Ein neues Narrativ der Ehe

„Mehr Dafür und weniger Dagegen“: Christen sollten mit mehr Mut vermitteln, was aus ihrer Sicht Ehe und Familie heute ausmacht. Von Mike Schuster

Ehering
Kompetent bei Erstkommunion und Firmung, aber nicht bei Partnerschaft und Ehe? In der Kirche sind Mut und Profil nötig. Foto: dpa

Kurz vor der Sommerpause hat der Deutsche Bundestag die „Ehe für alle“ auf den Weg gebracht. Schnell – überstürzt mögen manche sagen – und doch erstmal als Schlusspunkt einer lange andauernden gesellschaftlichen Debatte. Und ja: getragen von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung. Katholische und evangelische Kirche standen am Spielfeldrand – teils verwundert, teils schockiert. Vor allem jedoch wirkten beide von der Dynamik der Debatte überfordert.

Dass die Kirchen, vor ihrem dann großen und lauten Protest, zunächst sprachlos waren, liegt an einer schon viel länger andauernden Sprachlosigkeit. Der Sprachlosigkeit zu den Themen Ehe und Familie. Ja, es gab eine Familiensynode, ja es gibt das pastoral wertvolle und praxisnahe Dokument ,Amoris laetitia‘ und ja: Jeder Pfarrer einer noch so kleinen Gemeinde wird mehr Kompetenz in den Fragen von Liebe, Streit, Versöhnung, Erziehung und familiärem Miteinander haben, als so mancher Volksvertreter im teils fernen Berlin. Und doch wurde diese geballte Kompetenz in den letzten Jahren kaum ausgespielt. Wenn die Kirche von Sexualität sprach, dann oft in einer stark veralteten und technischen Sprache – weit entfernt von der gerne bemühten Lebensrealität der Menschen.

Wenn junge Menschen heute Kontakt mit ihrem Priester aufnehmen, weil sie heiraten möchten, dann schon eher wegen des schönen Rahmens und weniger wegen einer tiefen Suche nach dem Sinn und der Berufung des eigenen Lebens. Wenn es glücklich läuft, bricht der Kontakt von Jugendlichen zur Kirche nicht schon nach der Erstkommunion ab, sondern erst nach der Firmung. Dann, wenn es im Leben so richtig spannend wird, stehen viele junge Menschen im Regen. Welchen Beruf soll ich ergreifen, wie stehe ich auf eigenen Beinen, wie gehe ich mit den ersten großen Erfahrungen des Scheiterns um und: Wie kann ich heute ein guter Ehemann und Vater, eine gute Ehefrau und Mutter sein? Dann breitet sich Stille aus. Die Jungen fragen nicht, weil sie nicht wissen wen, und die Wissenden bleiben stumm, weil ihnen der Mut zur Eigeninitiative fehlt.

Papst Benedikt sprach 2011 im Bundestag von Natur und Vernunft als den wahren Rechtsquellen. Keiner wird ihm, dem großen Philosophen und Theologen, leichtfertig widersprechen. Und doch müssen wir heute vielleicht anerkennen, dass sich Politik von diesem Anspruch immer auch ein Stück weit entfernen wird. Politik wird sich immer wieder eher der Mehrheit verpflichtet fühlen, viel weniger jedoch dem Gesellschaftsbild der Kirchen. Politik wird sich vielleicht auch in einem gewissen Grad von ihren eigenen Wurzeln abwenden. Gut finden müssen wir das als Christen nicht. Die Frage ist nur, wie unsere Antwort darauf lautet. Viel war in den letzten Wochen darüber zu lesen, was die Ehe alles nicht ist. Wenig konnte man darüber erfahren, was aus christlicher Sicht Ehe und Familie heute ausmacht, ja warum uns diese Institutionen im wahrsten Sinne des Wortes heilig sind. Und wieder haben beide Kirchen eine Chance verpasst. Diesmal hätten sie auch ruhig in die Trickkiste der Politik greifen können. Gegner und Befürworter der „Ehe für alle“ haben eine Geschichte erzählt – warum sie zustimmen werden oder warum nicht. Die katholische Kirche dagegen wirkte manchmal bockig und stur. Sie war und ist eben dagegen.

Dabei liegt in dieser Debatte eine unwahrscheinliche Chance: Wenn wir anerkennen, dass nicht alle christlichen Errungenschaften in dieser Gesellschaft selbstverständlich und in Stein gemeißelt sind, wenn wir dem unvermeidlichen Wandel mutig begegnen, dann können wir auch als Christen gestalten. Gerne immer mit unserer Position, mit unserem Bild von Ehe, Familie und Gesellschaft. Gerne mit mehr Mut. Aber mit mehr Dafür und mit weniger Dagegen.

Was wir brauchen, ist ein neues Narrativ der Ehe. Eine neue Erzählung, die junge Frauen und Männer anspricht, ihnen Mut macht zu der großen Lebensentscheidung einer christlichen Ehe, die sie trägt durch Krisen und Herausforderungen und sie nicht alleine lässt, wenn es mal stürmischer zugeht. Vielleicht wird sie dann auch aus katholischer und evangelischer Sicht wieder ein bisschen zur Realität: Die Ehe – für alle. Noch ist es nicht zu spät.

Der Autor war lange Zeit Sprecher der „Generation Benedikt“ und arbeitet als Referent eines CDU-Bundestagsabgeordneten. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.