Das Phänomen „Mary's Land“

Seit Wochen sorgt der Film „Mary's Land“ auch in deutschen Kinos für Furore – Obwohl der Streifen inhaltlich seine Schwächen hat, zeigt er neben beeindruckenden Zeugnissen vor allem eins: dass christliches Kino möglich ist. Von Rudolf Gehrig

Bei der Jungfrau Maria – Szene aus dem Film „Mary's Land“ von Juan Manuel Cotelo. Foto: PD

Der Hype, den „Mary's Land“ ausgelöst hat, ist beachtlich. „Der Film könnte der christliche Film des Jahrzehnts werden“, jubelt der „Verein zur Förderung des internationalen christlichen Films“. „,Mary's Land‘ ist ein echtes Evangelisierungsprojekt!“ Auch dem Engagement des Vereins ist es zu verdanken, dass „Mary's Land“ schon seit Wochen auch in deutschen Kinos zu sehen ist.

„Mary's Land“ kam in Spanien 2013 erstmals in die Kinos. Nachdem der Film in 25 verschiedenen Ländern vorgeführt wurde, schaffte er es schließlich auch nach Österreich und Deutschland. Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Protagonist ist der Spanier Juan Manuel Cotelo, ein Katholik, für den der Glaube im persönlichen Leben so selbstverständlich war wie die Luft zum Atmen. Dann, vor zehn Jahren, hatte er ein Schlüsselerlebnis: „Eines Tages wachte ich auf und begriff: ,Wow, das ist wundervoll, das ist beeindruckend, ich sollte jedem davon erzählen‘.“ Zwei Jahre später gründete er die Produktionsfirma „Infinito Mas Uno“, um damit fortan einem Großprojekt der Kirche zu dienen: Der Neuevangelisierung.

Maria und der „Anwalt des Teufels“

Cotelos Idee für „Mary's Land“ ist einfach wie genial: Angelehnt an den typischen Topos des Agentenfilms wird zu Beginn des Filmes der Geheimagent (den er selber spielt) von seiner „Chefin“ in die Kathedrale von Valencia zitiert, um Instruktionen für seine neue Mission zu erhalten. Er soll eine Gesellschaft infiltrieren, die international agiert und überall ihre Anhänger hat. „Sie sind sogar den Medien überlegen“, weiß die „Chefin“ zu berichten, „Man hört sogar Stimmen, die sagen, sie sind einflussreicher als der Fußball.“ Schnell wird klar: Es geht um die Kirche. Dann wird es sogar theologisch, als „die Chefin“ mal eben eine metaphorische Definition zur Trinität, der Dreifaltigkeit Gottes, aus dem Ärmel schüttelt: „Die Köpfe der Bewegung halten sich verborgen. Es sind drei. Aber sie agieren so geschlossen, als wäre es einer.“ Dann verrät sie ihrem Agenten, wo er seine Ermittlungen beginnen soll: „Es gibt noch eine Frau. Sie nennen sie Mutter. Sie stellt die Verbindung dar zwischen Führung und Basis.“

Also macht sich Cotelo als „Advocatus Diaboli – Anwalt des Teufels“ auf den Weg, um jene zu treffen, die behaupten, Maria begegnet zu sein. Seine Reise führt ihn nach London, nach Kolumbien, Brasilien, Panama und in die USA. Dort trifft er Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen durch Maria zum Glauben fanden. Besonders beeindruckend sind hierbei die Zeugnisse eines Topmodells und eines Arztes. Während die eine vor ihrer Bekehrung mehrere Abtreibungen hinter sich hatte, war der Arzt jahrelang selbst Teil dieser Tötungsmaschinerie. Beide haben die Kurve bekommen und ihr zutiefst aufrüttelndes Zeugnis hinterlässt bei so manchem Kinobesucher einen Kloß im Hals. Ohnehin zeigt der technisch ausgezeichnet produzierte Film an mehreren Stellen sein Potenzial, auch einem neutralen Zuschauer die Wirkmacht Gottes zu vermitteln.

Dennoch: Es lässt sich nicht leugnen, dass der Film inhaltlich ein paar Schwächen hat. Obwohl „Mary's Land“ als ein Film angepriesen wird, der das Wirken der Mutter Gottes überall auf der Welt, ausgehend von den großen Erscheinungsorten wie Fatima, Guadalupe oder Lourdes, dokumentieren möchte, beschränkt er sich fast ausschließlich auf den Ort Medjugorje. Die dortigen „Erscheinungen“ gelten als umstritten und werden, wie auch im Abspann der deutschen Fassung kurz vermerkt wird, von der Kirche auch nach über 30 Jahren noch nicht anerkannt. Dem noch ausstehenden, endgültigen Urteil der Kirche vorgreifend werden die Ereignisse in Medjugorje im Film jedoch als authentisch vorausgesetzt. Eine andere Information im Abspann, nämlich dass die Produktion von „Mary's Land“ in enger Zusammenarbeit der Filmemacher mit der in Valencia ansässigen wirtschaftlichen Interessenvereinigung „Medjugorje AIE“ geschah, erklärt, wieso der Fokus auf Medjugorje liegt, wohingegen anerkannte Erscheinungsorte wie Guadalupe, Lourdes und Fatima nur kurz gestreift werden. Dies ist angesichts des 100-jährigen Jubiläums der Erscheinungen von Fatima besonders bedauerlich.

Eine junge Frau, die wie alle anderen Interviewpartner zuvor auch vor allem durch Medjugorje bekehrt wurde, gesteht: „Ich hatte am Anfang auch meine Zweifel. Aber dann hab ich mich entschieden, denen zu vertrauen, die sie [Maria] sehen können.“ Eine Einstellung, die sich, entgegen seinem Berufsbild als kritischer „Advocatus Diaboli“, auch Cotelo zu eigen macht und in Zeiten, in denen Christen vorgeworfen wird, ihr Glaube entbehre jeder Rationalität, beim neutralen Zuschauer sicher für Unverständnis sorgen wird.

Die Idee, einen katholischen Agenten-Film zu drehen, in dem der Protagonist als „Anwalt des Teufels“ durch die Welt zieht, Gläubige verhört, sie mit den gängigen Fragen und Vorurteilen konfrontiert und dabei Stück für Stück zu der Überzeugung gelangt, dass am Glauben doch etwas dran sein könnte, ist genial. Zu Beginn gelingt es dem Film, in Cotelo einen „Durchschnittschristen“ abzubilden, der von sich selbst sagt: „Meine Beziehung zu Gott ist kultureller, intellektueller Natur“, und der sein Verhältnis zur Kirche mit dem zu seinem Fußballverein vergleicht: „Ich gehe zu den Spielen, ich klatsche, ich meckere, aber ich spiele nicht selbst.“ Dennoch: So recht abkaufen mag man ihm seine Wandlung nicht. Rasch zeigt sich, dass der Advokat trotz allen Geheimagenten-Gebarens nicht auf knallharte Verhöre aus ist, sondern mit seinen Suggestiv-Fragen vielmehr als eine Art Stichwort-Geber für seine Interviewpartner fungiert, sodass seine Befragungen meist mit dem Appell enden, endlich Medjugorje zu besuchen. Was er schließlich auch tut. In einem letzten, großen Finale.

„Mary's Land“ ist aber nicht nur von Christen für Christen. Betrachtet man den Film vor dem Hintergrund, dass der Regisseur seine Arbeit als Mitwirkung an der Neuevangelisierung versteht, so ist es ihm gelungen, auch Nicht-Christen die zentralen Botschaften des Glaubens (die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, seine Barmherzigkeit, die Achtung vor dem menschlichen Leben) zu vermitteln. Der Hype, der daraus entstanden ist und dazu führte, dass viele Kinos die Laufzeiten verlängerten und Gemeinden busweise zu den Vorführungen anreisten, hat gezeigt, dass Katholiken, die einer angeblich überholten und verstaubten Religion angehören, in der Lage sind, einen Film zu produzieren, der weltweit die Kinosäle füllt. Juan Manuel Cotelo hat mit „Mary's Land“ Mut bewiesen und gezeigt, dass christliches Kino möglich ist. Vielleicht haben noch mehr christliche Film- und Fernsehmacher diesen Mut.