Die Macht des Prä-Faktischen

Nicht die Fakten halten die Welt im Innersten zusammen, sondern die Einstellungen, Glaubenssätze und Prägungen der Menschen und Tiere. Eine freundliche Warnung vor dem Abgrund des Post-Faktischen. Von Alexander Pschera

Schulessen
ARCHIV - ILLUSTRATION - Mit einer Kelle wird in Schwerin in der Mensa der Niels Stensen Schule Tomatensoße über Nudeln v... Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Für den aktuellen Zustand unserer Sitten und Gehirne ist es bezeichnend, auf welche Weise die Herrschenden, die sich immer weniger als Gewählte und Repräsentanten ihres Volkes zu verstehen scheinen, sondern mehr und mehr den Anschein erwecken, als seien sie allmächtige Götter eines politischen Olymp, dessen Macht vom Volk unabhängig ist, auf welche Weise also diese Renegaten der Demokratie versuchen, die intellektuelle Lufthoheit über das Land zu bekommen oder zurückzugewinnen. In den kalten Hinterzimmern der Macht werden Vokabeln geschnitzt, deren Charakter sich einerseits einem Heideggersloterdijk'schen Raunen, andererseits einer Habermas'schen Begriffsrationalität zu verdanken scheint und so von keiner Seite wirklich angegriffen werden kann. Ein solches politisches Kampflexem ist das „Post-Faktische“, das die Kanzlerin, deren naturwissenschaftlich-protestantische Hypotenuse sicher viel zu nüchtern und trocken ist, um ein solch metaphysisch-ausgreifendes Buchstabenschrapnell zu ersinnen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einem Werkstudenten der Soziologie zu verdanken hat, der sich in jenen kalten Hinterzimmern für ein paar Monate aufwärmen darf, bevor er zu seiner Bachelorarbeit über das „Faktische des Faktischen“ an der Ruhruniversität Bochum zurückkehrt.

Das Kampflexem soll in latinisierter Härte, deren Diamantkante durch den buttrigen Zeitgeist schneidet und solchermaßen intellektuelle Eindeutigkeit simuliert, alle Sukkuben des Populistischen und Faschistischen in eine Dunkelkammer der Anti-Vernunft einsperren, um in Anschluß daran den Schlüssel dieses Verlieses in einer feierlicher Prozession der G7-Führer im Walchensee zu versenken. Auf Kosten der Steuerzahler, versteht sich.

Nun, wir geben gerne zu, dass wir am Post-Faktischen auch kein Interesse haben, ebenso wenig wie am Post-Modernem, Post-Kolonialem und Post-Koitalen. Alles, was nach dem „Post“ kommt, ist der Schatten eines großen Ereignisses, dass die Menschheit bewegt, abschlachtet oder erzeugt. Alles Post-Postige ist uneigentlich, und schon unser lieber Wiesengrund, sprich Adorno, wusste wortgewaltig – und gar nicht so weit entfernt vom Duktus des Werkstudenten des Faktischen – zu beschreiben, was es mit jenem Jargon der Eigentlichkeit auf sich hat, in dem sich, so Wiesengrund, der alltägliche Faschismus der Adenauerzeit verpuppte und vermummte.

Es gibt nichts Neues unter der Sonne, und so könnte man sich relativ gelassen von dieser Pausenbrotfantasie eines zipfelbärtigen Hipsters ab- und dem richtigen Leben – dem Vor-Postigen, sozusagen – zuwenden, wäre da nicht das mediale und sozialmediale Nachbeben des pubertären Ergusses, das nun doch langfristigere Konsequenzen zu haben scheint. Jeder, der sein Unbehagen am rechten oder wie auch immer gearteten Zeitgeist bisher nicht so wirklich in klare und vor allem knappe Worte fassen konnte – vielleicht, weil er, wie so viele in unserem Land, gar nicht genau weiß, was er eigentlich denken soll, weil niemand es ihm mehr sagt –, jeder Biedermann und jede Biederfrau also können sich nun bedenkenlos dem Faktischen überlassen – den Zahlen des Statistischen Bundesamtes, der Bundesagentur für Arbeit, dem DAX-Index oder auch nur dem Wetterbericht, aber auf jeden Fall dem Quantifizierbaren – und das eigene Denken einstellen. Denn Fakten sind Fakten, wer wollte daran zweifeln, und was nach ihnen passiert, sagt der Olymp. Wahrhaft tragisch ist nur, dass der Werkstudent noch keinen Master hat. Denn sonst wäre ihm aufgefallen – von der Kanzlerin, die immer mehr der Chefköchin einer riesigen Kantine gleicht, die aufpasst, ob die Teller abgewaschen werden und der Rosenkohl nicht anbrennt, kann man das nicht erwarten –, dass es neben dem Post-Faktischen notwendigerweise noch das Gegenteil gibt: das Prä-Faktische. Vielleicht hat er sogar daran gedacht, der Herr Student, und es wurde ihm gleich Angst und Bange, denn das Prä-Faschistische schien um die Ecke zu lugen. Aber sehen wir einmal von den Eingebungen unseres mehr oder weniger konditionierten Unterbewusstseins ab und fragen nach dem, was das Prä-Faktische sein könnte. Dann sehen wir schnell, dass das, was die Welt im Innersten zusammenhält weder die Fakten sind, noch das, was wie auch immer nach oder außerhalb dieser Fakten gedacht, gesagt, geglaubt und geschrien wird. Sondern es sind die Einstellungen, Glaubenssätze, Prägungen der Menschen (und Tiere!), die sie auf das, was sich ereignet und was wir fälschlicherweise „Tatsachen“ nennen (denn „perception is reality“!), reagieren lässt, was ihren Willen und ihre politischen Äußerungen bestimmt. Vor den Fakten kommt der Mensch, er ist das Prä-Faktische schlechthin, weil er eine Idee Gottes ist. Alle Wirklichkeit wurzelt in diesem Gedanken, und wer im Alltag, ganz zu schweigen von der großen Politik, diesen Urgrund alles Wahrhaftigen nicht anerkennt, der ist, gelinde gesprochen, ein Luftikus, böse gesagt: ein Schuft!

Wenn man also mit scharfer Munition auf das Post-Faktische schießt, um das Prä-Faktische zu erlegen und um die menschliche Herdenschar zu Anbetern des beliebig modellierbaren Quantifizierten zu machen, dann enthüllt man seine – im wahrsten Sinne des Wortes – Bodenlosigkeit. Aber ganz so schlimm ist es doch nicht um unsere Kanzlerin bestellt. Ist es doch die Chefköchin selbst, die das beste Beispiel abgibt für die unwiderstehliche Macht des Prä-Faktischen. Denn ihr größter Fehler – und selbst wenn es ihr einziger Fehler wäre, würde er ausreichen, sie zu einer ganz schlechten Chefköchin zu machen – besteht darin, zu glauben, dass alle Menschen gut sind oder sein können. Aber nur ein katholischer Priester hat das Recht, und natürlich auch die Aufgabe, an das grundsätzlich Gute im Menschen, wie verschüttet, verunstaltet, überwachsen es auch zu sein scheint, zu glauben und an diesen Kern des Guten zu appellieren, um einen neuen Menschen erstehen zu lassen. Das nennt man Auferstehung. Und deshalb ist der katholische Priester der einzige Gutmensch, den es gibt. Merkel ist aber keine evangelische Pastorin – in diesem Fall könnte man vielleicht ein Auge zudrücken, vielleicht! –, sondern die Leiterin eines der drei wichtigsten Länder der Welt (neben Liechtenstein und Luxemburg). Ihre Aufgabe ist es, immer das denkbar Schlechteste im Menschen, welcher Hautfarbe auch immer, anzunehmen, um seine Konsequenzen abzuschätzen und dadurch das Leben der Bewohner ihres Landes wirksam zu schützten. Dieser prä-faktische Kurzschluss hat uns dahin gebracht, wo wir jetzt stehen.

Die Grünen sind da schon wesentlich schlauer. Sie haben die Macht des Prä-Faktischen längst erkannt und die Kindheit – das Paradies des Prä-Faktischen sozusagen, dort, wo alles möglich ist und wo jeder Weg seinen Anfang nimmt, wohin er später auch führen mag – als das entscheidende Schlachtfeld für die Fakten der Zukunft ausgerufen. Ihre Idee ist brillant und erinnert an die Strategie totalitärer Systeme: Erst wenn man den unschuldigen Seelen der Kinder schon in der Schule das Gift des Relativismus einspritzt, macht man sie langfristig gefügig (ja, gefügig!) und kann die Gesellschaft so verändern, wie es im Parteiprogramm und Parteigehirn steht. Das Post-Faktische braucht man dann gar nicht mehr zu bemühen, denn die entstehenden Fakten sind schon in Ordnung.