marx, das der Deutschlandfunk mit langen Texten ins Netz gestellt hat, die auch zum Nachhören sind. Das Buch ist vor 150 Jahren erschienen und im kommenden Jahr ist die Feier zum 200. Geburtstag von Karl Marx. Wer im Internet „Deutschlandfunk“ und „Marx“ eingibt, ist beim Thema mit inzwischen neun Teilen. Der erste Teil hat die Überschrift „Aktuelle Brisanz der Marxschen Kategorie“ und meint das Kapital. Der Journalist Mathias Greffrath erklärt viel über die Theorie des Mehrwerts und kommt zu dem Ergebnis, dass die Lektüre des Kapitals das Gehirn wasche: „Und was macht man mit dem gewaschenen Gehirn? Marx glaubte daran, dass ,mit der Einsicht in den Zusammenhang [...] aller theoretische Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände‘ stürzt. Das stimmt wohl, aber vom gestürzten Glauben an die Ewigkeit des Kapitalismus bis zu seiner Veränderung oder gar Überwindung ist es kein kurzer Weg.“ Also werkelt auch das Projekt des Deutschlandfunks am Sturz des Systems fleißig mit? Der Ökonom Hans-Werner Sinn widerspricht im 7. Teil der Reihe: „Der Sozialismus hat den Systemwettbewerb mit dem Kapitalismus verloren.“ Doch lässt sich Wirtschaft nicht einfach steuern, wie Sinn meint: „Es gibt kein Primat der Politik über die Gesetze der Ökonomie. Vielmehr bestimmen die ökonomischen Gesetze den Rahmen, innerhalb dessen sich die Politik bewegen kann. Systeme, die sich nicht an den Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens und der objektiven Knappheit der Ressourcen orientieren, sondern aufgrund bloßer Wunschvorstellungen von Ideologen, Theologen oder Ethikern eingerichtet werden, gehen unter, weil sie ökonomisch nicht funktionieren und dem Wettbewerb mit anderen Systemen nicht standhalten.“

Für Sinn gehört zu diesem Einflussnehmen linker Politiker die Diskussion über den Mindestlohn, die europäischen Rettungsschirme oder die „Regeln für die Inklusion von Migranten in den Sozialstaat“.

Doch wie ist der Marxismus erreichbar? Da kommen die Autoren des Deutschlandfunks wieder auf die Kooperation zurück, die eingangs von Habermas zitiert wurde. So der Münsteraner Philosoph Michael Quante, nach dem man einfach vorleben müsse, was Marx wollte – der hätte nämlich nicht Pamphlete aufstellen wollen, sondern in sozialen Gruppen die Akteure aufklären. Auch der Journalist und Schriftsteller Robert Misik spricht von einer anderen Ökonomie, in der „Selbsthilfegruppen, Tauschringe, Kooperativen oder altruistische Hilfsprojekte“ eine Rolle spielen. Doch wird diese angeblich glückliche Welt der Linken mehr als ein paar ökonomische Detailprobleme lösen? Das „Kapital“-Projekt hat diese Frage nicht beantwortet. Eine Alternative ist diese marxistische Traumwelt nicht, denn dazu ist sie viel zu sehr auf bloße politische Machtausübung angelegt, wie das auch in manchen Demokratien Europas schon überdeutlich ist. Und das gar nicht so sehr nur in der Politik, sondern in der Bildung, in den Medien, im Alltag.