Der Wert des Lebens sinkt

Wie Abtreibungen unser Leben verändern – Und das, was wir darunter verstehen. Ein Essay. Von Josef Bordat

November-Motiv des 1000plus-Kalenders 2017. Die königliche Würde des (geborenen wie ungeborenen) menschlichen Lebens muss heute mehr denn je proklamiert werden. Foto: 1000plus

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die beiden jungen Damen kreuzten urplötzlich meinen Weg, bauten sich vor mir und einigen Kindern, die neben mir gingen, auf und deuteten auf ein Plakat, das ein Farbfoto eines vielleicht zehn Wochen alten Fötus in der Fruchtblase zeigte. „Das ist widerlich!“ – sagten sie mit entsprechender Miene und verschwanden zur anderen Straßenseite hin. Ich sah die Kinder an, die sichtlich stolz waren, beim „Marsch für das Leben“ mit einer so wichtigen Aufgabe wie dem abwechselnden Tragen des Plakats betraut worden zu sein. Ich wollte ihnen etwas sagen. Doch ich wusste nicht, was. „Es ist nicht so schlimm!“? Das wäre gelogen gewesen. „Macht euch nichts draus!“? Das wäre der falsche Ratschlag. „Es ist gut, dass ihr hier seid!“? Das wussten sie ja selbst.

Die Szene ging mir noch lange nach – wie man merkt: bis heute – und vergeblich versuchte ich, der Botschaft irgendeinen Sinn abzuringen. Das Bild des Lebens, dieses wundervolle Geschöpf namens Mensch im Leib seiner Mutter, die Ruhe, die Kraft, die Schönheit, die es ausstrahlt – widerlich? Kann es einen größeren Irrtum geben? Erst, als ich gebeten wurde, ein paar Zeilen zu verfassen, entlang der Frage, wie uns Abtreibungen in den letzten Jahrzehnten verändert haben, wird mir klar: So, gerade so. Wir haben den Wert des Lebens aus dem Blick verloren.

Abtreibungen sind ein Alltagsphänomen. Wie viele Abtreibungen in Deutschland jährlich durchgeführt werden, ist nicht bekannt, zumindest sind die offiziellen Zahlen umstritten, und das auch bei Abtreibungsbefürwortern (vgl. „Abtreibung: Zahlen stimmen nicht“, DT vom 9. Februar 2017). Doch selbst die offizielle Zahl von etwa 100 000 Abtreibungen jährlich muss erschrecken. Und: Was in Deutschland werktäglich rund 400 mal passiert, ist Alltag. Die Folgen der Abtreibung als Alltagsphänomen sind mannigfaltig. Zugleich gibt es verstärkende Rückwirkungen des Zeitgeists, ein Teufelskreis – im wahrsten Sinne des Wortes. Bleiben wir bei den Folgen. Wie die geschilderte Begebenheit zeigt: der Wert des Lebens sinkt. Der Mensch steht grundsätzlich zur Disposition, wenn sein Lebensrecht nicht mehr unbedingt gilt, wenn stattdessen die Tötung eines Menschen sanktionslos möglich wird.

Der heilige Papst Johannes Paul II. sprach in seiner Enzyklika „Evangelium vitae“ (1995) von einer „Kultur des Todes“, die sich ausbreite: „Mögen auch viele und ernste Aspekte der heutigen sozialen Problematik das Klima verbreiteter moralischer Unsicherheit irgendwie erklären und manchmal bei den Einzelnen die subjektive Verantwortung schwächen, so trifft es tatsächlich nicht weniger zu, dass wir einer viel weiter reichenden Wirklichkeit gegenüberstehen, die man als wahre und ausgesprochene Struktur der Sünde betrachten kann, gekennzeichnet von der Durchsetzung einer Anti-Solidaritätskultur, die sich in vielen Fällen als wahre ,Kultur des Todes‘ herausstellt“ (EV, Nr. 12).

Ich möchte im Anschluss an Papst Benedikt XVI. von einer „Kultur des Wertrelativismus“ sprechen, die sich auch und gerade in Bezug auf das Leben auswirkt, den absoluten Grund aller Werte und aller Kultur. Wenn schon das Lebensrecht Gegenstand eines Abwägungsprozesses sei, wenn sich der Mensch für oder gegen das Leben entscheiden kann, dann ist nichts mehr sicher. Dann ist der totale Sieg des liberalistischen Utilitarismus greifbar nahe, der alles mit einem Preisschild versieht, der in der praktischen Konsequenz seiner Maxime vom größtmöglichen Nutzen zwischen Opportunismus und Egoismus oszilliert. Dann gibt es keine absoluten Werte mehr, keine unbedingte Pflicht. Und das Absolute? Gott? Bewahre! Mit der Abtreibung, der systematischen Einrichtung zur Tötung des eigenen Nachwuchses, steht alles zur Disposition.

Moralische Maßstäbe gehen verloren, Gut und Böse verlieren ihre Bedeutung. Denn wo sonst ist die Zuschreibung zeit-, raum- und kulturübergreifend so eindeutig wie beim Lebensrecht des Menschen beziehungsweise beim Tötungsverbot? Wer dafür ist, handelt gut, wer dagegen handelt, ist böse. Das steht nun in Frage. Die philosophische Ethik heute versucht ohne sie, ohne Gut und Böse auszukommen, sucht die Moralität „jenseits“ der grundlegenden Werturteile (Nietzsche), analog zur Epistemologie, die vor 80 Jahren das Konzept „Wahrheit“ verabschiedet hat. Der Subjektivismus hat auf beiden Gebieten eine Wüste der Beliebigkeit hinterlassen. Unsere Vernunft und unser Gewissen, menschliche Instanzen, die hierbei die rettende Oase bilden sollten, sind überfordert und unvorbereitet. Es gibt in dieser Wüste kein Wasser des Lebens.

Der Verlust der moralischen Maßstäbe zeigt sich am Lebensbeginn, aber auch am Lebensende – Abtreibung und Sterbehilfe fußen auf einer kulturellen Grundlage: das Leben ist verfügbar. Und es zeigt sich auch immer mehr mitten im Leben, am Umgang mit Behinderung. Gerade dann, wenn anhand pränataler Testergebnisse zur Abtreibung motiviert wird, besteht die Gefahr, dass diejenigen, die ihre Geburt erleben, schließlich nichts weiter ernten als Herzlosigkeit, oder auch Bemerkungen der Art, „so etwas“ müsse doch heute „nicht mehr sein“, dafür gebe es doch diese Tests, um „rechtzeitig“ zu handeln. Das Leben an sich steht zur Disposition und das verändert den Blick auf das Leben selbst – es ist nicht mehr selbstverständlich, sondern bedarf einer Rechtfertigung.

Eine solche Kultur des Wertrelativismus hat jedoch auch Auswirkungen auf einzelne Lebensbereiche. Wenn die Würde des Menschen vor der Geburt nicht absolut ist, so wird es immer schwerer, eine solche Absolutheit nach der Geburt zu behaupten und aufrechtzuerhalten. Unmittelbar ersichtlich am Umgang mit Krankheit und Behinderung (über die Tötung behinderter Neugeborener wird wieder in aller Ruhe nachgedacht), mittelbar aber auch am Umgang der Menschen miteinander: ob in der Wirtschaft, die tötet (so Papst Franziskus) oder in den Sozialen Medien, in denen Hass und Verachtung um sich greifen.

Das Thema Abtreibung als Alltagsphänomen führt mithin zu einer anderen anthropologischen Wahrnehmung. Was ist der Mensch? Von der Ehrfurcht dem Heiligen gegenüber, das dem menschlichen Leben innewohnt, ist im vorherrschenden Menschenbild der Gegenwart kaum etwas geblieben, im Gegenteil: Der schöpfungstheologische Gedanke eines gottebenbildlichen Wesens jedes Menschen wird als „unangebrachter Respekt vor der Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens“ (Peter Singer) verhöhnt. Die Würde des Menschen wird somit nicht über den Begriff der Würde, sondern über das Konzept des Menschen ausgehebelt: Nicht der Gegenstand selbst wird in Abrede gestellt („Würde“), sondern dessen Geltungsbereich beschnitten („Mensch“).

Es ändert sich aber auch noch etwas anderes, es ändert sich nämlich auch die Achtung vor der grundlegenden Methode, überhaupt zu moralischen Maßstäben zu gelangen, konkret: es ändert sich die Auslegung des Konzepts der Gewissensfreiheit. Sich bei so etwas „Alltäglichem“ wie Abtreibungen unter Berufung auf das Gewissen zu verweigern, muss in der „Kultur des Todes“ unverstanden bleiben. Erkennbar wird das daran, wie die Öffentlichkeit mit „Verweigerern“ umgeht. Sie gelten als verantwortungslos und selbstherrlich, weil sie der Frau die „nötige“ medizinische „Dienstleistung“ verweigern, auf die sie nun mal ein „Recht“ habe. Zumindest habe derjenige, der die Abtreibung vornimmt oder an ihr mitwirkt, nichts zu befürchten, denn das – die Durchführung einer Abtreibung – wird zweifelsfrei (unter den Bedingungen des § 218 StGB) hierzulande als rechtens wahrgenommen.

Die Gewissensentscheidung ist diskreditiert dadurch, dass sie vor allem auch bei der Abtreibungsthematik eine Rolle spielt, wo sie – in den Augen der Gegenwartsgesellschaft – keine Rolle spielen sollte. Ihr wird allenfalls noch eine historische Funktion zugeschrieben (im Reformationsgedenkjahr ist es Luther, sonst der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der mit „Gewissen“ positiv assoziiert wird), aber heute ist sie – zumal nach dem Wegfall der Wehrpflicht – scheinbar überflüssig. Wir haben doch ein funktionierendes System, und daran hat man sich zu halten. Punkt. Die Regelung der Abtreibung im „Kompromiss“ des § 218 StGB leistet einem Rechtspositivismus Vorschub, der jedes Differenzempfinden von Gesetz und Gerechtigkeit pathologisiert. Systematisch wird übersehen, dass „rechtens“ kein Synonym ist für „gut“. Es mag ein Töten geben, das als „rechtens“ wahrgenommen wird, doch: „Es gibt kein gutes Töten“ (Spaemann). Es ist wichtig, diese Differenz offenzuhalten, gerade als Christ. Das christliche Gewissen wird von Gott her gebildet, und es gilt in ihm der Grundsatz: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Das erfordert Mut, ja, man kann sagen: es ist heldenhaft. Noch einmal Papst Johannes Paul II.: „Jenseits aufsehenerregender Taten gibt es den Heroismus im Alltag, der aus kleinen und großen Gesten des Teilens besteht, die eine echte Kultur des Lebens fördern“ (EV, Nr. 86). Lebensförderliches Teilen – das Teilen materieller Dinge, vor allem aber das Teilen von Sorgen, Ängsten, Nöten und Zeit. Die Menschen, die bei 1000plus wirken, wissen sehr genau, was damit gemeint ist.

Rückblick