„Tapfere, mutige Löwinnen!“

Ein Gespräch mit Dr. Barbara Dohr, Leiterin der 1000plus-Beratungsstelle Bayern, über die Pro Femina-Beratung. Von Friedrich Reusch

Drei U-Bahn-Stationen vom Hauptbahnhof entfernt befindet sich die Pro Femina-Beratung in München. Foto: 1000plus
Liebe Frau Dr. Dohr, im Jahr 2015 haben Sie die Leitung der neu eröffneten 1000plus-Beratungsstelle Bayern übernommen. Zuvor haben Sie jahrelang als Ärztin und Logo- therapeutin gearbeitet. Was hat Sie am Arbeitsfeld der Schwangerschaftskonfliktberatung besonders gereizt?

Die unverändert extrem hohen Abtreibungszahlen haben mich über viele Jahre hinweg erschreckt und beunruhigt, aber ich habe keinen Platz gefunden, wo ich dieser Unruhe oder diesem Erschrecken irgendwie hätte abhelfen können. Als ich dann 2013 das Konzept der Pro Femina-Beratung näher kennengelernt habe, hat mich das derart fasziniert, dass mir das Aufgeben meiner bisherigen ärztlichen Tätigkeit kein bisschen schwergefallen ist. Wir arbeiten hier Tag für Tag mit Frauen, die wirklich „echt in Not“ sind, sehr vergleichbar mit „echt kranken“ Patienten. Diesen Frauen fehlt es an Unterstützung, an Zuwendung, an Ermutigung. Es ist niemand da, der ihnen wirklich hilft, die Krise als Chance zu begreifen, an der man auch wachsen kann. Es handelt sich um ein total vernachlässigtes Arbeitsfeld, ein Gebiet, das ausgeblendet wird von der Gesellschaft, auch von der Politik natürlich, was ja sehr erstaunlich ist angesichts der rein quantitativ enormen Relevanz. Als ich von Pro Femina erfuhr, dachte ich mir: „Für mich ist das seit Jahrzehnten das beste, was ich gefunden habe, um dem Massenphänomen der Abtreibung wirklich etwas Effektives und Professionelles entgegenzusetzen!“ Ein Teil davon zu sein hat mich gereizt.

Worin sehen Sie die Vorteile einer Beratung wie der von Pro Femina, die ohne Beratungsschein auskommt?

Der größte „strukturelle“ Vorteil ist, dass wir lösungsorientiert arbeiten. Denn es ist unsere Erfahrung, dass keine Frau gerne abtreiben will. Sie will also keine „Lizenz zur Abtreibung“, wie sie der Beratungsschein darstellt. Diese Frauen sehnen sich nach der Lösung ihrer eigentlichen Probleme, die dem Schwangerschaftskonflikt zugrunde liegen. Bei der Lösung dieser individuellen Probleme arbeiten wir nicht irgendwelche Listen ab oder ziehen fertige Lösungen aus der Schublade, sondern gehen davon aus, dass jede Frau einmalig und einzigartig ist, und genau deshalb einmalige, einzigartige Unterstützung braucht. Gerade das macht die Arbeit mit ungewollt schwangeren Frauen in Not spannend, herausfordernd und befriedigend. Denn so hilft man Frauen bei der Lösung genau der Probleme, die sie selbst benennen. Die Frau mit ihren Problemen alleine zu lassen und sie mit einem Beratungsschein „abzuspeisen“ hieße, letztlich „Egal-Beratung“ zu betreiben. Auch das unmittelbare Umfeld der Frau reagiert oft mit einer Art neutralistischer Ignoranz. So hören wir oft: „Mein Partner hat mir gesagt, ich stehe hinter dir, egal wie du dich entscheidest.“ Und erstaunlicherweise folgt auf diese Aussage dann der Satz: „Das ist gar nicht das, was ich hören wollte.“ Was will eine Frau in dieser Situation denn eigentlich hören? Sie will hören, dass der Partner sagt: „Du, damit haben wir jetzt nicht gerechnet, aber ich freue mich. Wir kriegen das hin, du wirst eine gute Mutter sein. Wir schaffen noch ein Kind mehr.“ Das ist das, was die Frauen hören wollen! Somit ist es gerade eine positive Beratung, eine ermunternde, ermutigende, die die Frauen dringend benötigen.

Pro Femina beschreitet innovative Wege im Internet, um von ungewollt Schwangeren gefunden zu werden. Sorgt das dafür, dass Sie vor allem sehr junge Frauen beraten?

Nicht vor allem, sondern auch! Aber die meisten Frauen, die sich an uns wenden, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, liegen also mitten im sogenannten gebärfähigen Alter. All diese Frauen bewegen sich mit einer für sie größten Selbstverständlichkeit im Internet, um nach Informationen rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch zu suchen. An dieser Stelle setzt unser Beratungsangebot an, vom Telefon über E-Mail bis hin zu den „klassischen“ Gesprächen von Angesicht zu Angesicht. Am Telefon eine Stimme zu haben, die zuhört und bei der man sich jederzeit melden kann, ohne Voranmeldung und Wartezeiten – das wird gut angenommen und sehr geschätzt. Für viele Frauen bleiben wir monatelang einer der wichtigsten Ansprechpartner. Auf diese Weise entsteht oftmals auch über die Geburt des Kindes hinaus ein regelmäßiger Kontakt. Damit so etwas entstehen kann, ist ein Grundsatz von Pro Femina entscheidend: Der Frau alle zeitgemäßen Kommunikationskanäle anbieten, die möglich sind. Und die Frau selber über die Art und den Umfang ihrer Beratung entscheiden lassen.

Grundlegend für die Beratungsphilosophie von Pro Femina ist die vom Wiener Psychiater Viktor Frankl (1905–1997) entwickelte Logotherapie. Was macht diese Therapieform aus und inwiefern können Frauen im Schwangerschaftskonflikt von ihr profitieren?

Die Logotherapie und Existenzanalyse von Frankl ist eine ausgesprochen wirksame Psychotherapieform für Kurzzeittherapien. Diese Kurzzeittherapie, wie das mal ein Kollege sehr schön formulierte, macht, dass die Klienten mit einer anderen Körperhaltung ihren Therapeuten verlassen, als sie zu ihm gekommen sind: aufrecht, mit gehobenem Blick, das Rückgrat viel gerader. Viktor Frankl hat sich sehr darum bemüht, die spezifisch menschliche Dimension, die der Psychotherapeut vor Augen behalten muss, wieder in die Psychotherapie zurückzuholen. Die Logotherapie baut auf einem sehr gesunden Menschenbild auf, das mit dem christlich-jüdischen Menschenbild gut zusammenpasst. In der Logotherapie gehen wir davon aus, dass der Mensch als ein freies Wesen agiert und dass er da, wo er frei ist, gleichzeitig auch verantwortlich ist, dass er also Antworten geben darf. Und hier kommt der Bogen zu den Schwangerschaftskonflikten: Ein Schwangerschaftskonflikt ist etwas, was die Frau vor eine Frage stellt, die eine baldige Entscheidung erzwingt: Ein Ja zum Kind oder ein Nein zum Kind. Das Leben stellt an diese Frau eine Frage, diese Frage ist da und verlangt zwingend nach einer Antwort. Frankl geht davon aus, dass es eigentlich im Leben immer so ist: Nicht wir befragen das Leben, warum es uns das Eine oder Andere gibt oder antut, sondern das Leben fragt uns stets aufs Neue: „Diese Situation lege ich dir vor, was machst du daraus?“ Und aus dieser Grundüberzeugung heraus, dass das Leben diesen Aufgabencharakter hat, versuchen wir den Frauen zu helfen. Wir befähigen sie, die für sie richtige Antwort zu geben. Eine Antwort, die in ihrem Leben stimmig erscheint, die zu dieser Herausforderung passt. Eine Antwort, die nicht sagt: „Kann ich nicht, ich gebe ein leeres Blatt ab“, sondern vielmehr: „Ich antworte auf diese Aufgabe, die mir hier gestellt ist, indem ich sie erfülle.“

Frankl hat gesagt: „Der Mensch ist dasjenige Wesen, das jetzt entscheidet, was es in einer Viertelstunde sein wird.“ Das ist eine tiefe Wahrheit! Jeder kann immer anders, mag er noch so geprägt sein in eine bestimmte Richtung, mag er noch so viele Dinge bisher immer auf eine bestimmte Weise gemacht haben – er kann anders, immer. Und dieser Gedanke ist sehr positiv und sehr ermutigend und entspricht der Würde des Menschen. Die Grundüberzeugung, die hinter der Logotherapie liegt, lautet, dass der Mensch immer nach dem Sinnvollen strebt, dass er immer Sinnvolles tun will, dass ihm das Sinnwidrige wirklich entgegengesetzt ist. Und ich denke, wir sind uns alle einig: Das Leben ist sinnvoll, der Tod ist sinnwidrig.

Welche beruflichen Eignungen bringen die Beraterinnen bei Pro Femina in ihre Arbeit mit Schwangeren ein?

Bei Bewerberinnen setzen wir ein einschlägiges Studium der Humanwissenschaften voraus. Das heißt ganz konkret, dass wir sowohl Sozialarbeiterinnen, Medizinerinnen, Psychologinnen, Pädagoginnen als auch Theologinnen mit pastoraler Vertiefung in unserem Beratungsteam haben. Unser Beratungsalltag ist zudem von Supervision und Intervision sowie regelmäßigen fachlichen Fortbildungen geprägt. Wichtig für Pro Femina als Beratungsorganisation mit christlichem Menschenbild ist, dass jede unserer Beraterinnen ein bedingungsloses Ja zum Leben hat. Wir verstehen uns als Diener am Leben.

Haben Sie aus den zwei Jahren, in denen Sie nun schon für Pro Femina beraten, eine Art „Lieblingsfall“, von dem Sie uns berichten möchten?

Diese Frage ist schwierig, weil ich etliche Lieblingsfälle habe und es schwer ist, zu wählen. Ich habe mich in den letzten zwei Jahren mit zahlreichen Frauen beschäftigen dürfen. Das waren wirklich tapfere, mutige Löwinnen, die, wenn sie ein bisschen Rückendeckung, ein bisschen Ermutigung bekommen, entschlossen für ihre Kinder kämpfen, und dann überglücklich sind, wenn diese Kinder erst einmal das Licht der Welt erblickt haben. Besonders gerne denke ich an eine alleinerziehende Schwangere, die schon zwei Schulkinder hatte und ein drittes Kind erwartete. Sie hat sich eines Montags mit einer verzweifelten Mail an uns gewandt. Bereits für den darauffolgenden Freitag war der Abtreibungstermin vereinbart. Der Eingriff schien ihr in ihrer ersten E-Mail völlig alternativlos. Bei einer anderen, schein-ausstellenden Beratungsstelle war ihr wörtlich gesagt worden, für sie wäre „kein Licht am Ende des Tunnels“ zu sehen. Ich muss zugeben, dass mich diese Aussage enorm geärgert hat. Gleichzeitig hat mich jene Licht-Metapher herausgefordert und motiviert, und so haben wir gemeinsam Licht gesucht und viel Licht gefunden. Das Mädchen ist inzwischen geboren, entzückt ihr ganzes Umfeld und ist quietschfidel. Und ich bin in einigen Wochen dort zur Taufe eingeladen. Dieser spezielle Fall zeigt exemplarisch, wie bei 1000plus die Arbeit für ungewollt schwangere Frauen in Not Hand in Hand geht. So war die Schwangere auf unsere Beratung gestoßen, weil eine Freundin von ihr unseren Gebetsbrief abonniert hatte und deshalb um Art und Ausrichtung der Pro Femina-Beratung wusste. Während des monatelangen Kontakts haben mehrere Beraterinnen mit der schwangeren Frau Kontakt gehabt. Unsere beiden englischsprachigen Beraterinnen waren involviert, weil der Kindsvater nur Englisch spricht. Außerdem wurden seitens unseres Vorstands Mittel aus dem hausinternen Förderprogramm bereitgestellt, um der Selbstständigen auch materiell Aussicht auf ein Licht am Ende des Tunnels zu geben. Wir hatten vor Ort ein wunderbares Ehepaar aus unserer Helferkartei, das sich sehr liebevoll engagiert hat für die beiden Eltern. Und schließlich waren die Schwestern eines wunderschön gelegenen Klosters, die über unseren Newsletter von diesem Fall erfuhren, so gerührt, dass sie die Mutter mit ihren jetzt drei Kindern dieses Jahr zum Urlaub eingeladen haben – als Geschenk! Eine unglaubliche „1000plus-Welle“ der Solidarität mit dieser verzweifelten Frau, und gerade deshalb: Licht am Ende des Tunnels. Das ist einer meiner Lieblingsfälle.

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