Der Glaube konnte sich frei entfalten

„Wunder Roms im Blick des Nordens“: Eine packende Schau in Paderborn mit spektakuläre Leihgaben aus Rom. Von Veit-Mario Thiede

Zu den Ausstellungsstücken gehört das Weihereliquiar des Hochaltars im Limburger Dom, mit der erste Weihe um 1058. Auf d... Foto: Veit-Mario Thiede

Die einen zieht es zu den Apostelfürsten Petrus und Paulus. Die anderen fesselt der in Stein gemeißelte Todeskampf des trojanischen Priesters Laokoon und seiner beiden Söhne gegen die Schlangen. Rom lockt wie keine andere Stadt Europas Pilger, Künstler und Bildungsreisende an. Erstmals spürt eine groß angelegte Schau der Faszination nach, die die ewige Stadt auf die Menschen nördlich der Alpen ausübt. Im Erzbischöflichen Diözesanmuseum von Paderborn sind 200 Ausstellungsstücke aufgeboten. Die ältesten stammen aus der Antike. Die jüngsten hat der Künstler Christoph Brech beigetragen. Papst Benedikt hatte ihm erlaubt, in den Vatikanischen Museen auch an Orten zu fotografieren, die für Besucher normalerweise verboten sind.

Der Ausstellungsauftakt ist imposant. Wir stehen dem fast 2 000 Jahre alten vergoldeten Bronzeglobus gegenüber, den Papst Sixtus V. 1589 vom Vatikanischen Obelisken abnehmen ließ. Ihn flankieren die Fragmente zweier Kolossalstatuen. Die rund 1 700 Jahre alte rechte Marmorhand gehörte zu einer auf 15 Meter Höhe geschätzten Sitzfigur Kaiser Konstantins. Der fast einen Meter hohe Riesenkopf stellt vermutlich einen seiner Söhne dar. Museumsdirektor Christoph Stiegemann betont: „Konstantin hatte freie Religionsausübung gewährt und damit die Entfaltung des Christentums im Römischen Reich ermöglicht.“ Die Päpste präsentierten antike Kunstwerke unweit ihrer Residenz an der Lateranbasilika und später im Skulpturenhof des Belvedere, „um sich gleichsam in die ideelle Nachfolge der römischen Imperatoren zu stellen“. Von diesen übernahmen die Päpste den Titel „Pontifex Maximus“ (Oberster Priester).

Einnehmend klein und bescheiden wirken die in der Nachbarschaft der 166 Zentimeter großen Hand Konstantins ausgestellten frühen Zeugnisse der christlichen Heiligenverehrung. Der silberne Reliquienbehälter in Form einer ovalen Dose ist auf dem Deckel mit dem heiligen Kreuz geschmückt, unter dem Engel in Erscheinung treten. Über den Kreuzarmen sind die von Sternen umgebene Segenshand Gottes und die Taube des Heiligen Geistes mit Märtyrerkranz im Schnabel dargestellt. Der Reliquienbehälter stammt aus der Papstkapelle Sancta Sanctorum im Lateranpalast, in der sich die lateinische Inschrift befindet: „Es gibt keinen heiligeren Ort auf der ganzen Welt.“ Hier hatte ihn der 795 bis 816 amtierende Papst Leo III. niedergelegt.

Leo III. floh anno 799 von Rom nach Paderborn, um den Schutz Karls des Großen vor seinen Widersachern zu erbitten. Der wurde ihm gewährt. Der Papst dankte es ihm, indem er Karl 800 in Rom zum Kaiser krönte. Nachfolgend entwickelte sich die Kaiserkrönung zum Privileg, das die Päpste ausübten. Am Romzug Heinrichs II. anno 1014 nahm Bischof Meinwerk von Paderborn teil. Meinwerk erhielt vom Papst Reliquien für seine Kirchen- und Klosterbauprojekte. Er verwirklichte sie in Paderborn mit Hilfe von Handwerkern aus Rom: den neuen Dom, das Kloster Abdinghof mit der Petrus und Paulus geweihten Kirche, die Busdorfkirche und die Bartholomäuskapelle. In der Sonderschau ist ein Reliquienbehälter in Form eines mit zwei kleinen Deckeln verschlossenen Bleiröhrchens zu sehen, den Bischof Meinwerk im Altar der Bartholomäuskapelle niedergelegt hatte. Das zugehörige Pergamentzettelchen nennt den verschollenen Inhalt, darunter Partikel vom Grab und Kreuz Christi sowie vom Kleid Mariens. Über Reliquien äußerte Bischof Theodoret von Cyrus (393–457): „Ist auch der Leib zerteilt, so wohnt ihm doch ungeteilte Gnade inne, und jede unscheinbare und winzige Reliquie hat gleiche Kraft wie der in keiner Weise und in keinem Teile zerstückelte Märtyrerleib.“ Die Segen verheißende Kraft der heiligen Leiber lockte die Pilger nach Rom – und umgekehrt traten die himmlischen Fürsprecher in Partikeln, Körperteilen oder auch ganzen Leibern die Reise in den Norden an.

Magister Gregorius äußerte sich verächtlich über die Reliquienverehrer und den Wunderglauben der Rompilger. Der englische Gelehrte verfasste Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhundert die „Erzählung über die Wunder der Stadt Rom“, unter denen er die antiken Monumente und Statuen verstand. Seine Schrift ist eine der ersten, die diese würdigt. Sie macht ihn zum Vorläufer unzähliger Künstler wie etwa Rubens und Bildungsreisender wie zum Beispiel Goethe, die seit dem 16. Jahrhundert der Antiken wegen nach Rom pilgerten.

Die Kenntnis antiker Statuen führt zur Vollkommenheit

Das veranschaulicht die Ausstellung mit vielfältigen Exponaten. Zahlreiche Bilder und Plastiken beziehen sich auf die Laokoongruppe. Ihre Wiederentdeckung 1506 sorgte für großes Aufsehen. Papst Julius II. erwarb die bereits vom antiken Autor Plinius dem Älteren lobend erwähnte Gruppe. Den im Todeskampf angespannten muskulösen Körper und das schmerzverzerrte Gesicht Laokoons nahmen sich Maler und Bildhauer zum Vorbild für ihre Darstellungen von Märtyrern. Rubens hielt Laokoon in Detailstudien fest, die in Nachzeichnungen (um 1628–1630) seines Werkstattmitarbeiters Willem Panneels ausgestellt sind.

Ein Original von Rubens ist die Ölskizze „Die heilige Theresa von Avila bittet für Bernardino de Mendoza“ (um 1630–1633). Die Heilige kniet vor dem auferstandenen Jesus. Er ist nur mit Lendentuch und offenem Umhang bekleidet, so dass sein athletischer Oberkörper ins Auge fällt. Dessen Vorbild ist der antike Hermes von Belvedere. Wie Rubens orientierten sich viele weitere Künstler bei ihren frommen und weltlichen Figurendarstellungen an der leiblichen Schönheit antiker Statuen. Sie waren überzeugt, „dass zur höchsten Vollendung der Malerei die Kenntnis der Statuen, ja sogar die tiefe Vertrautheit mit ihnen nötig ist“, wie Rubens es ausdrückte.

Bis 13.8.2017 im Erzbischöflichen Diözesanmuseum, Markt 17, Paderborn. Di.–So. 10–18 Uhr. Jeden ersten Freitag im Monat 10–20 Uhr. Informationen: Tel.: 0 52 51-1 25 14 00, Internet: www.wunder-roms.de. Eintritt: 9,– Euro. Katalog 39,95 Euro im Museum, 69,– Euro im Buchhandel