Eine Parabel auf die ach so tolerante Gesellschaft

Eine Gesellschaftssatire unter der Oberfläche einer Aschenputtel-Geschichte: Der Spielfilm „Madame“. Von José García

MADAME
Hausmädchen Maria (Rossy de Palma, Mitte) soll für einen Abend an einem Dinner im Haus ihrer Herrschaften teilnehmen. Nach anfänglicher Befangenheit beginnt Maria, sich in ihrer Rolle sichtlich wohlzufühlen. Foto: Studiocanal

„Uns bleibt immer Paris“ („We'll Always Have Paris“). Das bekannte Zitat aus „Casablanca“ (Michael Curtiz, 1942) bringt nicht nur die unmögliche Liebesgeschichte zum Ausdruck, die den Film nach Meinung des „American Film Institute“ zum besten US-Liebesfilm aller Zeiten machte. Darin offenbart sich darüber hinaus die Sehnsucht vieler Amerikaner nach Europa, die jahrzehntelang mit Paris gleichgesetzt wurde. Gertrude Stein, Ernest Hemingway („Paris ist die Stadt, die ich von allen Städten in der Welt am meisten liebe“), F. Scott Fitzgerald ... lebten lange in der Lichterstadt. Ihnen allen setzte etwa Woody Allen in „Midnight in Paris“ (DT vom 18.8.2011) ein filmisches Denkmal.

Amerikaner in Paris stellen den Ausgangspunkt im gerade im Kino angelaufenen Spielfilm „Madame“ von Amanda Sthers dar: Bob (Harvey Keitel) und Anne Fredericks (Toni Collette) haben sich in Paris niedergelassen. Sie bewohnen ein elegantes und überaus teures Stadtpalais. Aber wieder einmal trügt der Schein: Bob sitzt finanziell in der Klemme. Um aus der Sackgasse herauszukommen, möchte er ein geerbtes Kunststück, einen „echten Caravaggio“, verkaufen. Dafür hat er den Kunsthändler David (Michael Smiley) zu dem Dinner eingeladen, das seine Frau Anne für eine ausgesuchte und wohl auch erlesene Gesellschaft ausgerichtet hat.

Anne hat selbstverständlich an alles gedacht. Das Personal deckt unter der Führung der spanischen Hausangestellten Maria (Rossy de Palma) millimetergenau den Tisch für zwölf Personen. Als aber Annes Stiefsohn Steven (Tom Hughes) unangekündigt auftaucht, und darauf besteht, zum Abendessen zu bleiben, hat die abergläubische Frau ein Problem: 13 Tischgenossen geht gar nicht. Wo aber auf die Schnelle einen weiteren Gast finden? Anne kommt auf eine glorreiche Idee: Maria soll für einen Abend die Uniform ablegen und als 14. Gast am Abendessen teilnehmen. Natürlich bekommt Maria bei der Vorstellung, mit den „Herrschaften“ und ihren illustren Bekannten zusammen zu speisen, Schweißausbrüche. Aber ihre „Madame“ bleibt unerbittlich. Maria wird unter Annes Aufsicht in eine „echte“ spanische Adlige verwandelt. Bob und Anne geben ihr zuletzt ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg: Sie soll nicht viel trinken und vor allem nicht viel reden.

Im Laufe des Dinners vergisst Maria allerdings diese Anweisungen. Der exquisite Wein hilft ihr, ihre anfängliche Befangenheit zu überwinden. Nach und nach wird sie mit ihren schlüpfrigen Witzen und ihrer Ungezwungenheit zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Anne, Bob und wohl auch andere Gäste fühlen sich peinlich berührt, nicht so aber Marias Tischnachbar, der bereits erwähnte Kunsthändler David. Der vornehme Mann findet so sehr Gefallen an der „spanischen Adligen“, dass er sie um ihre Telefonnummer bittet. Tatsächlich trifft sich ein paar Tage später das ungleiche Paar wieder. Wie sollen Anne und Bob dem Kunsthändler Marias wahre Identität enthüllen, ohne dass David vom Caravaggio-Deal abrückt?

Der zweite Spielfilm von Drehbuchautorin und Regisseurin Amanda Sthers nimmt sich bereits im Filmtitel zweideutig aus: „Madame“ bezieht sich zunächst einmal auf die Anrede, mit der die Hausangestellte ihre Arbeitgeberin selbstredend anspricht. Die Anrede „Madame“ verdient sich Maria durch ihr beherztes Auftreten im Laufe des Abends jedoch selbst. Vielschichtig erscheint auch der Spielfilm selbst. Es beginnt als modernes Aschenputtel-Märchen: Der Abstand von der funktionellen Küche zum exquisit eingerichteten Salon scheint für Maria nicht nur bis Mitternacht zusammenzuschmelzen. „Madame“ weist freilich auch Parallelen zu Andersens „Das hässliche Entlein“ auf. An der Verwandlung des von niemandem beachteten Dienstmädchens in einen schönen Gesellschafts-Schwan hat Schauspielerin Rossy de Palma den größten Anteil. Die Mimin, die insbesondere in den frühen Filmen von Pedro Almodóvar bekannt wurde, bringt schon mit ihrem Äußeren die Grundvoraussetzungen dafür ein: Die stattliche Größe und das schiefe Gesicht mit der markanten Nase zusammen mit den pechschwarzen Haaren und Augen verleiht ihr eine besonders aparte Erscheinung. Die Charakterdarstellerin unterstützt dies mit einer charmanten, an Naivität grenzenden Unbekümmertheit, die nicht nur David, sondern auch den Zuschauer einnimmt.

Amanda Sthers Film beginnt darüber hinaus als klassische Verwechslungskomödie mit etlichen Missverständnissen und Verwicklungen. Mit fortschreitender Handlung wird es immer deutlicher, dass es sich bei „Madame“ keineswegs um ein Märchen handelt: Anne betrügt ihren Mann, aber auch Bob beginnt, mit seiner Französischlehrerin offen zu flirten. Dazu führt Amanda Sther aus: „Natürlich kommen all diese Urformen, alle Kodierungen dieser Märchen vor, aber mein Film ist realistischer. Denn diese Geschichten sind wie Opium, und was dort geschieht, passiert niemals im wirklichen Leben.“ Hauptdarstellerin Rossy de Palma wird da konkreter: „Es ist eine Komödie, doch es schwingt eine leichte Bitterkeit mit. Hinter der Fabel verbirgt sich eine Kritik an der Klassengesellschaft, daran, wie die Reichen mit denen umgehen, die weniger haben.“

Ohne in ein Sozialdrama nach der Art eines Ken Loach abzudriften, entwickelt sich „Madame“ mit seinen intelligenten Dialogen, den wunderschönen Bildern von Paris und einer beschwingten Filmmusik in Richtung schwarze Komödie, in eine teils bitterböse Satire, in eine Parabel auf die ach so tolerante Gesellschaft, die sich nach außen liberal gibt, die aber eigentlich auf Standesunterschiede genauestens achtet.