Als die Kirche gespalten wurde

Die Bayerische Landesausstellung in Coburg dokumentiert den religiösen Bruch um 1500. Von Barbara Stühlmeyer

Der „Tod auf dem Löwen“ (um 1513) gehört zu den ungewöhnlichsten Exponaten der Ausstellung: Bei der Schlaguhr gibt der T... Foto: Museum

Die Jahrzehnte um 1500 sind eine Zeit des Wandels und der Umbrüche, die in jedem Fall einer näheren Betrachtung wert sind. Deshalb widmet sich auch die Bayerische Landessausstellung 2017 dieser Epoche. Unter dem Thema Ritter, Bauern, Lutheraner sind auf der Veste Coburg und in der evangelischen Stadtkirche St. Moritz bis zum 5. November eine Fülle interessanter Exponate zu sehen. Dabei geht es keineswegs nur um den berühmtesten aller Reformatoren, Martin Luther, der sich während des in Augsburg stattfindenden Reichstages auf der Veste aufhielt. Eigentlich hatte er selbst an den Verhandlungen der protestantischen Stände mit Kaiser Karl V. teilnehmen wollen, doch da er unter der Reichsacht stand, war Luther außerhalb des kursächsischen Territoriums, dessen Fürst ihm Schutz und Unterstützung gewährte, in Lebensgefahr und so musste er die 200 Gefolgsleute Johanns des Beständigen mit ihrem Beitrag zur Augsburger Konfession im Gepäck weiterziehen lassen.

Für die Protestanten sprach in Augsburg nun Philip Melanchthon, der, wie Luther selbst zugab, viel leiser treten, sprich diplomatischer verhandeln konnte als der ungestüme Luther, der gleichwohl 120 Briefe in die Reichsstadt sandte, um den Lauf der Dinge in seinem Sinne zu beeinflussen. Die beiden Lutherzimmer der Veste, in denen der Reformator unermüdlich neue Schriften verfasste, ermöglichen einen Einblick in seine Lebenswelt und zeigen zugleich die Rezeptionsgeschichte seines Wirkens. Die Moritzkirche Coburgs, in der bereits 1524 Gottesdienste in der lutherischen Form abgehalten wurden und wo der Reformator während der Ostergottesdienste 1530 vor dem Gefolge seines Kurfürsten predigte, wurde aufwändig neu restauriert und präsentiert sich während der Landesausstellung als Klangraum für geistliche Musik. Die Stadt Coburg zeigt sich als kompetente und gut vorbereitete Partnerin der Landesausstellung. Sie bietet ein umfangreiches Begleitprogramm mit einem Lutherwanderweg, der die Erfahrung des Brückenschlages zwischen Menschen, Religionen, Geschichte, Kultur und Landschaft wagt und mit Vorträgen in bewusst einfach gehaltener Sprache, die Pfarrer Rainer Axtmann und Josef Gründel vom Ökumenereferat des Erzbistums Bamberg anbieten, sowie vielen weiteren Veranstaltungen an. Neben dem in diesem Jahr unvermeidlichen Reformationsjubiläum gibt es aber noch eine Fülle weiterer interessanter Aspekte, die die Jahre des Umbruchs um 1500 prägten und die deshalb in der Landesausstellung thematisiert werden. Die letzten Kämpfe des Ritterstandes, der langsam aber sicher seine Aufgaben an professionelle Söldnerheere und gut ausgebildete Beamte abgeben musste, den schnellen und preisgünstigen Zugang zu Wissen, den die Erfindung des Buchdruckes mit sich brachte, die Unruhen, die das erstarkte Selbstbewusstsein der Bauern und ihre wörtliche und daher sehr weltliche Interpretation von Luthers Freiheitsgedanken mit sich brachte – all dies prägte die Landschaften in Franken, Schwaben und Altbayern und hinterließ seine Spuren in Bildern, Flugschriften, Kampfliedern und technisch innovativen Geräten.

Zu den ungewöhnliche Exponaten, die auf der Ausstellung zu sehen sind, gehört unter anderen ein Nachbau der Skulptur „Tod auf dem Löwen“, die, um 1513 entstanden, heute im bayerischen Nationalmuseum in München verwahrt ist. Das Original war Teil einer heute verlorenen Schlaguhr, die die Mönche des Zisterzienserklosters Heilsbronn an jenen Abschnitt aus der Regel Benedikts erinnerte, in dem es heißt, dass man den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben soll. In einem Experiment, bei dem Bildhauer und Archäo- techniker zusammenarbeiteten, entstand eine Replik des Automaten, die während der Ausstellung in der Hofstube der Veste Coburg zeigt, wie der Tod einen Schlägel auf den Kopf des Löwen niedersausen lässt, so eine in dessen Inneren verborgene Glocke zum Klingen bringt und die schaurig spannende Bewegung von Unterkiefer und Zunge auslöst.

Wie immer bei den bayerischen Landesausstellungen gibt es auch in Coburg exzellente Programmangebote für Kinder und Jugendliche, die in Zusammenarbeit mit den Coburger Schulen erarbeitet wurden. Zehntklässler des örtlichen Gymnasiums führen ihre Altersgenossen durch die Ausstellung und erklären in jugendgerechter Sprache die historischen Inhalte. Achtklässler der Realschule wurden zu Experten für das Jüngste Gericht oder das Ritterstechen und Schüler des Ingolstädter Apian Gymnasiums entwickelten im Rahmen eines Projektseminars einen Entdeckerbogen für Schüler der 1. bis 5. Klasse.

Hervorragende digitale Aufbereitung der Ereignisse

Das Kulturportal Bavarikon bietet unter dem Titel „Martin Luther und die frühe Reformation in Bayern. Anhänger, Gegner, Sympathisanten“ eine virtuelle Ausstellung an, die als Gemeinschaftsprojekt von der Bayerischen Staatsbibliothek, dem Haus der Bayerischen Geschichte und den Staatlichen Archiven Bayerns entwickelt wurde und an der 21 Kultureinrichtungen mit 123 Exponaten beteiligt sind, die reformatorische Bewegungen und das Wirken ihrer Gegner in den bayerischen Landesteilen dokumentierten. Vor allem für die Vor- und Nachbereitung gibt es hier vieles zu entdecken, darunter Drucke und Handschriften in ausgezeichneter digitaler Qualität, die man am heimischen PC in Ruhe studieren kann. Die Zugänge über Personen, Orte oder Objekte ermöglichen einen unkomplizierten Zugriff auf die jeweils interessantesten Themen. So erhält etwa der Luthergegner und Ingolstädter Professor Johannes Eck breiten Raum, ebenso wie die Nürnberger Äbtissin Caritas Pirckheimer oder der dortige Meistersinger Hans Sachs.

„Ritter, Bauern, Lutheraner“, Ausstellung auf der Veste Coburg, 96450 Coburg, bis 5. November, täglich 9 bis 18 Uhr. www.hdbg.de/reformation/index.php