Beim Teutates, spinnen jetzt die Gallier?

Ein neuer Asterix-Band ist im Handel erhältlich. Wieder geht nichts ohne Hinkelsteine und Zaubertrank, doch etwas ist anders bei dieser Ausgabe. Es fehlt eine wichtige Seite mit einem sehr wichtigen Hinweis. Von Ingo Langner

Asterix in Italien
Im neuen Comic-Band „Asterix in Italien“ vermeiden die Macher alles, was Asterix und Obelix in die Nähe des Front National rücken könnte. Foto: Egmont Ehapa/dpa

Sie sind tapfer, listig, lustig und zäh. Doch nach einem halben Jahrhundert müssen auch sie sich dem Zeitgeist beugen. Aber wie so oft in der langen Menschheitsgeschichte unterliegen die Helden nicht in einer offenen Feldschlacht. Was sie niederringt, gehört, wie das Trojanische Pferd und Hagens Dolchstoß, der Kategorie Heimtücke an.

Nein. Hier soll nicht das Ende der Jamaika-Koalition verhandelt werden. Hier geht es um mehr, um viel mehr sogar. Denn in dem was nun folgt, soll vom Ende eines französischen, besser gesagt, eines gallischen Mythos die Rede sein. Ein Ende, das ausgerechnet gleich zu Beginn der Amtszeit von Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron daherkommt und darum auch in genau diesem Kontext gelesen werden muss.

Doch zunächst die harten Fakten. 1961 erschien in Frankreich das erste Heft. Es hieß „Astérix le Gaulois“ (und wurde erst 1967 in Deutschland unter dem Titel „Asterix der Gallier“ publiziert). Von da an und bis in den Herbst 2017 wurden die Leser mit der katastrophalen, jedoch nicht hoffnungslosen historischen Lage vertraut gemacht. Denn bevor jede neue Geschichte begann, in der – von Kleopatra bis zu den Briten – auf verblüffend vielfältige und immer heitere Weise vom Widerstandspotenzial im Römischen Weltreich in der Ära des ruhmreichen Julius Cäsar die Rede war, zeigte eine stilisierte Landkarte das um 50 v. Chr. von den Römern besetzte (und von eben diesem Julius Cäsar eroberten) Gallien. Mitten ins Landesherz ist ein römisches Feldzeichen gerammt.

Widerstand zwecklos. Könnte man meinen. Doch wer so denkt, irrt – und zwar gewaltig! Denn mit einer Lupe ist ein namenloses gallisches Dorf hervorgehoben. Es liegt im äußersten Nordwesten des Landes. Also etwa dort, wo wir Heutigen bei einer Tour de France auf Cherbourg treffen würden. Was dieses Dorf besonders macht, darüber klärt ein zur Seite gehörender Text so auf: „Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die römischen Legionäre, die als Besatzung in den befestigten Lagern Babaorum, Aquarium, Laudanum und Kleinbonum liegen ...“

So war es am Anfang und so blieb es bis zum Heft 36 („Der Papyrus des Cäsar“), und genau diese (realiter pseudo-)historische Einordnung machte Asterix und Obelix ebenso weltberühmt, wie den Hellenen Odysseus oder den Germanen Siegfried. Gute Comicserien gibt es einige. Doch wohl keine, in dem sich nicht nur republikanisch gesinnte Franzosen so spiegeln konnten, wie in den dank eines Zaubertranks unbesiegbaren gallischen Helden.

Anders als die in der Französischen Revolution von 1789 geschlagenen (und bis heute katholisch gebliebenen) Monarchisten, betrachten sich die ideellen Nachfahren der Königsmörder vom 21. Januar 1793 bis heute als erstgeborene Streiter wider jedwede Tyrannei. Ohne auch nur mit dem Wimper zu zucken, singen sie heute noch die Marseillaise, das zur Nationalhymne gewordene 1792 verfasste Kriegslied der Rheinarmee: „Zu den Waffen, Bürger,/ Formiert eure Truppen,/ Marschieren wir, marschieren wir!/ Unreines Blut/ Tränke unsere Furchen!“ Als „Asterix der Gallier“ 1961 erschien, war Charles André Joseph Marie de Gaulle Präsident der Fünften Republik. Der 1890 in Lille geborene General war der Kopf des französischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Von seinem Londoner Exil aus verkörperte er das „Freie Frankreich“ wie niemand sonst.

Sein Stern sank erst in den politischen Unruhen vom Pariser Mai 1968, als linksradikale Studenten und Intellektuelle mehr oder weniger gemeinsam mit der Kommunistischen Partei Frankreichs die bürgerliche Revolution von 1789 mit einer sozialistischen „vollenden“ wollten. Die zwar ebenso scheiterte wie die „Pariser Kommune“ vom Mai 1871, doch von nun an konnte sich die Achtundsechziger-Generation auf ihrem „Langen Marsch durch die Institutionen“ in Asterix und Obelix wiederkennen; übrigens auch in Deutschland.

Als im aktuellen Heft 37 („Asterix in Italien“) die eingangs ausführlich zitierte Seite „aus technischen Gründen“ fehlte, wie der Verlag duckmäuserisch verlauten ließ, blieb in Frankreich ein Sturm der Entrüstung aus. Zwar soll es Proteste gegeben haben. Doch offenbar waren die so zaghaft, dass man hierzulande davon so gut wie gar nichts erfuhr. Wer an die „technischen Gründe“ nicht glauben mag, fragt sich seitdem, warum die französischen Herausgeber ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt auf die berühmte Seite verzichtet haben.

Ein Blick auf die aktuellen politischen Verhältnisse könnte eine mögliche Antwort liefern. Zwar hat sich Emmanuel Macron bei seiner pompös zelebrierten Amtseinführung alle Mühe gegeben, sich als Präsident aller Franzosen in Szene zu setzen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frankreich politisch tief gespalten ist. Doch anders als früher kommt der Widerstand gegen einen bürgerlichen Präsidenten nicht von den Kommunisten und Sozialisten, sondern von den politisch Rechten. Verkörpert wird er heute von Marine Le Pen, der Parteichefin des „Front National“. Die am 5. August 1968 als Marion Anne Perrine Le Pen geborene Politikerin hat zwar die beiden Präsidentschaftswahlen 2012 und 2017 verloren. Gleichwohl reklamiert sie weiterhin den alten französischen Widerstandsgeist für sich und ihre Partei. Marine Le Pen lehnt eine multikulturelle Gesellschaft ebenso ab, wie die in ihrer Perspektive gar nicht mehr bloß schleichende Islamisierung Frankreichs. Außerdem kündigt sie immer wieder an, als Präsidentin Frankreich sowohl aus der NATO als auch aus der Europäischen Union zu führen. Kurzum: Frau Le Pen meint von sich, die wahre Erbin jener Gallier zu sein, die von ihrem kleinen bretonischen Dorf aus vor den römischen Besatzern die Knie nicht gebeugt haben. Im aktuellen Heft 37 wird von einem Wagenrennen durch Italien berichtet. Bei dem trotz aller unlauteren Tricks am Ende, statt Julius Cäsar, Asterix und Obelix als erste die Ziellinie überqueren. Doch wird man den Eindruck nicht los, dass hier, anders als sonst, nicht der spezielle gallische Heldenmut im Mittelpunkt steht, sondern die zahlreich beteiligten europäischen Völker. Das von Asterix mehr als einmal angemahnte „Fair play“ scheint die (gar nicht so heimliche) eigentliche Botschaft des Heftes zu sein.

Darum können wir vermuten, dass sich der Texter Jean-Yves Ferri und der Zeichner Didier Conrad ganz bewusst ins Lager derjenigen stellen, die auch weiterhin ihre Hoffnung auf ein geeintes Europa setzen. Diese Position ist, wer wollte das bestreiten, aller Ehren wert. Gleichwohl haftet dem damit verbundenen Entschluss, auf das Bild von der in den gallischen Boden gerammten römischen SPQR-Standarte zu verzichten, dann doch eine gehörige Portion politisch-korrekten Kleinmuts an. Bilderverbote waren, wie uns die Geschichte lehrt, noch nie ein Zeichen geistiger Freiheit. Wer nun meint, hier würde eine Petitesse unnötig aufgeblasen, dem sei dies entgegengehalten. Gewiss, man kann in der fehlenden Seite eine Marginalie sehen. Könnte genau das aber nicht auch ein Symptom sein?

Ein so entscheidender Eingriff geschieht nicht im luftleeren Raum, und schon gar nicht im Kontext einer mehr als fünf jahrzehntelang erfolgreichen Comicserie. Die noch dazu mit Ikonen des französischen Film wie Gérard Depardieu, Alain Delon und Catherine Deneuve verfilmt worden ist. Das Wort Zeitgeist ist hier bereits gefallen. Es verweist auf einen innerfranzösischen Paradigmenwechsel. Welche seelischen Verstörungen müssen dem französischen Volk widerfahren sein, dass ausgerechnet diese Nation, die mit der Fanfare von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ immer als die definitive und kampferprobte Avantgarde unter allen Völkern der Welt gelten wollte, sich klammheimlich von einem ihrer signifikanten Widerstandszeichen trennt? Genau das ist die Frage. Es könnte sich um eine von Sein oder Nichtsein handeln.