„Der Heilige Vater kommt niemals“

Hundert Jahre gemeinsame Geschichte: Was Fatima und die Pontifikate der letzten Päpste miteinander verbindet. Von Julia Wächter

Zehn Jahre nach der Seligsprechung von Jacinta und Francisco pilgerte Benedikt XVI. 2010 nach Fatima. Foto: dpa

Wenn ich doch den Heiligen Vater sehen könnte. Es kommen so viele Leute hierher, aber der Heilige Vater kommt niemals.“ Diese Worte der kleinen Jacinta hat Schwester Lucia, die damals älteste der drei Fatima-Seherkinder, in ihren „Erinnerungen“ festgehalten. Zwei Priester verwiesen Jacinta noch auf die Bedeutung des Heiligen Vaters, und sie hegte sogleich den Wunsch, den Papst in Fatima selbst zu begrüßen. Ihn schloss sie von diesem Zeitpunkt an in ihr Gebet ein und fügte bei all ihren Opfern für Jesus die Worte „und für den Heiligen Vater“ hinzu. In den „Erinnerungen“ schreibt Schwester Lucia weiter: „In ihrer kindlichen Unschuld glaubte sie, der Heilige Vater könne diese Reise wie andere Leute machen.“ Jacintas Wunsch, den von ihr verehrten Heiligen Vater in Fatima zu begrüßen, ging nicht in Erfüllung. Die Seherin starb 1920 im Alter von zehn Jahren.

Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Erscheinung der Gottesmutter war der Tag gekommen. Fatima empfing Papst Paul VI. zum 50. Jubiläum. Auf dessen Wunsch hin nahm auch Schwester Lucia, die aus dem Karmel von Coimbra nach Fatima gekommen war, an der Feier teil. Nach der Heiligen Messe legte ihr der Papst die Hände auf und segnete sie zu Füßen der Gnadenstatue von Fatima. Er begrüßte auch die Angehörigen und nächsten Verwandten der Seherkinder. Doch die Verbindung zwischen Fatima und den Päpsten hat nicht erst mit Papst Paul VI. begonnen.

Bereits am 31. Oktober 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, weihte Papst Pius XII. anlässlich des 25. Jahrestags der Erscheinungen die Welt in der Radioansprache „Regina del santissimo rosario“ dem Unbefleckten Herzen Mariens. Eugenio Pacelli hatte die Bischofsweihe am Tag der ersten Erscheinung Marias in der Cova da Iria, dem 13. Mai 1917, empfangen. Er verfolgte das Anliegen, den Aufruf der Gottesmutter zu erfüllen, die bei der dritten Erscheinung um die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz gebeten hatte. 1942, am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, erneuerte Papst Pius XII. die Weihe im Petersdom. 1944 setzte er den Festtag zu Ehren des Unbefleckten Herzens Mariens für die Gesamtkirche ein. Nach Pius XII. hat auch Johannes Paul II. die Welt sowie Russland dem Unbefleckten Herzen Marias geweiht, ein Weiheakt, der, wie Schwester Lucia bestätigte, im Einklang mit dem Wunsch der Gottesmutter gewesen war. Dies geschah 1984 in Rom vor der Statue Unserer Lieben Frau von Fatima und in geistlicher Einheit mit den Bischöfen der Kirche.

Ohnehin war das Verhältnis zwischen Papst Johannes Paul II. und dem portugiesischen Wallfahrtsort von einer besonderen Verbindung geprägt. Ausgerechnet am Jahrestag der ersten Marienerscheinung von Fatima, am 13. Mai 1981, wurde er auf seinem Weg zu einer Generalaudienz lebensbedrohlich verwundet. Dass der Papst überlebte, grenzt an ein Wunder. „Eine mütterliche Hand“ habe die Flugbahn der Kugel geleitet, so deutete er selbst sein Überleben. Das Attentat sei für ihn eine Mahnung gewesen, den Blick nach Fatima zu richten. Zum Jahrestag des Attentats besuchte er deshalb den Erscheinungsort. Neun Jahre später kehrte er dorthin zurück. Im Jahr 2000 schließlich weihte er der Gottesmutter das neue Jahrtausend und nahm in Fatima die Seligsprechung der Seherkinder Jacinta und Francisco Marto vor. Nach der Feier hatte Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano die Veröffentlichung des dritten Geheimnisses von Fatima angekündigt, das eine prophetische Schau der Kirche im Kampf gegen atheistische Systeme enthält. Es handelt sich dabei um einen Kreuzzug, der von den Päpsten des 20. Jahrhunderts angeführt werde. Im Wortlaut der Aufzeichnungen Lucias wird dieses Szenario unter anderem so beschrieben: „Und wir sahen [...] einen in Weiß gekleideten Bischof; wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war.“ Weiter heißt es, er sei gemeinsam mit anderen Christen auf einen Berg gestiegen, auf dessen Gipfel ein Kreuz stand. Oben angekommen „wurde er von einer Gruppe Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen“.

In der Vision aus dem dritten Geheimnis sah Kardinal Joseph Ratzinger über das Attentat auf Johannes Paul II. hinaus „die Märtyrergeschichte eines Jahrhunderts zusammengefasst“. Dennoch bilde das Attentat „in dieser Leidensgeschichte der Päpste [...] gewiss den Höhepunkt“. Joseph Ratzinger pilgerte als Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 zum Heiligtum, um den zehnten Jahrestag der Seligsprechung der beiden jüngeren Seherkinder zu feiern. Benedikt XVI. war es auch, der sein Einverständnis für die Einleitung des Seligsprechungsprozesses für Schwester Lucia gab. Zudem äußerte er den Wunsch, die Originalmadonna aus der Erscheinungskapelle von Fatima nach Rom kommen zu lassen.

Papst Franziskus setzte die Romreise der Fatima-Madonna in die Tat um. Ein halbes Jahr nach seiner Wahl zum Nachfolger Petri ließ er die Statue Unserer Lieben Frau für die Marianischen Tage, die am 12. und 13. Oktober 2013 als Teil des Programms zum „Jahr des Glaubens“ gefeiert wurden, in den Vatikan bringen. In diesem Rahmen vollzog er die Weihe der Kirche und der Welt an Unsere Liebe Frau von Fatima. Bereits im Mai weihte in Fatima der damalige Kardinal-Patriarch von Lissabon José Policarpo das Pontifikat des Papstes der Jungfrau von Fatima. Es war damit von Beginn an marianisch geprägt und auf Fatima ausgerichtet.

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