Der Singularist als Neuer Mensch

Visionen einer humanen Maschine aus dem Silicon Valley lassen den alten Adam obsolet erscheinen. Von Felix Dirsch

Roboterdame Bina48
Der humanoide Roboter Bina48 stammt aus einem Labor in Texas. Er ist zu Mimik sowie zu einfachen Gesprächen fähig. Foto: dpa

Seit den utopischen Visionen der frühen Neuzeit, erst recht seit den konstruktivistischen Philosophien des 18. Jahrhunderts, die in Auguste Comte und Jean-Marie Marquis de Condorcet ihren Höhepunkt finden, wird die Geschichte durchzogen von dem Anspruch, neue Menschen zu erschaffen. Sie sind nicht zuletzt einem Überschuss an Euphorie geschuldet, die mit sozialtechnologischen Kreationen großen Stils einhergeht. Die Typen sind natürlich im Einzelnen sehr unterschiedlich. Comtes „drittes Stadium“ bringt die Erlösung vornehmlich durch Wissenschaft, Technik und Ökonomie – eine Trias, ohne die die Konstitution moderner Gesellschaft unmöglich erscheint. In Marx' „Reich der Freiheit“ entsteht am Schluss einer langen Kette brutaler Ausbeutung in verschiedenen Entwicklungsstufen der Mensch der klassenlosen Gesellschaft. Er ist schwerer Arbeit enthoben, besitzt daher ausreichend Zeit zum Fischen und genug Dispositionen, um über Politik zu diskutieren. Vergleichbar mit einem solchen „Historizismus“, wie Karl Popper das Denken in determinierten Geschichtsgesetzen nennt, ist das „rassereine“ Ideal des Nationalsozialismus. Es ist jedoch eher als praktisch-exekutive Handlungsanleitung folgenreich gewesen, denn als Gegenstand theoretischer Traktate.

Wie der Neue Mensch nach den gesellschaftlichen Umwälzungen aussieht, haben die Propagandisten totalitärer Herrschaftssysteme gelegentlich beschrieben. Bei Leo Trotzki, dem kommunistischen Pamphletisten par excellence, liest sich das wie folgt: „Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren. Er wird es sich zur Aufgabe machen, der Bewegung seiner eigenen Organe – bei der Arbeit, beim Gehen oder im Spiel – höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen. Er wird den Willen verspüren, die halbbewussten und später auch die unterbewussten Prozesse im eigenen Organismus: Atmung, Blutkreislauf, Verdauung und Befruchtung zu meistern … Das Leben, selbst das rein physiologische, wird zu einem kollektiv-experimentellen werden. Das Menschengeschlecht, der erstarrte homo sapiens, wird erneut radikal umgearbeitet und – unter seinen eigenen Händen – zum Objekt kompliziertester Methoden der künstlichen Auslese und des psychophysischen Trainings werden. Das liegt vollkommen auf der Linie seiner Entwicklung. Auf diese Weise kann der Mensch nach Trotzki neue Gipfel erklimmen, der „alter Adam“ muss nur noch ein neues Gewand anlegen. Der bolschewistische Agitator warb besonders für den religions- und familienfreien „Welt(sowjet)staat“ (Ulrich Schacht). Derartige Zielmargen sind durchaus mit einer globalistisch-liberalen Agenda kompatibel, die von Verfechtern eines Weltstaates komplett anderer Art versucht wird umzusetzen. Sie fordern die absolute Unterordnung unter kapitalistische Imperative. Bindungen wie Religion und Familie können bei einem solchen Projekt nur stören.

Die Ursprünge der Vorstellung vom Neuen Menschen finden sich im Christentum. Nicht von ungefähr begreift der Jurist und Politikwissenschaftler Eric Voegelin die totalitären Metamorphosen an der „Wurzel eines versehrten, eines krankgewordenen Christentums“ (Hans Maier). In der Tradition dieser Religion ist es in der Tat Jesus von Nazareth, der als neuer Mensch begriffen wird. Besonders Karl Rahner bemüht sich in seinen Schriften, den Heilbringer nicht als zufälliges Resultat erscheinen zu lassen, der übernatürlich von außen geschaffen worden sei; vielmehr ist seiner Meinung nach der Erlöser „der Anfang der ins Ziel kommenden absoluten Selbstmitteilung Gottes“. Eine derartige Singularität ist vorbereitet von einer welt- und menschheitsgeschichtlichen Entwicklung, die auf die unwiderrufliche Koinzidenz von Gott und Mensch zuläuft. Die Geschichte gewinnt in Christus ihre vollendete Dynamik. Bei jeder Taufe entsteht seither der neue Mensch.

Aufregend hören sich die Absichten aus der wichtigsten US-Ideenschmiede für technische Innovationen an. Der Google-Chefingenieur Ray Kurzweil, kreativer Kopf auf verschiedenen Sektoren des Computerwesens, tippt hochtrabende Ansätze in seinen Rechner. Das Zauberwort lautet: „Singularität“. Aus der Perfektionierung des traditionellen Homo sapiens soll eine generalüberholte „Menschheit 2.0“ hervorgehen. Alles nur eine Frage des richtigen Updates.

Wie die Aufklärer mit ihrem linear-progressiven Gedankengut sieht Kurzweil in der Natur einen Trend zum stetig Besseren, Überlegeneren, Leistungsfähigeren am Werk. Durch adäquate technische Mittel können diese langfristigen Veränderungen stark beschleunigt werden. Viele Technikfreaks sehen eine „Superintelligenz“ (Nick Bostrom) am Horizont und fragen sich: Wann wird sie realisiert werden? Wann ereignet sich eine „Intelligenzexplosion“ (Irving John Good), die begrenzte, in der Biologie wurzelnde menschliche Problemlösungskapazitäten hinter sich lässt? Es wird in vielen Zirkeln nach einer ultraintelligenten Maschine gesucht, die menschlich-mentale Befähigungen weit übertrifft. Sehnsüchtig wird die Verschmelzung von Mensch und Maschine erwartet, der die erlösende Einzigartigkeit an geistigem Potenzial gelingen soll. Dieser „Mensch 2.0“, der an den Übermenschen Nietzsches erinnert, dürfte mit der bekannten Version der Gattung wenig zu tun haben. Die auf diesen Punkt projizierten Hoffnungen erinnern, so profan sie auch klingen, an den Glauben an Christus als den Erstgeborenen eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

Kurzweil kann sich auf eine beachtliche Geschichte der Singularitäts-Konzeption berufen. Nicht zuletzt in astrophysikalischen Zusammenhängen, verbunden mit prominenten Namen wie Stephen Hawking und Roger Penrose, kommt ihr einige Bedeutung zu. In den 1960er Jahren werden erstmals differenzierte mathematische Entwürfe vorgelegt, die beinhalten, wie Roboter selbst Roboter herstellen können. Kurzweil untermauert die Ernsthaftigkeit seiner Überlegungen mit der (zusammen mit anderen und einer Finanzspritze von Google ermöglichten) Gründung der Singularity University vor einigen Jahren. Diese Schimäre aus Teilzeituniversität, Think Tank und Start-up-Investition soll in institutionalisierter Form alle Facetten einer drastisch optimierten Welt präsentieren. Die Zivilisation kann, so die Annahme, in wenigen Jahren auf ungeahnte Höhen gehoben werden. Prominente Besucher aus Deutschland haben sich von dem kalifornischen Technologie-Mekka beeindruckt gezeigt. Der Optimismus strahlt in alle Welt.

Am Ende derartiger Vorstellungen geht es um Religion wie um Technik. Unsterblichkeit soll dominieren. Kurzweil verfasste eine „Immortalitäts-Technosophie“. Die Schöpfung sei nicht perfekt – wohl keine bahnbrechende Erkenntnis. Der entscheidende Mangel, der Tod, ist demnach auszumerzen. Ewiges Wohlergehen und Glück leuchtet in nicht allzu ferner Zukunft auf. Kurzweil, 1948 geboren, möchte das irdische Paradies noch erleben. Obwohl man ihm das Vergnügen vergönnt, bleiben noch ein paar Hindernisfaktoren.

Welchen Vorteil hätte das erwünschte Tuning der Gehirne, das Kurzweil mit seinem Team anpreist? Supercomputer werden sicherlich in absehbarer Zeit Bewusstseinsscans anbieten. Was ist daran faszinierend, dass Intelligenz mehr und mehr von biologischem Material entkoppelt wird? Gewiss kann man im ersten Moment erstaunt sein über neue Möglichkeiten. Unklar ist allerdings, wem sie ein schönes Leben bringen sollen, wenn es nicht der Mensch ist. Solange nicht offenkundig ist, wer die neuen Regenten der zukünftigen Zivilisation sind (und ihre Bedürfnisse), so lange bleibt im Ungewissen, welche Bedeutung die ins Unermessliche gesteigerten technischen Wachstumsraten besitzen. „Posthumanismus“ ist nur ein Schlagwort, solange man nicht weiß, welche Subjekte den Menschen beerben, und ob es Subjekte sind.