Deutschland will digital werden

Die Cyber-Sicherheitsbehörde warnt zu Beginn der CeBIT vor unsicheren Produkten im „Internet der Dinge“. Von Alexander Riebel

Eröffnung IT-Messe CeBIT
Japanische Technologie als Vorbild: Japan, eine Mischung aus shintoistischem Animismus und High-Tech, ist das Partnerlan... Foto: dpa

Deutschland will die Digitalisierung nun mit aller Kraft vorantreiben. Das ist das erklärte Ziel der Bundeskanzlerin, und es ist die Ausrichtung der CeBIT in Hannover, die nicht mehr in erster Linie Besucher ansprechen will, die nach neuen Fernsehgeräten oder Handys suchen, sondern sie will die Manager der digitalen Zukunft anlocken. Die CeBIT spricht von der „Billionen-Chance der IT-Branche“, in einer Presseerklärung gibt sich die Technologieschau begeistert: „Der Strukturwandel in Europas Industrie ist radikal. Digitale Systeme helfen Unternehmen, gewaltige Datenmengen zu Produktionsprozessen, Lieferanten und Kunden zu erheben, zu verarbeiten und auszuwerten. Dank künstlicher Intelligenz erreichen Produktionsprozesse einen völlig neuen Grad der Automatisierung.“

Auch Bundeskanzlerin Merkel sagte in einem Grußwort zur CeBIT: „Die Digitalisierung beeinflusst unsere Wirtschaft so stark wie kaum etwas anderes.“ Bisher war davon in der Öffentlichkeit eher weniger zu spüren. Ab und zu mal eine Diskussion, ob man nun in den Schulen mehr Computer braucht oder nicht. Auch kann man Zweifel haben, ob die Digitalisierung letztlich etwas zur Förderung des Wahren, Guten und Schönen beiträgt. Selbst die Aufklärung mit ihrer Spitze bei Kant hat ausdrücklich verneint, dass Technik die Menschheit weiterbringt. Aber über die Hintertür der Wirtschaft glaubt man, dass Digitalisierung der Menschheit voranhilft. „Die Analyse riesiger Datenmengen ermöglicht neue Geschäftsmodelle und Produkte, die auf Kundenwünsche genau zugeschnitten sind“, erklärt die Kanzlerin und spricht damit einen Punkt an, der gerade sehr umstritten ist. Denn die Technologieunternehmen schneiden ihre Produkte so sehr auf ihre Kunden zu, dass diese bevormundet und in ihrer freien Wahl beeinträchtigt sind. Etwa wenn das Ranking der Suchmaschinen je nach Kunden unterschiedliche Angaben macht, oder wenn die Angebote sich dadurch unterscheiden, ob der Kunde ein Apple- oder Windows-System hat.

Merkel hatte am Sonntagabend die Messe offiziell mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe eröffnet; Japan ist das Partnerland dieser CeBIT. Japaner haben eine grundsätzlich andere Sicht auf die digitalisierte Welt. Sie haben keine Angst vor ihr, weder vor Robotern, noch dass diese ihnen die Arbeit streitig machen. Dass Tamagotchi aus Japan kamen, war kein Zufall. Der liebevolle Umgang mit der Technik ist sicher auf den Shintoismus zurückzuführen, für den alle Lebewesen sowie auch Gegenstände beseelt sein können. Ehen sind in Japan sogar schon mit Manga-Puppen geschlossen worden. Die Menschenähnlichkeit von Robotern ist für Japaner kein Problem, im Christentum sollte man das anders sehen. Auch ist das Vertrauen gegenüber Robotern besonders bei älteren Menschen in Japan oft größer als gegenüber Mitmenschen – Demenzkranken gibt man zur Erhaltung ihres Weltvertrauens Roboter in Gestalt von Stofftieren. Premierminister Abe hatte die Digitalisierung bereits zur nationalen Aufgabe erhoben.

Die deutsche Cyber-Sicherheitsbehörde warnt zu Beginn der CeBIT vor unsicheren Produkten im „Internet der Dinge“. Der Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, erklärte hierzu: „Wir werden von der IT immer abhängiger werden, deshalb dürfen keine Beta-Versionen auf den Markt kommen, also Produkte, die noch nicht ausgereift sind.“ Er warnte auch vor Hackern, die Scheibenwischer an Autos fremdsteuern oder deren Türschlösser knacken könnten. Die Politik müsse für mehr Sicherheit sorgen, man dürfe das Feld nicht der Wirtschaft überlassen. „Wir wollen ein Gütesiegel einführen, das garantiert, dass das Gerät Mindeststandards für die IT-Sicherheit erfüllt“, forderte Schönbohm, auch das Haftungsrecht müsse sich ändern: „Wer ein Produkt herstellt, das nicht sicher ist, sollte für Schäden verantwortlich gemacht werden können“, sagte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Die Cyberkriminalität mache inzwischen höhere Umsätze als die Drogenkriminalität.

Deutschland sucht den Anschluss an die Vereinigten Staaten und Japan. Doch bis zu einem deutschen Silicon Valley ist es noch sehr weit. In Kalifornien hat nicht der Staat die neue Technologie ins Leben gerufen, es waren Nerds. Ob es die hier auch gibt?