Ein Kreislauf der Liebe

Beichten bedeutet für den Menschen eine elementare Erfahrung des göttlichen Heils. Von Erzbischof Nikola Eterovic

Der Apostolische Nuntius in Deutschland: Erzbischof Nikola Eterovic. Foto: KNA
Der Apostolische Nuntius in Deutschland: Erzbischof Nikola Eterovic. Foto: KNA

Als Johannes der Täufer geboren wurde, pries sein Vater Zacharias Gott, der sich in seiner Allmacht ihm und seiner Frau Elisabeth gegenüber so barmherzig gezeigt und einen lange erhofften Sohn geschenkt hat. Zacharias singt: Gott wird „sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der Sünden“ (Lk 1, 77). Schon hier klingt das Hauptthema der Verkündigung des Johannes des Täufers an, wie auch seine Verwirklichung im öffentlichen Wirken Jesu Christi, des fleischgewordenen Sohnes Gottes: Sündenvergebung ist Heilserfahrung.

Für diese Erfahrung braucht es die Umkehr oder die Hinkehr zu einem neuen Anfang. Johannes ruft wie eine Stimme in der Wüste und „verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden“ (Mk 1, 4). Schon diese Taufe des Johannes will etwas Neues andeuten, das aber noch nicht wirklich angebrochen ist. Das Wasser der Reinigung des Leibes vom Dreck der Straße ist noch nicht zum Wasser zur Reinigung der Seele vom Schmutz der Sünde geworden. Aber schon merken die Menschen, hier beginnt etwas Neues, etwas, das verdient, gehört zu werden. Johannes ist der letzte der Propheten. Er ist aber auch der erste, der nicht darüber klagen muss, die Menschen wollten ihn nicht hören. Von überall kamen sie zu ihm (vgl. Mt 3, 5).

Wie anders klingt das beim Propheten Sacharja: „Seid nicht wie eure Väter, denen die früheren Propheten verkündeten: So spricht der Herr der Heere: Kehrt doch um von euren heillosen Wegen und von euren heillosen Taten. Aber sie hörten nicht und schenkten mir kein Gehör“ (Sach 1, 4). Verstockte Herzen und verstopfte Ohren machen jeden Wunsch zum Guten letztlich zunichte.

Mit Johannes erhebt sich die Morgenröte des Heils, das in der Person Jesu in den Jordan steigt, um getauft zu werden. Nicht, weil er gesündigt hätte, sondern weil Gottvater vor den Menschen durch den Heiligen Geist Zeugnis für den Sohn ablegen will: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ Mk 1, 11). Die Menschen am Jordan werden Zeugen einer Heilserfahrung, die sie so nicht erwartet hatten. Ihre Umkehr, ihr Neuanfang geschieht, indem ihnen das Heil in der Gestalt Jesu entgegenkommt. Das ist das Neue, das so lange erwartet wurde und sich erst langsam, dann aber immer mehr herumspricht: der Entgegenkommende ist der Messias, ist Jesus, der Christus, „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1, 29).

So wie die heilige Eucharistie den geistigen und leiblichen Menschen jeden Tag nährt, so wird im regelmäßigen Empfang des Sakramentes der Versöhnung das Heil erfahrbar: Der gute Gott zeigt mir im Angesicht seines Sohnes seine Barmherzigkeit. Es ist der Wille Jesu, die Sünden zu vergeben. Dazu hat er den Priestern die Vollmacht gegeben: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“ (Joh 20, 23). Die göttliche Barmherzigkeit wirkt in mir durch den Heiligen Geist und führt mich aus der Erstarrung, aus der Verhärtung des Herzens zur wahren Freiheit des Christen. Somit ist das Bußsakrament eine wahre Erfahrung des Heils, das dem sündigen Menschen geschenkt wird, wenn er dazu bereit ist, besser werden zu wollen.

Der Heilige Vater Franziskus hat uns das Heilige Jahr der Barmherzigkeit geschenkt, das mit dem kommenden Fest des Christkönigssonntags zuende gehen wird. Die Pforten der Barmherzigkeit wurden in Rom und überall auf der Welt – so auch in Deutschland – weit geöffnet, damit wir zur Heilserfahrung Gottes gelangen können. „Gottes Barmherzigkeit ist nicht eine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Wirklichkeit“, schreibt der Papst in der Bulle Misericordiae vultus, mit der er das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat (6). Unser Glaubenszeugnis kann daher niemals abstrakt sein, sondern äußert sich vornehmlich in den Werken der Barmherzigkeit, den leiblichen wie geistigen. Das Angesicht der Barmherzigkeit Gottes ist unser Herr Jesus Christus, er uns eindringlich mahnt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Die wahre Freiheit, die uns das Sakrament der Versöhnung schenken will, lässt den Christen konkret das Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten leben (vgl. 12, 29–31). Die Liebe, die im Antlitz des Herrn Jesus menschliche Züge bekommt, wird im christlichen Tun zum Glaubenszeugnis dafür, dass Gott die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8.16). „Diese Liebe ist sichtbar und greifbar geworden im ganzen Leben Jesu“ (Misericordiae vultus 8). Der dreifaltige Gott will jedem, der getauft ist, im Sakrament der Buße dieses liebende und barmherzige Angesicht zuwenden und zur Erfahrung des Heils führen. Und aus dieser je eigenen und persönlichen Heilserfahrung wirkt der Christ hinein in sein familiäres und soziales Umfeld. Insofern ist die Beichte immer auch darauf ausgerichtet, im Sozialen wirksam zu werden.

Das Sakrament der Versöhnung gehört also in das christliche Leben, in das Zentrum der Betrachtung des Lebens eines jeden Christen. Wer sich der Gewissenserforschung entzieht und sich keine Rechenschaft mehr über sein Handeln und Unterlassen gibt, erstarrt. Häufig ist diese Erstarrung nichts anderes, als sich selbst gut zu nennen, ohne gut zu sein, oder sich selbst als liebend zu sehen, aber diese Liebe nicht als Zeugnis für den Gott, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8.16), zu zeigen. Die menschliche Liebe ist nicht ohne Wert, ganz sicher nicht, doch für den Christen gehört zum Glaubenszeugnis, dass er liebt, weil er von Jesus Christus zuerst geliebt worden ist. Daher ist die Vergebung in der Beichte eine Erfahrung der Barmherzigkeit, die den Christen dazu drängt, ebenfalls barmherzig zu sein: „Die Vergebung von begangenem Unrecht wird zum sichtbarsten Ausdruck der barmherzigen Liebe, und für uns Christen wird sie zum Imperativ, von dem wir nicht absehen können“ (Misericordiae vultus 9). Wir können nicht davon absehen, weil die Liebe Christi uns drängt (vgl. 2 Kor 5, 14), dass unser Glaube wirksam wird in der Liebe (vgl. Gal 5, 6). Die Wirkung des Bußsakramentes will fruchtbar sein in der Wirksamkeit unseres Glaubens aus Liebe.

Es braucht gerade in unserer Zeit und für jeden Getauften die Erfahrung des Heils, die gerade im Sakrament der Versöhnung spürbar wird. Hierzu gehört auch die Fähigkeit zur Selbstkritik. Sie verhindert, menschlichen Fähigkeiten alles zuzuschreiben. Christen können nicht wahrhaft und glaubhaft handeln, ohne in lebendiger Beziehung mit Gott zu leben. Wo diese Beziehung zerbricht, existieren sie, als gäbe es Gott nicht. In diesem Zustand scheinen heute viele Menschen zu leben. Für Christen ist es daher unverzichtbar, das Denken und Tun und auch das Lassen in den Kreislauf der Liebe zu stellen, wie es uns Jesus Christus lehrt:„Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. ... Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15, 5.9). Es lohnt sich also, im Sakrament der Versöhnung die Erfahrung des Heils zu machen: in seiner Liebe zu bleiben und zu lieben!

Der Autor ist Apostolischer Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland.

 

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