„Licht in der Geschichte“

Warum Fatima mir Hoffnung gibt, dass Gott alle Mauern überwindet. Von Erzbischof Heiner Koch

Der Mauerbrecher auf dem Stuhl Petri: Eine Statue im Pilgerbezirk erinnert an den heiligen Johannes Paul II. Foto: Fotos: reg/KNA

Sicherlich, ich werde in Berlin zwei besondere festliche Gottesdienste aus Anlass des hundertsten Jahrestages der Marienerscheinungen von Fatima feiern. Aber ich bin mir genauso sicher, dass weder die Medien von diesen Gottesdiensten und ihrem Anlass berichten werden, noch dass die Berliner Gesellschaft überhaupt etwas von den Ereignissen von Fatima weiß, geschweige denn um deren Geheimnisse und die Botschaft der Mutter Gottes, die auch für sie so wichtig wäre. Wie sollen Wunder, also auch die Wunder von Fatima, jemanden, der fest von der Nichtexistenz Gottes überzeugt ist, auch etwas bedeuten? Allenfalls werden sich manche in den Begründungen ihres Atheismus angesichts mancher Aussagen an die Kinder von Fatima bestärkt sehen: „Unser Nichtglauben ist ein Akt der Freiheit eines großen und mündigen Menschen: Gut, dass es keinen Gott gibt, erst recht keinen, der sich vor mir mit seinen Ge- und Verboten aufbaut und uns seine Strafen androht. Wir sind so frei: Gott sei Dank, dass es keinen Gott gibt!“

Sie würden zudem auf Zahlen verweisen, die ein Eingreifen eines Gottes, der angeblich ein Herz für die Menschen hat, anscheinend konterkarieren, gerade in dem, was die Botschaft von Fatima zutiefst über die Barmherzigkeit Gottes verkündet: Seit dem Fall der Mauer und dem Ende des sogenannten kalten Krieges sind in mehr als 30 Bürgerkriegen mehr als zehn Millionen Menschen getötet worden, starben 170 000 Opfer durch Terroranschläge, 65 Millionen Menschen waren auf der Flucht: Wie kann ein guter, in die Geschichte der Menschheit eingreifender Gott so viel Elend und Leid des Menschen zulassen?

Die Kinder von Fatima sahen tiefer und weiter

Dabei sind hier in Berlin die allermeisten Menschen zutiefst dankbar für das Ende der Spaltung Berlins und Deutschlands. Sie sind dankbar um der Freiheit der Menschen willen, allen, die dem kommunistischen System jahrzehntelang widersprochen und widerstanden haben. Sie sind sicherlich auch dankbar den Kirchen, die zumindest in nicht unerheblichen Teilen diese Freiheitsbewegung mitgetragen und ihr Schutz und Raum geboten haben. Sie sind dankbar denen, die außerhalb Deutschlands diese Freiheitsbewegung hin auf den Fall der Mauer zugelassen und gefördert haben: Michael Gorbatschow gehört für sie genauso dazu wie die Gewerkschaft Solidarnosc und Papst Johannes Paul II. Dass Geschichte aber letztlich immer eine Geschichte ungewollter Zufälligkeiten ist, zeigte die Bekanntgabe der neuen Reiseregelung für DDR-Bürger durch ZK-Sekretär Günter Schabowski am 9. November 1989 mit seinen hilflosen, wohl ihn selbst erstaunenden Worten. Ist Geschichte aber wirklich nur Zufallsgeschichte? Ist sie wirklich nur eine Aneinanderreihung von Kausalitäten? Ist sie wirklich nur Machwerk menschlichen Geistes und Handelns?

Die Kinder von Fatima sahen tiefer und weiter und nahmen damit teil an der weiten Sicht des Glaubens der Mutter Gottes, die ihnen erschien. Ihr Horizont war nicht begrenzt auf das, was offensichtlich vor ihren Augen lag. Ihr Lebens- und Erfahrungshorizont war weiter als der des Menschen, für den die Fakten der Naturwissenschaften und einer ergreifbaren und fassbaren Geschichte alles ist. Für sie, wie für alle Christen, gab und gibt es eine größere Realität. Sie und wir glauben an eine größere Realität, wie sie etwa im Sonnenwunder deutlich wurde: Es gibt ein Licht in unserer Geschichte, es gibt einen Gott, der über alles menschlich begrenzte Wahrnehmen weit hinausgeht und dieses trägt und umfängt.

Gegenüber der atheistischen Sichtweise der Geschichte lassen wir Christen uns nicht beschränken auf den Glauben so vieler Zeitgenossen, dass das Leben unseres erfass- und begreifbaren Kosmos und seiner Geschichte alles ist. Der christliche Glaube führt in die Weite des Sehens. Er sieht in allem Gott und sein Wirken. Er sieht, dass die Geschichte, auch mit ihren dunklen Seiten, letztlich Teil der Heilsgeschichte Gottes ist. Der christliche Glaube ist der Glaube an den geschichtlich wirkenden Gott, der die Zeit erschaffen hat, der in die Zeit hineingekommen ist und der die Zeit in der Ewigkeit vollenden wird. Dabei können wir letztlich nie erfassen, geschweige denn bestimmen und erklären, wie der unbegreiflich große Gott in unserem Leben und im Leben unserer Gesellschaft präsent ist und wirkt. Gott übersteigt auch in seinem Wirken unser Verstehen und Denken und Fühlen. Maria hat dies erfahren und gläubig angenommen. Schon gar nicht können wir nach menschlichem Denken Gottes Handeln erzwingen: Wir geben eine Vorleistung, der entsprechend Gott handeln muss.

Wenn die Seele von der Wirklichkeit berührt wird

So klein denken wir nicht von Gott, aber wir sind aufmerksam, achtsam und offen für das Wirken Gottes in unserer Welt und in unserem Leben. Im Hinblick auf die Erscheinung von Fatima hat in diesem Sinne Josef Kardinal Ratzinger geschrieben, die Visionen seien „keine Frage einer normalen äußeren Sinneswahrnehmung“, aber auch nicht bloß fromme Einbildung. Die Seele der Seher werde von etwas „Realem berührt, auch wenn es jenseits der Sinne liegt“. Die Offenheit für diese Dimension des Lebens und der Welt zeichnet die Hirtenkinder als wahrhaft sehende Christen aus. Diese tiefere Sicht wird zur Quelle des Vertrauens auf den Gott, der unser Leben und unsere Geschichte in seinem guten Blick behält, und auf eine Zukunft hin, in der wir nicht mehr durch einen Spiegel sehen werden, sondern von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkennen wir stückweise, dann aber werden wir erkennen, gleich wie erkannt wir sind (vgl. 1 Korinther 13,12).

Die Mauer von Berlin ist vor gut einem Vierteljahrhundert gefallen. Dank sei Gott! Dank sei Gott, der auch in und durch so viele Menschen damals und in den Jahren davor wirkte. Viele Mauern sind seitdem aufgerichtet worden und werden aufgebaut: an der Grenze der USA, Israels und Europas. Ich erlebe Mauern zwischen den Menschen und in unserer Gesellschaft, vor allem aber sehe ich Mauern, die Menschen Gott gegenüber errichten: „Mit dem wollen wir nichts zu tun haben.“ Das Wunder der Weite von Fatima gibt mir Hoffnung, dass auch diese Mauern fallen werden, weil Gott seit Ostern immer wieder die Mauern unserer Gräber sprengt. Auf dieses Wunder von Berlin hoffe ich und im Glauben an dieses Wunder und im Warten auf dieses Wunder hin sind wir Christen und die Kirche in Berlin sehr stark. Ich bin sicher, Maria wird uns auch in Berlin nicht alleine lassen.

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