Wo sich Himmel und Erde berührten

Ein Ausflug nach Aljustrel: Wo die Seherkinder Lucia, Jacinta und Francisco zur Welt kamen und dem Engel Portugals begegneten. Von Andreas Drouve

In diesem schlichten Bauernhaus kamen Francisco und Jacinta zur Welt.Foto: Drouve

Aljustrel hätte mutmaßlich niemals den Grad des Erwähnenswerten erreicht – wäre es nicht das Heimatdorf der Seherkinder Lúcia, Francisco und Jacinta gewesen. Zwei Kilometer außerhalb des Heiligtumsbezirks von Fátima gelegen, war es ein Dorf in der tiefsten Provinz Mittelportugals. Hier ging es denkbar einfach zu. Darüber gibt ein volkskundliches Museum Aufschluss, doch der Fokus des Ausflugs liegt auf der Spurensuche der Seherkinder. Zur Zeit der Erscheinungen floss der Rhythmus des Lebens in Aljustrel und Umgebung traditionell gemächlich dahin. Er wurde bestimmt durch die Jahreszeiten, die Agrar- und Viehwirtschaft, Feldarbeiten, die Ernten, das Hüten kleiner Herden. Hier kannte jeder jeden, seine Gewohnheiten, den typischen Ablauf des Tages. Luxus konnte sich niemand leisten. Wer hier lebte, lernte von kleinauf, mit wenig auszukommen und genügsam sein zu müssen. Die Selbstversorgung war essenziell, manchmal kam es zu Tauschhandel. Zu den Wohnhäusern gehörten bescheidene Küchen und eine ebenso bescheidene Vorratswirtschaft. „Am Abend fand sich jede Familie um das Herdfeuer zusammen, zum Abendessen und zum Dankgebet für die Gaben Gottes“, heißt es in einer Lokalschrift. In der Gegend war seinerzeit professionelle Gesundheitsversorgung fremd, die Hausgeburt üblich – und die hohe Kindersterblichkeitsrate auch.

In Aljustrel lagen die Wohnhäuser der miteinander verwandten Familien Santos und Marto wenige Gehminuten voneinander entfernt. Damals verliefen dort staubige Steinwege, heute sind die Sträßchen selbstverständlich asphaltiert. Im Santos-Haus kam am 22. März 1907 Lúcia de Jesus zur Welt, im Marto-Haus ihr Cousin Francisco am 11. Juni 1908 und dessen Schwester Jacinta am 11. März 1910. Die Häuser sind restauriert und regelmäßig besuchbar.

Sieht man einmal von den Andenkenshops und den Pilgern ab, die sich von Fátima aufgemacht haben, den Spuren der Seherkinder zu folgen, hat sich das Aljustrel von heute auf erstaunliche Art die dörflich-friedliche Atmosphäre bewahrt. Wer die Uhr um ein Jahrhundert zurückdreht und ein wenig die Fantasie aktiviert, kann sich leicht vorstellen, wie die drei Seherkinder ab Aljustrel ins Umland aufbrachen, sich in der sanften Hügellandschaft um die Herde kümmerten – und bei den Engels- und Marienerscheinungen plötzlich gewahr wurden, wie sich Himmel und Erde berührten.

Das einfache Elternhaus Lúcias datiert in seinen Ursprüngen aus dem Jahr 1885. Obgleich in den 1980er Jahren hinlänglich restauriert, fühlt man sich wie in einer Zeitblase. Im Innern spielte sich, wie überall üblich, das Familienleben in denkbarster Enge ab. Im Hauptraum tickt eine Wanduhr, ein Abzweig führt ins Schlafzimmer der Eltern Maria Rosa und António dos Santos. Dort wurden Lucia und ihre älteren Geschwister geboren. Ein gemachtes Bett steht dort, eine Wiege, eine Minitruhe. Daneben liegt das Zimmer von Lúcia und ihrer Schwester Carolina. Die Wände sind kalkweiß, wie auch im Elternschlafzimmer. Mehr Mobiliar als zwei Betten und ein Holzstuhl passt kaum hinein; vor dem Holzfenster steht ein kleines Kreuz.

Lúcia persönlich war es, die in fortgeschrittenem Alter das Anwesen dem Heiligtum von Fátima schenkte. Während der Zeit der Erscheinungen fanden im Haus die ersten Befragungen der Seherkinder statt. Und im Garten, so ist bekannt, spielten die drei kleinen Hirten unter Feigenbäumen und versteckten sich später vor nahenden Pilgern und Schaulustigen.

Ein kurzer Weg führt ab Lúcias Elternhaus zu Fuß zu einem Garten mit dem Poço do Arneiro, jenem Brunnen, wo sich im Laufe des Jahres 1916 die zweite der drei Engelserscheinungen vor den Kindern zutrug. Den Erinnerungen Lúcias zufolge dürfte dies im Hochsommer gewesen sein. Eine helle Skulpturengruppe, ein Werk der Bildhauerin Maria Irene Vilar, zeigt die Stelle an. „Betet viel!“, forderte der Engel die Kinder im Dialog mit Lúcia auf und fuhr mit folgenden Worten fort: „Die Herzen Jesu und Mariä haben mit euch Pläne des Erbarmens. Bringt dem allmächtigen Gott ohne Unterlass Gebete und Opfer dar.“ Die Erscheinung gab sich wortwörtlich als „Schutzengel, der Engel Portugals“ zu erkennen und mahnte: „Vor allem nehmt das Leid an, das Gott euch schickt, und ertragt es in Ergebung.“

Der Brunnen von Arneiro war auch der Schauplatz einer Vision Jacintas vom Heiligen Vater, der weinend und knieend in einem großen Haus betete. Die beiden anderen Engelserscheinungen fanden außerhalb von Aljustrel an einem Platz im Wald statt, der seither als Loca do Cabeço oder Loca do Anjo bekannt ist.

Im Haus der Familie Marto, 1888 erbaut und zu Beginn dieses Jahrtausends restauriert, hält sich der Geist der kleinen Seher Francisco und Jacinta lebendig. Für Francisco, der einen kontemplativen Charakter besaß und der Stunden damit verbringen konnte, einzig an Gott zu denken, schloss sich hinter den stabilen, dicken Mauern des Hauses der Kreis von Leben und Tod. Hier verstarb er im Alter von knapp elf Jahren an einer Infektionskrankheit; verschiedene Quellen weisen auf eine Lungenentzündung oder die Spanische Grippe. Im Sterbezimmer fällt der Blick auf das gemachte Bett und ein paar Kleidungsstücke an einem Wandhaken. In einem anderen winzigen Raum erblickten er, Jacinta und ihre Geschwister als Kinder der Olímpia de Jesus und Manuel Marto das Licht der Welt. Zudem verbrachte die schwer erkrankte Jacinta in diesem selben Zimmer eine Zeit, bevor man sie nach Lissabon brachte, wo sie am 20. Februar 1920 starb. Sie wurde nicht einmal zehn Jahre alt. Die Schicksale der frommen Kinder sind beim kurzen Hausrundgang unweigerlich präsent – und berühren. Und es kommen die Worte Jacintas in den Sinn, die einmal gesagt hatte: „Ich leide viel, aber ich opfere alles für die Sünder auf, um dem Unbefleckten Herzen Mariens Sühne zu leisten.“

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