Von Basilika zu Basilika

Ein Spaziergang durch den Heiligtumsbezirk rund um die Cova da Iria. Von Andreas Drouve

Auf den Knien legen viele Portugiesen die letzte Wegstrecke zur Erscheinungskapelle (links) in der Cova da Iria zurück. ... Foto: Drouve

Ja, ich schaffe das.“ Joaos Körpersprache ist eindeutig. Es handelt sich um ein Gelübde. Entschlossen legt er Knieschoner an, zieht die Schuhe aus und steckt sie in eine Tüte, fällt auf die Knie und beginnt den schmerzhaften Weg über den weiten Platz. Andere haben ihr Ziel, das in Sichtweite liegt, fast erreicht: die Erscheinungskapelle. Sie ist das Herzstück des Heiligtumsbezirks, der Dreh- und Angelpunkt der Wallfahrten nach Fátima in der sogenannten Erscheinungsmulde Cova da Iria. Über der berühmten Steineiche erschien die Gottesmutter zwischen Mai und Oktober 1917 drei Hirtenkindern: Lúcia, Franciso und Jacinta.

Im seitlichen Mittelteil des ovalen Heiligtumsbezirks zieht die lichterfüllte Erscheinungskapelle von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht Beter an. Bereits 1919, zwei Jahre nach den Erscheinungen, wurde die erste Kapelle errichtet.

Ein Attentat im März 1922 zerstörte sie bis auf die Grundmauern. Die heutige Kapelle ist wiederaufgebaut, modernisiert und von einem weiträumigen Überbau eingefasst. Über einem Marmorblock steht die Marienskulptur hinter Schutzglas. Der Bildhauer Jose Ferreira Thedim schuf die Fatima-Originalstatue nach Anweisungen der Seherin Lucia dos Santos (1907–2005). In ihrer Krone ist das Projektil einer Kugel eingelassen, die den heiligen Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz traf. Der Papst schrieb seine Rettung der Fürsprache Unserer Lieben Frau von Fatima zu. Die Längsenden des Heiligtumsbezirks steckt zum einen die Rosenkranzbasilika, zum andern die moderne Dreifaltigkeitsbasilika ab. Majestätisch und etwas erhöht ragt die Rosenkranzbasilika am Nordende des gewaltigen Freiplatzes mit ihrem 65 Meter hohen Turm in den Himmel. Der Turm trägt ein Kreuz und eine goldglänzende Krone, am Abschluss des unteren Turmdrittels ist eine große Nische mit dem Bildnis des Unbefleckten Herzens Mariens gefüllt, das gleichsam alle Ankömmlinge begrüßt. Diese weiße Skulptur der Gottesmutter misst knapp fünf Meter.

Die Grundsteinlegung der Basilika – offizieller Name: Basilika Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, Basílica de Nossa Senhora do Rosário – erfolgte 1928, die Weihe 1953. Beidseits der Hauptfassade fließen Säulengänge ab, darunter steigt die Monumentaltreppe vom Freiplatz her an. Bei Sonne werden die hoch aufgerissenen, symmetrisch geschwungenen Säulengänge von Schatten-Licht-Spielen durchflutet. Farbige Kachelmosaike an den Wänden zeigen Stationen des Kreuzwegs. Über den Kolonnaden sind vier größere Statuen portugiesischer Heiliger platziert: Johannes von Gott (1495–1550), Johannes de Brito (1647–1693), der aus Lissabon gebürtige Antonius von Padua (1195–1231) und Nuno de Santa Maria (1360–1431). Die kleineren Heiligenskulpturen über den Arkaden zeigen wegweisende Persönlichkeiten wie Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz und Ignatius von Loyola.

Exakt siebzigeinhalb Meter lang ist das Innere der Alten Basilika. Als Details fallen die Weihwasserbecken in Muschelform auf, während das Großgemälde im Altarraum auf etwas eigene Art die Botschaft Unserer Lieben Frau an die Seherkinder darstellt; das Relief darüber zeigt die Krönung Mariens. Maßgeblich für Ankömmlinge ist der Besuch an den Gräbern der Seherkinder. In der vorderen Kapelle rechts hat der kleine Francisco seine letzte Ruhe gefunden, vorne links liegen Jacinta und Lúcia nebeneinander. Die Grabstätten sind schlicht gehalten, in die Körbchen davor legen Gläubige Blumengaben ab. Wendet man vor dem Altarraum den Blick zurück Richtung Hauptfassade, wird man der Breite der Empore mit ihrer Orgel gewahr, einem Monumentalinstrument mit 12 000 Pfeifen, bei denen die größte elf Meter und die kleinste neun Millimeter misst. Bei Dunkelheit wird die Fassade der Basilika schön angestrahlt, dann leuchtet der Kreuzaufsatz auf dem Turm.

Auf Dauer waren die 650 Plätze der Alten Basilika zu knapp bemessen, um die Vielzahl der Fátima-Pilger bei großen Gottesdiensten aufzunehmen. So entstand 2004 bis 2007 nach Plänen des griechischen Architekten Alexandros Tombazis am Gegenende des Heiligtumsbezirks die Basilika der heiligen Dreifaltigkeit, Basílica da Santíssima Trindade. Die Ausmaße sind gigantisch, der Bau bringt es in Kreisform auf einen Durchmesser von 125 Metern. Das Innere bietet 8 633 Sitzplätze für Gläubige – und es gibt Platz für eine Hundertschaft Konzelebranten. Hinter dem Altarraum sprengt allein das 500-Quadratmeter-Mosaik die herkömmlichen Dimensionen; das Hauptmotiv inmitten dominanter Gold- und Gelbtöne liegt auf dem himmlischen Jerusalem. Den Kunst- und Mammutdimensionen der Neuen Basilika entsprechen die zwölf Seitenportale. Jedes der Portale ist acht Meter hoch und komplett aus Bronze gearbeitet. In der Mitte der Bronzeflächen findet sich je eine Zitatgravur aus dem Neuen Testament und der Name je eines Apostels.

Die modernen Architektur- und Kunstnoten der Neuen Basilika dürften nicht jedermanns Geschmack treffen und besinnliche Glaubensstimmung transportieren. Und auch im nahen unterirdischen „Bereich der Versöhnung“ mit den Beichtstühlen und der Kapelle des Todes Jesu kann es vorkommen, dass sich allzu ernüchternde Eindrücke der Moderne einstellen. Nüchtern und zweckmäßig ist auch der Rektoratsbau an der Nordostseite des Freiplatzes gehalten, doch in den Tiefen steckt die museale Dauerausstellung „Fátima – Licht und Frieden“. Dort lohnt unbedingt ein Blick hinein, denn in den Vitrinen finden sich wertvolle Gaben präsentiert, die Wallfahrer dem Heiligtum vermacht haben: Ohrringe, Armbänder, Ketten, Amulette, Kelche, Kerzenhalter, Kronen, Hostienteller. Hochzeitskleider und Bootsmodelle sind ebenso vertreten wie Elfenbeinschnitzereien, Rosenkränze aus verschiedenen Materialien und Ausstellungsstücke von Papst Johannes Paul II., darunter jene in eine Krone eingefasste Kugel, die seinen Körper beim Attentat 1981 in Rom durchbohrte.

Fátimas schönster Platz ist und bleibt die Erscheinungskapelle. Ja, es stimmt, dass über Tag ein permanentes Kommen und Gehen herrscht. Ja, es stimmt, dass viele Messen und Rosenkranzgebete hier terminiert sind. Doch am frühen Morgen und spät abends ist häufig die ideale Zeit, um sich in Stille zur persönlichen Andacht einzufinden – und der wahren Aura von Fátima nachzuspüren.

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