Eine Oase der Andacht

Stiller Pfad abseits des Heiligtumsbezirks: Der Ungarische Kreuzweg folgt den Spuren der Seherkinder. Von Andreas Drouve

Eine architektonische Besonderheit. Bei der Stefanskapelle am Ende des Kreuzwegs befindet sich die Kreuzigungsgruppe auf der Dachterrasse. Foto: Drouve

Im Abseits der Betriebsamkeit des Heiligtumsbezirks und des Landstädtchens gibt der Kreuzweg Gelegenheit, Fátima auf eine ganz andere Art zu erleben – im tiefen Einklang mit der Natur.

Vögel zwitschern. Es riecht nach Eukalyptus. Die Luft ist klar und unverbraucht. Olivenbäume, Steineichen und blumenbesetzte Wiesen säumen den Weg, der ein besonderer ist. Fátimas Via Crucis ist als „Ungarischer Kreuzweg“, Calvário Húngaro, bekannt, wie die Beschilderung ausweist. Vor über einem halben Jahrhundert angelegt, stand eine Initiative von ungarischen Pilgern dahinter. Der Kreuzweg beginnt in der Nähe von Fátimas Südkreisverkehr, Rotunda Sul, und hat den Kalvarienberg mit der Stefanskapelle zum Ziel. Diese Strecke in die Hügelwelt um Fátima führt automatisch ein Stück auf die Spuren der Seherkinder Lúcia, Jacinta und Francisco. Denn die Drei waren auf den Vorläuferpfaden genau hier unterwegs. Schließlich befindet man sich zwischen der Erscheinungsmulde Cova da Iria, also dem heutigen Herzstück des Heiligtumsbezirks von Fátima, und Aljustrel, dem Heimatdorf der Kinder.

Entlang des Kreuzwegverlaufs begleiten Tafeln mit Zitaten der Seherkinder und der Gottesmutter die Gläubigen. So ist von der Jüngsten, Jacinta, überliefert: „Ich habe unseren Herrn und unsere Liebe Frau so gerne, dass ich niemals müde werde, ihnen zu sagen, dass ich sie liebe.“ Und von Francisco: „Wie Gott doch ist! Das kann man nicht aussprechen. Aber wie schade ist es, dass Er so traurig ist. Wenn ich ihn doch trösten könnte!“ Und von Maria von ihrer letzten Erscheinung am 13. Oktober 1917: „Man soll Gott unseren Herrn, der schon so sehr beleidigt worden ist, nicht mehr beleidigen.“

Auf dem Kreuzweg fühlt man sich gleichzeitig fern und nah von Fátima. Der Straßenlärm ist verebbt, die Häuser sind verschwunden und mit ihnen die Menschenmassen des Heiligtumsbezirks, die Geschäftig- und Betriebsamkeit. Wer ein Stück Stille und Einkehr sucht, darf sich auf dem Kreuzweg bestens aufgehoben fühlen. Hier kann man die Stimmung tief in sich einwirken lassen und seiner persönlichen Andachtsübung folgen. Vierzehn kleine Kapellen in Tempelform flankieren den geplatteten Weg, auf dem es keiner größeren Kraftanstrengung bedarf. Er ist angenehm und relativ einfach zu absolvieren. Zwischendurch geht es zwar aufwärts, doch kommt der Kalvarienberg ohne alpine Steigungen aus. Jede der kleinen Kapellen stellt mit einem einprägsamen Basrelief eine Szene des Leidensweges Christi heraus.

Je nach Jahres- und Tageszeit ist man allein unterwegs auf dem Kreuzweg. Ebenso gut kann es vorkommen, dass man einer freundlich grüßenden, einsamen Ordensschwester mit einem Rosenkranz in Händen begegnet. Oder Einheimischen, die den Kreuz- als Spazierweg nutzen. Oder Pilgergruppen, die in verschiedensten Sprachen singend und betend voranziehen. Ein ums andere Mal fällt der Blick auf Stechginster, Eukalyptus, Bruchsteinmauern, bemooste Steine und Baumstämme. Licht und Schatten wechseln sich ab, so wie im richtigen Leben. Nach einem Rechtsknick – geradeaus würde es nach Aljustrel gehen – deckt sich der Kreuzweg zwischen der achten und neunten Station mit dem berühmten Erscheinungspunkt Valinhos. Dort kam es am 19. August 1917 zeitlich und geografisch zu einer Ausnahme bei der Abfolge der Marienerscheinungen: nicht am dreizehnten des Monats in der Erscheinungsmulde, sondern hier. „Betet, betet viel, und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet.“

Ein Ehrentempelchen mit einem Marienbildnis zeigt den Erscheinungsort an. Das Monument, das dieses Ereignis festhält, wurde mit Spenden ungarischer Katholiken errichtet. Im Hintergrund ragen Kiefern- und Steineichenzweige in den Himmel. Eine Tafel weist Valinhos ausdrücklich als „Ort des Gebets“ aus. Die Marienskulptur, aus der ein Ausdruck schlichter Güte und Barmherzigkeit spricht, geht auf die portugiesische Bildhauerin Maria Amélia Carvalheira da Silva zurück.

An einer neuerlichen Gabelung geht es rechts hinauf, während ein Linksabzweig ein paar Gehminuten weiterführen würde zu einer Stelle, die man als Loca do Cabeço oder Loca do Anjo kennt; dort ereigneten sich im Frühling und Herbst 1916 die erste und dritte Engelserscheinung vor den Hirtenkindern. Dieser Abstecher lässt sich idealerweise für den Rückweg aufsparen.

Endpunkt des Kreuzwegs ist das Hügelplateau mit einem von Oliven und Steineichen bestandenen Freiplatz. Ein fünfzehntes Tempelchen thematisiert die Auferstehung Christi auf dem Relief. Die moderne, in Außenansicht nüchtern wirkende Kapelle ist dem in Ungarn hochverehrten heiligen Stefan geweiht. Im Innern der Stefanskapelle, die auf Portugiesisch Capela de Santo Estevao heißt, thematisiert ein farbiges Deckenmosaik von Peter Propok die Erscheinung Mariens über den Hirtenkindern. Außen führen Treppen auf die Dachterrasse mit einer Skulpturengruppe um den Gekreuzigten und einer Aussicht ins Grün und hinüber auf Teile des Landstädtchens. Und hier stellt sich aufs Neue das erwähnte Gefühl von unterwegs ein: gleichzeitig fern und nah von Fátima zu sein.

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