Beratung und Hilfe für das Leben

Dank der Pro Femina-Beratung entscheiden sich viele Mütter für ihr Kind. Welches Erfolgsrezept steckt dahinter? Von Simon Püschel

Viele Frauen entscheiden sich dank Pro Femina für ihr Kind – und sind dann ganz interessiert daran, ihre Beraterinnen auch kennenzulernen: wie hier bei einem Treffen in Heidelberg. Foto: 1000plus

Wenn es auf der Beratungs-Hotline klingelt, geht es um Sekunden. Cornelia Lassay leitet die Heidelberger Zweigstelle von Pro Femina und muss am Anfang jedes Telefonats auf eines ganz besonders achten. „Die Schwangere muss von Anfang an, direkt nach den ersten Worten spüren: Hier bin ich richtig“, sagt Lassay. „Das ist entscheidend.“ Denn: Die Beraterin weiß, in welcher Ausnahmesituation sich die Schwangere befindet, die mit sich um ihr Kind ringt – und die nicht weiß, wer ihr da am anderen Ende des Hörers begegnen wird. „Es kostet bereits enorm viel, sich zu überwinden und zum Hörer zu greifen“, sagt sie. „Bei uns wird die Anruferin ohne Wenn und Aber angenommen. Der Schwerpunkt unserer Beratung liegt darin, die Schwangere in ihrer Not und Verzweiflung aufzufangen und sie wieder mit ihren Kräften in Berührung zu bringen. Nur so hat sie die Möglichkeit, die Krise konstruktiv zu bewältigen.“ Ist das das Erfolgsgeheimnis der Pro Femina-Beratung? Bis zu 1 000 Frauen im Schwangerschaftskonflikt werden mittlerweile pro Monat von Cornelia Lassay und ihren Kolleginnen beraten – eine Anzahl, die vor einiger Zeit noch utopisch klang: selbst aufs Jahr gerechnet. Von den Frauen, die Pro Femina ihre Entscheidung mitteilen, entscheiden sich rund 70 Prozent für ihr Kind. Viele Schwangere schaffen es erst durch die Beratung bei Pro Femina, ihre Ängste zu überwinden und Mut zu fassen – und Ja zu ihrem Kind zu sagen. Wie gelingt es den Beraterinnen, so erfolgreich zu arbeiten? Auf eine einfache Formel lässt sich der Erfolg von Pro Femina wohl nicht reduzieren, wohl aber auf ein Stichwort: Hier herrscht eine Beratungskultur für das Leben.

Das Ziel bei jeder Beratung ist es, die Schwangere aufzurichten. Doch wie mit denen umgehen, die ganz unten sind, die keine Hoffnung mehr haben, die verzweifelt sind als werdende Mütter? „Beim ersten Gespräch geht es darum, die Lebenssituation der Schwangeren so gut wie möglich zu erfassen, um auch im dunkelsten Tief ihre Kraftquellen und Fähigkeiten der Mutter herauszuhören“, sagt Lassay. Denn eines ist noch einzigartig am Pro Femina-Ansatz: Es ist der Optimismus, mit dem die Beraterinnen auf das Leben schauen. Auch Margarete Kaufmann ist Beraterin in Heidelberg und weiß, was kleinste Signale ausmachen können. „Wenn eine Mutter von fünf Kindern noch einmal schwanger wird, reagiert ihr Umfeld meist ziemlich skeptisch und negativ“, sagt die Beraterin. „Wir versuchen, die Schwangere aufzufangen – und ihr erstmal Mut zu machen.“ Viele Frauen seien am Anfang perplex, verwirrt und manchmal überwältigt, so positive Rückmeldungen auf ihre Kontaktaufnahme zu erhalten. Viele Frauen können sich nur deswegen für ihr Kind entscheiden, weil es da jemanden gibt, der ihnen Herausforderungen zutraut, anstatt sie ihnen auszureden.

Wie kann man das lernen, so lebensbejahend zu beraten? Die Mitarbeiterinnen von Pro Femina haben verschiedene Hintergründe. Da gibt es Ärztinnen, Psychologinnen und Sozialpädagoginnen. Intern werden sie über Monate weitergebildet – Schritt für Schritt hin zu einer Beratungskultur für das Leben. Cornelia Lassay arbeitet seit 2001 als Schwangerschaftskonflikt-Beraterin und hat in ihren Anfängen viel Neues dazugelernt. „In der Einarbeitung muss man üben, mit Begriffen Leuchtspuren zu setzen“, sagt sie. Denn: Es ist eine fordernde Aufgabe. Das weiß auch die Beraterin Theresia Thiel. „Es ist enorm wichtig, sich von keiner Not aus der Ruhe bringen zu lassen. Das nennen wir ,Verblüffungsresistenz‘“, sagt Thiel. „Man bekommt Geschichten zu hören, die man kaum glauben kann, die man nicht glauben will – und die trotzdem genau so stattfinden.“

Was hilft da, diesen psychischen Ausnahmezustand durchzustehen? Ganz wichtig – das sagen alle Beraterinnen – ist die Team-Struktur. Wer am Telefon oder auch persönlich Frauen im Schwangerschaftskonflikt berät, braucht die Unterstützung seiner Kolleginnen. Manche Fälle sind so komplex, verlangen so kreative Lösungen, dass ein Kopf nicht reicht, sie auch zu finden. „Wir passen auf uns auf und stützen uns gegenseitig“, sagt Kaufmann. Sie hat vorher in der Psychiatrie gearbeitet und ist seit fünf Jahren bei Pro Femina. Wie schafft sie es da, zu helfen – und sich gleichzeitig selbst nicht aus dem Auge zu verlieren. „Man muss im Feierabend und im Privatleben auch ein Gegengewicht setzen können“, sagt sie. „Das ist essenziell für diesen Beruf.“ Die Beraterin findet Kraft im Sport, in der Natur, in der Familie – und im Glauben. Denn auch der spielt eine Rolle bei Pro Femina. Müssen sich die Schwangeren also auf Predigten einstellen bei der Beratung? Das gerade nicht, meinen die Beraterinnen. „Der gelebte Glaube gibt uns die Kraft für unsere tägliche Arbeit“, sagt Lassay. „In der Beratung kommen wir auf Gott nur dann zu sprechen, wenn die Schwangere das auch so will.“ Denn eines würde überhaupt nicht helfen: zu moralisieren. „Das würde sofort zur Abwehr und zu Unverständnis führen.“

Aus christlichem Geist geboren ist die Pro Femina-Beratung schon – nur eben implizit. „Bei manchen Fällen kommt man menschlich gesehen schon an seine Grenzen“, sagt Lassay. „Aber dann bleibt mir noch mein Glaube, der über diesen Problemen steht.“ So gelingt ein hoffnungsvoller Blick auf die Schwangere in ihrer Not – egal, ob die christlich ist oder nicht. „Wir glauben, dass Gott mit jeder Mutter und ihrem Kind einen guten Plan hat“, sagt Lassay – auch wenn das die Mutter selbst noch nicht erkennen kann. Wie kann man ihr diesen Glauben vermitteln an sich und ihr Kind? „Manchmal braucht es nur ein einziges Gespräch, das der Schwangeren hilft, klarer zu sehen und eine gute Entscheidung zu treffen“, sagt Lassay „In der Regel geht aber die Beratung über einen längeren Zeitraum.“

Denn selbst wenn sich die Mutter für ihr Kind entschieden hat, ist die Arbeit der Beraterinnen noch nicht vorbei. Sie begleiten die Schwangeren manchmal bis zur Geburt und darüber hinaus – und bleiben im Kontakt mit den dann glücklichen Müttern. Die können es oft nicht so recht glauben, wie sie damals zweifeln konnten an sich und ihrer Fähigkeit, für ihr Kind da zu sein. „Bei manchen gibt es nach der Geburt noch Scham und den Gedanken: ,Wie konnte ich nur jemals daran denken, mein Kind abzutreiben‘“, sagt Lassay „Bei vielen überwiegt aber von Anfang an das Glück und die Gewissheit, dass das Kind das Beste ist, was der Mutter je passieren konnte.“ Denn von einem Gedanken sind die Beraterinnen überzeugt: In jeder Krise steckt eine Chance: „In der Beratung fragen wir manchmal ganz behutsam nach, ob die Schwangeren vielleicht einen verborgenen Sinn erkennen können, einen Grund, warum gerade sie jetzt mit dieser Herausforderung konfrontiert werden“, sagt Lassay. „Viele wissen im ersten Moment nicht, was sie antworten sollen – und kommen ins Nachdenken.“ Andere würden direkt eine verblüffende Antwort finden: „Vielleicht ist ja jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem sich etwas ändern soll – und diese Schwangerschaft hilft mir dabei?“ In jedem Fall gehen die Schwangeren gestärkt aus der Beratung von Pro Femina hervor. Die Mehrheit entscheidet sich dann bewusst für ihr Kind. Denn auch bei so lebenswichtigen Entscheidungen kommt es manchmal auf Sekunden an.

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