Der Tod, mehr als ein Scheitern der Medizin?

Die Industrialisierung des Sterbens und die Angst vor der eigenen Sterblichkeit. Von Stephan Baier

Mehrgenerationenhospiz in Kassel
Dank der Fortschritte der Medizin leben wir länger. Der Tod ist mehrheitlich zu einem Alterstod geworden. Foto: dpa

„Manche Menschen leben mit dem Tod“, heißt es in einem alten Western-Klassiker. Doch obgleich der Tod – nicht nur medial – omnipräsent ist, wird er verdrängt und aus dem Alltag abgeschoben. „Wenn es so weit ist, wird von Betroffenen und Angehörigen vermieden, über das Sterben zu sprechen“, meinte der Direktor des „Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik“ (IMABE), Johannes Bonelli, bei der Eröffnung des Symposiums „Dem Sterbenden begegnen“ am Freitag in Wien. Selbst Ärzte und Pflegende seien oft unsicher und überfordert. Das habe mit der „uneingestandenen Angst vor der eigenen Sterblichkeit“ zu tun. Ihnen werde aber eine hohe menschliche und ethische Kompetenz abverlangt.

Die Teilnehmer des Symposiums (zwei Drittel Pflegende, ein Drittel Ärzte) stellten sich der Herausforderung ethischer Reflexion: Was brauchen Sterbende wirklich? Was brauchen jene, die sie begleiten? Welche Rolle spielen Angehörige? Der Wiener Soziologe und Gerontologe Franz Kolland meinte, dass wir nicht nur den Tod, sondern bereits das Alter verdrängen. Kein Wunder: Der Tod ist heute dank gestiegener und weiter steigender Langlebigkeit ein Alterstod. Die Fortschritte im Kampf gegen Epidemien und Krankheiten trugen dazu bei. „Wir sterben ganz banal durch Krankheiten oder Altersgebrechen“, so Kolland. Und viele sterben allein, nach langer Witwenschaft etwa. Auch sei der Tod heute „nicht mehr spirituelle Passage, sondern ein natürlicher Vorgang“. Orientierung biete da der Arzt, nicht der Priester. Der Tod werde zum Scheitern der Medizin.

Dem Jugendwahn unserer Zeit korrespondiere die Altersangst: Die moderne Gesellschaft wolle den eigenen Tod hinausschieben, aber „vielleicht gehören Gebrechlichkeit und Sterben einfach zur conditio humana“, so Kolland. Fragilität sei ein Bestandteil des Menschlichen. Für ein gelingendes Altern gelte es, die eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit anzunehmen. Kolland polemisierte gegen eine „Unablässigkeit des positiven Denkens“, die letztlich zu einer „Dämonisierung der Krankheit“ führe.

Seit der Ars moriendi des Mittelalters habe sich viel verändert, meinte Günther Gastl, Universitätsprofessor für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie in Innsbruck. Heute werde der Prozess des Sterbens „biografisch, räumlich und sozial marginalisiert“. In der modernen Medizin werde das Sterben als „Endpunkt von akuten oder chronisch verlaufenden Krankheitsprozessen pathologisiert“. Erkrankungen, die früher rasch zum Tod führten, würden durch die heutigen medizinischen Möglichkeiten chronifiziert: „Damit verlängert sich oft auch die letzte Lebensphase und steigert die Furcht, am Lebensende Würde und Autonomie zu verlieren.“ Die Sterbekultur früherer Zeiten mit ihren Gesten und Riten sei einer Sprach- und Hilflosigkeit gewichen: „Der Tod wird in unserer hedonistischen Gesellschaft tabuisiert.“

Einen Gegenakzent setzte der Gießener Soziologe Reimer Gronemeyer: „Nicht der Tod ist heute das Tabu, sondern die um Marktanteile kämpfende Palliativmedizin, die sich in einer kritikfreien Zone ausbreitet.“ Hier werde das Sterben des Einzelnen zur Ware. Gronemeyer sprach von der „Industrialisierung des Sterbens“.

Der Anästhesist und Intensivmediziner Dietmar Weixler sprach über das Missbrauchspotenzial und die Grauzonen der palliativen Sedierung. In den Niederlanden seien 40 Prozent der Patienten, denen Medikamente mit dem Ziel der Verkürzung des Lebens verabreicht wurden, nicht in diese Entscheidung einbezogen worden. 2001 seien in den Niederlanden 5,6 Prozent aller Todesfälle mit einer palliativen Sedierung einhergegangen, im Jahr 2015 bereits 18,3 Prozent. Auch in anderen Staaten würden einwilligungsfähige Patienten in die Entscheidung nicht einbezogen. Weixler sprach von „palliativer Sedierungstherapie“, die als Therapie auch eine klare Indikation erfordere, etwa starke Schmerzen oder Atemnot. Das bloße Verhalten des Patienten könne keine Indikation sein. Als Negativbeispiel zitierte Weixler die Äußerung eines Arztes gegenüber Pflegern: „Wenn am Morgen nicht gestorben ist, erhöhen wir die Dosis.“ Nur bei Gefahr im Verzug – etwa bei Erstickungsgefahr – dürfe der Arzt ohne eine Einwilligung handeln. Weixlers wenig beruhigendes Resümee: „Heute sediert Hinz und Kunz in ganz Österreich auf grimmigste Weise.“

Markus Schwarz, Operativer Direktor der „SeneCura“-Gruppe, die mehr als 60 Pflegeheime betreibt, sprach über die Ängste der Menschen am Lebensende und den Umgang damit. Im normalen Pflegeheim gehöre das Sterben zum Alltag. Es gehe darum, die Vulnerabilität des Menschen in seiner letzten Lebensphase zu erkennen und darauf zu reagieren. Die vielen Akteure im Sterbeprozess müssten integriert werden. Ebenso müsse das Pflegepersonal geschult werden, um zu erkennen, wann der Sterbeprozess beginnt.

Laut Angelika Feichtner, Dozentin für Hospizarbeit und Palliative Care, ist das Ausbleiben von Hunger und Durst ein erster Hinweis auf den beginnenden Sterbeprozess. Die Ängste der Angehörigen, der Patient könnte verhungern und die Versuche, diesem Essen aufzudrängen, seien ganz falsch. Essen zu müssen werde für viele zu einer Belastung. Das Desinteresse an Nahrung und das subjektive Sättigungsgefühl seien am Lebensende natürlich, da Verdauung ein aufwändiger körperlicher Prozess sei. „Lehnt ein Patient das Essen ab, so ist das selbstverständlich zu respektieren.“ Auch das Erfassen von Wadenumfang, Body-Mass-Index oder Kalorien sei sinnlos. Dadurch gerieten nur die echten Wünsche des Kranken aus dem Blickfeld. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, zitierte Feichtner, aber am Ende des Lebens gehe es eben gerade nicht mehr darum, Leib und Seele zusammenzuhalten. Feichtner kritisierte, dass Geburt und Sterben zu pathologischen Akten gemacht würden.

Die Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft, Hilde Kössler, relativierte die Identifikation von gutem Sterben und Zuhause-Sterben: Die Betroffenen selbst seien immer in einer Ausnahmesituation, vor der sie sich ein Sterben zuhause wünschten, in der sie aber mitunter anders dächten. Die Angst vor Atemnot oder auch davor, den Angehörigen zur Last zu fallen, sei groß. Für diese wiederum werde ein Sterbeprozess, der länger als drei bis fünf Tage dauert, extrem belastend. Kösslers Fazit: „Der beste Sterbeort ist dort, wo ich mein Sterben und alle Beteiligten mich am besten ertragen.“

Die Sozialphilosophin Irena Schreyer beleuchtete die Perspektive der Angehörigen: Mit der Einweisung ins Krankenhaus würden diese von Versorgern zu Advokaten des Patienten. Viele Angehörige hätten Angst, über das Sterben zu sprechen. Das werde aber mit dem Eintritt in die Palliativstation ermöglicht. Es brauche ein Zusammenwirken aller Beteiligten von der Diagnose bis über den Tod hinaus. Viele Angehörige seien nämlich auf die neue Rollenverteilung – in der etwa aus der Ehefrau eine Pflegeperson wird – nicht vorbereitet und darum überfordert. Viele Angehörige würden nur deshalb zuhause pflegen, um nach dem Tod des Verwandten kein schlechtes Gewissen haben zu müssen.