Der TÜV für die Seele

Warum die regelmäßige Andachtsbeichte auch heute sinnvoll ist. Von Erzbischof Ludwig Schick

Erzbischof Ludwig Schick. Foto: KNA

Ich bringe keinen um, stehle nicht und bin meiner Frau/ meinem Mann treu, sorge für meine Familie, gehe meiner Arbeit nach, gehe sonntags in meine Kirche.“ So entpflichten sich heute viele „normale Katholiken“ von der Beichte. Tatsache ist: Viele praktizierende Christen begehen keine Todsünden. Aber dennoch ist es auch für sie gut, regelmäßig zu beichten. Das Wort der Heiligen Schrift gilt: „Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt“ (1 Kor 10, 12). Dazu hilft die regelmäßige Beichte der „lässlichen Sünden“ und der Unterlassungssünden, was von der Kirche seit jeher nachdrücklich empfohlen wird. Auch der derzeit gültige Katechismus der katholischen Kirche empfiehlt sie. Der Absatz 1493 lautet: „Wer mit Gott und der Kirche versöhnt werden will, muss dem Priester alle schweren Sünden beichten, die er noch nicht gebeichtet hat und an die er sich nach einer sorgfältigen Gewissenserforschung erinnert. Obwohl es an sich nicht notwendig ist, lässliche Sünden zu beichten, wird dies von der Kirche nachdrücklich empfohlen.“

Die Beichte der lässlichen Sünden wird herkömmlich „Andachtsbeichte“ genannt. Sie war, ist und bleibt eine große Hilfe dafür, dass die Alltags-Christen auch bewusste, engagierte und bekennende Christen bleiben, das heißt treu in den täglichen Gebeten und im Sonntagsgottesdienst, in ihrer Ehe und Familie, im Ordensleben und priesterlichen Dienst, in den beruflichen Pflichten und im Einsatz für Kirche und Gesellschaft.

Im Youcat heißt es dazu unter Nr. 235: „Selbst die Heiligen gingen regelmäßig beichten, wenn es möglich war. Sie brauchten das, um in der Demut und der Liebe zu wachsen und sich vom heilenden Licht Gottes bis in den letzten Winkel der Seele berühren zu lassen.“ Damit das christliche Leben top bleibt und ausstrahlt, ist die regelmäßige Beichte, eventuell verbunden mit geistlicher Begleitung, hilfreich. Die Andachtsbeichte ist eine wichtige und notwendige Hilfe, das eigene Christenleben vor dem Abfall zu bewahren und das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe am Leuchten zu halten.

Jeder Vergleich hinkt, auch der folgende, und dennoch enthält er Wahrheit: Wir haben in Deutschland und in allen modernen Staaten ein ausgeklügeltes TÜV-System, das von allen vernünftigen Menschen bewusst eingehalten und regelmäßig durchgeführt wird, auch wenn es einem nicht immer gleich passt. Wir machen regelmäßig TÜV für Auto, Heizung, Fahrstühle, technische Anlagen, für das Leitungswasser und die Abwässer, für die Nahrungsmittelproduktion und das Gaststättengewerbe et cetera. Der TÜV wird in genau festgelegten Zeitabständen durchgeführt, um Abweichungen von der Norm zu verhindern beziehungsweise gleich zu korrigieren und so vor Schaden zu bewahren.

Selbstverständlich ist die Andachtsbeichte etwas anderes und doch mit dem TÜV zu vergleichen. TÜV für die Seele kann man sie nennen! Sie prüft regelmäßig den Zustand meines Christenlebens: Bin ich in der Spur der Zehn Gebote Gottes, der fünf Gebote der Kirche? Bin ich auf der Spur der Seligpreisungen (vgl. Mt 5, 1–12) und des Hauptgebotes der Gottes- und der Nächstenliebe? Sind meine Lebenswege Glaubenswege? Bin ich ein bekennender und überzeugender Christ? Mit diesen Fragen soll jeder regelmäßig sein christliches Leben in der Andachtsbeichte überprüfen, um auch kleinere Abweichungen und Abfälle davon zu erkennen. Im Bekennen, Bereuen und im Vorsatz, es besser zu machen, sowie dem Versprechen, in Zukunft jede Nachlässigkeit und Sünde zu meiden, durch eine Buße und die Lossprechung, die göttliche Gnade und Kraft schenkt, werden die Schwächen nach und nach überwunden und das Christenleben wird immer strahlender. Und wenn man bei der regelmäßigen Andachtsbeichte auch feststellen und vielleicht bekennen muss, „Es ist immer dasselbe“, dann hat sie davor bewahrt, dass es schlimmer oder schlechter wurde im Christsein und Leben. Aber getrost: Ganz ohne Fortschritte im Guten bleibt keiner, der regelmäßig seine lässlichen Sünden beichtet und die Gnade der Vergebung empfängt! Die Andachtsbeichte, die die lässlichen Sünden vergibt, ist wichtig. Wir sollten wieder mehr in der Kirche von ihr sprechen und sie pflegen.

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