Wie ein Leuchtturm im Hafen

Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit klingt aus: Beim Sakrament der Versöhnung geht es um Begleitung, Unterscheidung und Einbeziehen. Von Kardinal Reinhard Marx

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Kardinal Reinhard Marx: Statt Verantwortung wächst die Abgrenzung. Foto: dpa

Mit Überzeugung stellen wir das Sakrament der Versöhnung erneut ins Zentrum, denn darin können wir mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen.“ So heißt es in der Verkündigungsbulle Misericordiae vultus von Papst Franziskus zum Außerordentlichen Jubiläum der Barmherzigkeit. Was ist daraus in der pastoralen Praxis geworden? Hier und da hat das Bußsakrament im Jahr der Barmherzigkeit zweifellos Bedeutung gehabt. Von Anzeichen eines großflächigen neuen Aufblühens des Bußsakramentes ist mir jedoch nichts bekannt, auch wenn ich in München kleine Anzeichen eines neuen Interesses am Bußsakrament feststelle. Angesichts der pastoralen Praxis ist es nicht einfach, heute etwas über die Beichte zu sagen – zumal, wenn man dabei weder an der Realität vorbeireden noch ins Klagen oder Anklagen geraten möchte. Das Bußsakrament wird nur noch in sehr geringem Umfang praktiziert, darüber darf man sich nichts vormachen.

Aber das Grübeln darüber will ich einmal beiseitelassen und stattdessen fragen, was das Bußsakrament sein und bedeuten könnte, und wie es in das Gesamt der Vision einer barmherzigen und den Menschen zugewandten Kirche hineinpasst, die Papst Franziskus entfaltet, warum wir also die Beichte als wunderbares Instrument einer „anspruchsvollen Seelsorge“ neu entdecken sollten.

Anknüpfen möchte ich am pastoralen Dreiklang von Begleiten, Unterscheiden und Einbeziehen, den der Papst in Amoris laetitia im Hinblick auf das formuliert, was er mit „Zerbrechlichkeit“ bezeichnet: „Auch wenn sie stets die Vollkommenheit vor Augen stellt und zu einer immer volleren Antwort auf Gott einlädt, muss die Kirche ihre schwächsten Kinder, die unter verletzter und verlorener Liebe leiden, aufmerksam und fürsorglich begleiten und ihnen Vertrauen und Hoffnung geben, wie das Licht eines Leuchtturms im Hafen oder das einer Fackel, die unter die Menschen gebracht wird, um jene zu erleuchten, die die Richtung verloren haben oder sich in einem Sturm befinden.“ (AL 291) Er beschreibt mit seinem Modell einer Pastoral, die begleitet, unterscheidet und eingliedert eine Seelsorge, die sehr gut mit dem Grundanliegen des Bußsakraments zusammenpasst, denn wir brauchen ja immer wieder Umkehr und Neuanfang, damit unser Leben in der Spur des Evangeliums bleibt.

Begleiten: Das Bußsakrament ist eng mit dem Aspekt der Begleitung verbunden. Durch den wiederkehrenden persönlichen Kontakt zwischen den Gläubigen und ihrem Seelsorger besteht die echte Chance, sich durch das Leben begleiten zu lassen. Das gilt auch, wenn es nicht konstant der gleiche Seelsorger ist. Beichte könnte in dieser Hinsicht so etwas wie ein individuelles „In-Kontakt-bleiben“ und „Im-Gespräch-bleiben“ sein. Je nach Lebensumständen ist das mehr oder weniger intensiv. Vielleicht sollte in der Beichtpastoral auch der Aspekt eines „Ich bin für dich da und nehme mir Zeit für dich“ eine größere Rolle spielen.

Kinder sind nach ihrer Erstbeichte vor der Erstkommunion manchmal ganz begeistert davon, dass der Priester ihnen un-geteilte Aufmerksamkeit geschenkt hat. Beichte als Angebot der Lebensbegleitung soll andererseits nicht so etwas wie eine psychotherapeutische Sitzung sein. Das kann und soll die Beichte nicht leisten. Aber sie ist ein Angebot zu einem Gespräch, in dem das eigene Leben im Anspruch des Evangeliums und im Gespräch mit dem Herrn selbst bedacht wird.

Unterscheiden: Das Unterscheiden hat mit einer kritischen Rückschau auf das eigene Leben zu tun. Das Bußsakrament spricht jedem Menschen die Fähigkeit zu, umkehren zu können, nicht in den schlechten Gewohnheiten, nicht im Bösen und in der Sünde verhaftet bleiben zu müssen. Es geht deshalb darum, die eigene Lebenssituation selbst einzuschätzen und zu beurteilen: In welcher Hinsicht kann ich mit mir noch nicht zufrieden sein? Was ist in meinem Leben schiefgelaufen? Was habe ich Böses getan und Gutes unterlassen? Das ist ein Reflexionsprozess, den man Gewissenserforschung nennt.

Natürlich geht es dabei nicht einfach darum, durchzuzählen, wie oft ich jemanden angelogen habe. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt: „Im In-nern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes.“ (GS 16)

Unterscheiden meint: Dieser Stimme einen Resonanzraum im eigenen Leben geben und darüber nachsinnen, wie ihr in der konkreten Lebenssituation Gehör ge-schenkt werden kann. Diese Aufgabe kann auch der Beichtvater dem Beichtenden nicht abnehmen. Er kann ihn dabei klug begleiten, vielleicht Impulse geben, sich als kritisches Gegenüber anbieten, und so Ratgeber und geistlicher Begleiter sein. „Die Kirche ist keine Zollstation“, sagt der Papst, „sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“ (AL 310)

Einbeziehen: Das Eingliedern meint das Hineinnehmen der einzelnen Person in die Gemeinschaft der Glaubenden. Der Priester steht nicht nur für sich, sondern er handelt für Christus und seine Kirche. „Beichtvater zu sein bedeutet, an der Sendung Jesu teilzuhaben und ein greifbares Zeichen der bleibenden göttlichen Liebe zu sein, die verzeiht und rettet.“ (Misericordiae vultus 17) Welches stärkere und wirkmächtigere Zeichen könnte es für die Eingliederung geben als das Sakrament, in dem die Kirche selbst das Handeln Christi vollzieht. Ein persönlicher Reflexions- und Begleitungsprozess wird im Bußsakrament zu gelebter Kirche, die als Ganze erlösungsbedürftige Pilgergemeinschaft ist und auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen bleibt. Im „Ich spreche dich los von deinen Sünden“ sagt der Priester dem Gläubigen zu: „Du gehörst zu uns und miteinander ist uns die Barmherzigkeit Gottes geschenkt!“

So ergibt sich ein Grundverständnis des Bußsakraments, das als Einladung zur Stärkung und zum Rückhalt auf dem Weg des Glaubens verstanden wird. Ganz klar: Damit wird die Beichte noch nicht zum Selbstläufer. Aber vielleicht gelingt es ja doch, einen Neuanfang für dieses Sakrament zu finden. Das wäre wirklich ein Beitrag zur Erneuerung der Seelsorge und zur Evangelisierung.

 

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