Halleluja mit Hüftschwung

Er ist nicht nur ein Fan von Jesus, sondern schätzt auch sehr den König des „Rock 'n' Roll, Elvis Presley, der vor 40 Jahren starb. Auf diese Weise kann Jugendpfarrer Norbert Fink aus dem Erzbistum Köln Menschen mit dem Glauben in Kontakt bringen, die mit der Kirche nichts zu tun haben. Von Stefan Ahrens

Eigentlich ist Pfarrer Norbert Fink ein ganz normaler Priester, der sich zum Beispiel auch gut mit Papst Franziskus vers... Foto: privat

Der 15. August ist für Christen in aller Welt ein nicht unwichtiger Gedenktag – schließlich wird an diesem Tag Mariä Himmelfahrt gefeiert. Eine ganz andere „Himmelfahrt“ allerdings begehen nicht wenige Rock- und Pop-Fans am 16. August – also nur einen Tag später. Denn am 16. August 1977 verstarb im Alter von nur 42 Jahren nicht irgendein Rockmusiker, sondern der King of Rock 'n' Roll himself – Elvis Presley (1935–1977).

Keiner verkörperte den Rock 'n' Roll so wie er, kein Solokünstler verkaufte mehr Tonträger (Experten schätzen bis zu einer Milliarde Exemplare) und neben den Beatles oder Michael Jackson dürfte wohl kaum ein anderer Interpret über eine so eingefleischte Fangemeinde verfügen wie der Mann aus Memphis, Tennessee. Einer, der sich den 40. Todestag von Elvis dick in seinem Terminkalender eingetragen hat und sich ein Leben ohne die Musik von Elvis Presley ebenfalls nicht vorstellen kann, ist Norbert Fink. Der 42-jährige Gummersbacher mit polnischen Wurzeln liebt Musik von Rock bis Rap – und ist Pfarrer der römisch-katholischen Kirche im Erzbistum Köln. Der Jugendseelsorger wurde vergangenes Jahr bundesweit bekannt, als er vor einem Millionenpublikum im TV Daniela Katzenberger und Lucas Cordalis traute – davor hatte er schon ein Musikvideo mit dem Titel „Dein Gott“ auf YouTube veröffentlicht, das bereits über 34 000 Mal angesehen worden ist. Er postet eigene Video-Clips und Predigten auf seinem YouTube-Kanal und kommuniziert gerne über Facebook. Und in seinem frisch erschienenen Buch „Hallo Welt, hier Kirche. Von einem, der auszog, den Glauben zu rocken“ (Gütersloher Verlagshaus, 2017) tritt der 2003 vom kürzlich verstorbenen Kölner Kardinal Joachim Meisner zum Priester geweihte Jugendpfarrer den Beweis an, dass es keinen Widerspruch darstellt, sowohl ein der Popkultur zugewandter moderner Mensch, als auch ein gläubiger Katholik zu sein. Norbert Fink war schon früh vom Leben und der Musik des King of Rock 'n' Roll fasziniert, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt: „Schon als Kind fand ich Elvis toll, weil er anders war als die anderen Musiker. Er sah anders aus, hat anders gesungen, sich anders bewegt. Und das fasziniert mich bis heute an ihm: Elvis hat sich nicht prägen lassen, von dem was ,in‘ war – er hat selbst andere durch seine Originalität geprägt. Ganz egal, was andere sagten – was ihm wichtig war, das hat er durchgezogen. Dieses Rebellische an Elvis habe ich nicht nur bewundert, sondern mir schließlich auch ein bisschen zu eigen gemacht. Als in mir mit 20 Jahren der Wunsch aufkam, Priester zu werden, habe ich viel Gegenwind bekommen, aber ich wusste, dass das mein Weg ist und deshalb bin ich ihn auch entschlossen gegangen, wie auch Elvis seiner Berufung gefolgt ist.“

Seine Elvis-Leidenschaft intensivierte der Jugendpfarrer noch, als er in Bad Nauheim zum „Europäischen Elvis Festival“ reiste – dem Ort, an dem Elvis Presley als junger G.I. während seines Militärdienstes von 1958–1960 stationiert war. Der Elvis-Fan lernte dort jede Menge Gleichgesinnte kennen und fuhr 2012 nach Memphis, Tennessee, wo Elvis gelebt hat und gestorben ist. „Ich traf Menschen, die Elvis persönlich gekannt haben und machte ein Jahr später eine Kreuzfahrt mit dessen ehemaligen Bandmitgliedern und seiner Ex-Frau Priscilla Presley. Eine Ausgabe deren Buches „Elvis and Me“ mit der Widmung „To Norbert“ gehört seitdem zu meinen wertvollsten Sammlerstücken“, erinnert sich der Priester an seine „Pilgerreise“ nach Graceland, dem Wohnsitz von Elvis, den alljährlich tausende Fans aus der ganzen Welt aufsuchen. So manche Erinnerungsstücke und regelrechte „Reliquien“ des Rock-Heiligen gibt es dort zu bestaunen – und auch Anhänger der „Elvis lebt!“-Fraktion können bekanntermaßen mit „Auferstehungserzählungen“ des unvergessenen Künstlers aufwarten.

Doch schon zu Lebzeiten wurde der King of Rock 'n' Roll wie ein Heiliger verehrt. Gerade seine Konzerte ab den 1970er Jahren entwickelten im Laufe der Zeit eine immer stärker religiös anmutende Dimension – sei es das titanische „Also sprach Zarathustra“-Intro von Richard Strauss zu Beginn sowie der wie ein Gottesdienst durchchoreographierte Auftritt, bei dem am Schluss einige von Elvis benutzte Schweißtücher wie Berührungsreliquien unter seinen Fans verteilt wurden. Für diejenigen, die sich glücklich schätzen konnten, ein solches Souvenir ihres Idols zu erhaschen, war es somit gegeben, scheinbar ein Stück von Elvis selbst mit zu sich nach Hause nehmen zu können. Reliquien- und Heiligenverehrung in ihrer nur denkbar säkularsten Form. Manchmal, so Norbert Fink, müsse er bei solchen Fanauswüchsen so etwas wie ein Mahner sein, „dass die Leute nicht zu weit gehen und Elvis so stark verehren, dass sie ihn zu ihrem Götzen machen. Elvis wollte nie ,The King‘ genannt werden. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass allein Gott ,The King‘ ist.“

Elvis, so der Pfarrer aus Gummersbach, war tiefer im christlichen Glauben verwurzelt, als so manche seiner Fans annehmen: „Wenn man sich intensiv mit diesem Menschen beschäftigt, kommt man um das Thema ,Religion‘ eigentlich gar nicht herum. Elvis hat vier Gospelplatten aufgenommen, hat viele spirituelle Bücher gelesen und sich sehr intensiv mit der Bibel beschäftigt – ,wenn ihm das wichtig war, dann guck doch auch mal rein‘, sag ich oft den Leuten.“ Für Norbert Fink, der seit seiner Kaplanszeit auch gerne vor Publikum als Elvis-Imitator auftritt, ist seine Elvis-Leidenschaft ein schönes Hobby – mit dem er allerdings auch kirchenferne Menschen erreicht. Viele Elvis-Fans sind darüber verblüfft, wenn sie im Gespräch einen jungen Priester erleben, der einerseits die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus verehrt – und gleichzeitig so gut wie alles über Elvis weiß: „Als katholischer Priester bin ich in der Elvis-Fan-Gemeinde ein absoluter Exot, denn viele Elvis-Fans haben mit Kirche überhaupt nichts am Hut, sind aber froh, wenn sie mit religiösen Fragen zu mir kommen können und in mir einen Anlaufpunkt haben.“ So mancher Elvis-Fan vertraue sich ihm dann auch schon einmal seelsorgerisch an, was Norbert Fink sehr freut.

Hüftschwung und Halleluja, Rock und Evangelium, Elvis und Jesus – passt das also zusammen, Pfarrer Fink? „Ich meine ja, denn bisher habe ich eigentlich nur positive Rückmeldungen bekommen. Eines meiner schönsten Erlebnisse war bisher eine Frau, die mich um die Wiederaufnahme in die Kirche gebeten hat, nachdem sie in der Regionalzeitung einen Artikel über mich und meine Elvis-Leidenschaft gelesen hat. Die Frau hatte Angst, sich an einen offiziellen Kirchenvertreter zu wenden, aber meine Elvis-Begeisterung hat ihr schließlich gezeigt: Ein Pfarrer ist auch nur ein Mensch und zu dem kann ich hingehen!“