Die Gier nach Gold macht die Menschen blind

Abenteuerfilm, Drama und Satire zugleich – Allerdings stimmt der Filmrhythmus nicht ganz: Stephen Gaghans Spielfilm „Gold“. Von José García

Kenny Wells (Matthew McConaughey, Mitte) freut sich mit Freundin Kay (Bryce Dallas Howard) über den Börsengang seiner Fi... Foto: Studiocanal

Im Jahre 1981 arbeitet Kenny Wells (Matthew McConaughey) als Verkäufer in der „Washoe Mining Corporation“ in Reno. Dieses Unternehmen zur Ausbeutung von Bodenschätzen hatte sein Großvater gegründet. Zurzeit führt es Kennys Vater. Dem Unternehmen geht es offenbar sehr gut: Große Büroräume und eine stattliche Mitarbeiterzahl zeugen davon. Kenny fühlt sich glücklich, auch in seinem Privatleben mit Freundin Kay (Bryce Dallas Howard). Nach diesem Prolog, wohl als Rückblende erzählt, beginnt die eigentliche Handlung von Stephen Gaghans Spielfilm „Gold“ sieben Jahre später. Aus dem gutaussehenden Kenny ist ein übergewichtiger Mann mit Halbglatze und schlechten Zähnen geworden. Der Vater ist offensichtlich gestorben, und nun führt Kenny Wells die Geschicke der Washoe Mining Corporation – freilich mit wenig Erfolg. Der Erbe der ehemals großen Firma ist nun ein Versager mit ausgesprochenem Alkoholproblem. Im Rausch erinnert er sich an eine Reise, die er Jahre zuvor nach Indonesien unternahm. Dort traf er Mike Acosta (Edgar Ramírez), der ein großes Kupfervorkommen entdeckt hatte. Nun fliegt Kenny Hals über Kopf nach Jakarta. Er will Acosta überzeugen, mit ihm auf Goldsuche zu gehen. Sein Traum sei eben ein Fingerzeig des Schicksals. Nach vielen Rückschlägen finden die beiden im indonesischen Dschungel in einer der Bohrproben Gold.

Zuhause macht der Fund Schlagzeigen. Vom größten Goldvorkommen der Welt ist sogar die Rede. Bankier Clive Coleman (Stacy Keach), der früher einen Kredit abgelehnt hatte, macht Kenny ein Angebot: Er möchte Anteile an der Washoe Corporation kaufen. Eine große Mineral & Oil Group bietet ihm eine Partnerschaft an. Kenny lehnt zwar ab, aber einige Bankiers reisen mit ihm nach Indonesien, wo sie tatsächlich einen sogenannten „Nugget“ finden. Nun geht die Firma an die Börse, wo das Goldfieber ausgebrochen ist. Mark Hancock (Bruce Greenwood), einer der Großen im Bergbau-Geschäft, bietet Kenny sogar 300 Millionen Dollar für seine Goldmine an. Aber Kenny will nicht verkaufen. Hancock empfindet die Ablehnung als Affront, und intrigiert gegen Kenny Wells. Plötzlich steht das FBI vor Kennys Tür.

Regisseur Stephen Gaghan wurde mit seinem Drehbuch für den Drogenthriller „Traffic – Macht des Kartells“ (2000) bekannt, bei dem Steven Soderbergh Regie führte, und der Gaghan einen Oscar in der Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“ einbrachte. Bereits hier stellte Stephen Gaghan seine Sicherheit im Umgang mit verschiedenen Handlungssträngen und Perspektiven unter Beweis. Bei seinem bisher bekanntesten Film „Syriana“ (2006) schrieb er nicht nur das für den Oscar nominierte Drehbuch. Darüber hinaus führte Gaghan auch Regie. In „Syriana“ setzt er die unübersichtlichen Ortswechsel und Handlungsstränge geradezu als Gestaltungsmittel ein, um die Verflechtung zwischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in der globalen Welt zu veranschaulichen. Für „Gold“ hat er jedoch nicht selbst das Drehbuch verfasst. Dieses stammt vielmehr von Patrick Massett und John Zinman, die auch als Produzenten agieren. Gaghans Handschrift wird dennoch an der Vielzahl an Drehorten und an den Verflechtungen sichtbar – Die Wall-Street-Firmen stellen sich als kein geringerer Dschungel als der Urwald in Indonesien heraus. Darüber hinaus kommen Ausschnitte aus Kennys Vernehmung durch den FBI-Agenten immer wieder vor, obwohl sie keine eigentliche Rahmenhandlung bilden.

Die Gier nimmt dem Menschen offenbar die Fähigkeit, klar zu denken. Das Versprechen eines solch unvorstellbaren Reichtums stellt offensichtlich niemand in Frage. So sagt in „Gold“ denn auch Kenny Wells: „Niemand von uns wollte genau hinschauen. Wieso nicht? Weil wir alle so viel Geld verdient haben.“ Ist aber ein solcher „Goldfund des Jahrhunderts“ wirklich real oder nur ein Fiebertraum, der Traum, den Kenny in Indonesien träumt, als er an Malaria erkrankt ist? Stephen Gaghan lässt auch seinen Film zwischen Abenteuergeschichte, Drama und Satire oszillieren. „Gold“ besitzt manchmal eine märchenhafte Anmutung, einen Parabelcharakter, zeigt freilich auch, dass das wahre Abenteuer nicht im Suchen und Finden des Edelmetalls besteht – das wahre Abenteuer beginnt erst nach dem großen Fund. Denn erst dann, als sich Investoren, Bankiers und Wall-Street-Spekulanten des Goldfundes annehmen, stellt sich die Frage nach dem Unterschied zwischen dem echten und dem an der Börse gehandelten Wert.

„Wir verkaufen eine Geschichte“, sagt Kenny zu seinem Geschäftspartner Acosta. Die Handlung von „Gold“ geht auf wahre Ereignisse zurück. Es ist eine sehr amerikanische Legende vom selbst geschaffenen Reichtum, die Geschichte von einem Mann, der alles tut, damit diese Legende funktioniert. So stimmig wie „Traffic – Macht des Kartells“ oder „Syriana“ nimmt sich „Gold“ zwar nicht aus, weil die zwei Filmhälften nicht ganz ineinandergreifen und außerdem der Rhythmus des Films an Schwung verliert, und dadurch immer wieder Leerlauf aufkommt. Das Spiel von Matthew McConaughey entschädigt jedoch über weite Strecken. Er gestaltet Kenny Wells als antriebsstarken, aber auch getriebenen Draufgänger, dessen Beweggründe nicht immer ganz durchsichtig sind. Edgar Ramírez verkörpert Acosta als den ruhigeren und besonnenen Partner, dessen Spiel jedoch ebenfalls nicht leicht zu durchschauen ist.

Die zweite Filmhälfte von „Gold“ nimmt sich als eine aktualisierte Version des Klassikers „Wall Street“ (1987) von Oliver Stone aus: Die Gier nach Profit lässt die Moral auf der Strecke bleiben.