Rückenwind auf dem Weg zur Heiligkeit

Warum es sich lohnt, beichten zu gehen. Von Bischof Karl-Heinz Wiesemann

Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Foto: KNA

Der verstorbene Moraltheologe Klaus Demmer hat die Beichte das vergessene Sakrament genannt. Ein Blick in den normalen Pfarreialltag heute belegt dies. Der Abbruch der Beichtpraxis kam allerdings nicht langsam und schleichend wie etwa der Rückgang der Kirchenbesucher. Zwar erinnere ich mich noch an meine Kaplanszeit im westfälischen Geseke Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Vor Allerheiligen, vor Weihnachten und vor Ostern hörte ich in der Geseker Stadtkirche zusammen mit dem Pfarrer noch stundenlang Beichte, und ich bin bis heute sehr dankbar für diese Erfahrung des Vertrauens, aus der man als Priester zutiefst lebt.

Aber schon damals war der grundsätzliche Bruch unübersehbar. Die meisten Gläubigen hatten die Gewohnheit zu beichten quasi von heute auf morgen wie einen alten Hut, den man nicht mehr trägt, abgelegt. Das hat seine vielfältigen Ursachen, die auch in der Weise der vormaligen Praxis und ihrer schematischen Beichtspiegel begründet sind. Aber der Verlust des Beichtsakramentes hatte und hat enormen Einfluss auf die gesamte pastorale Praxis. Dass Priester immer mehr zu Managern werden und der Beruf für spirituell Interessierte deutlich an Attraktivität verloren hat, hat – neben den vielen strukturellen Herausforderungen heute – auch, und zwar nicht unerheblich, seine Ursache darin, dass die eigentliche geistliche Vollmacht, die den Priester neben der Feier der Eucharistie auszeichnet, nämlich die Sündenvergebung im Namen Jesu Christi, im Pfarreialltag fast nicht angefordert wird.

Trotz dieses drastischen Rückgangs ist jedoch das Bedürfnis nach Annahme und Vergebung nicht geringer geworden. Erkennbar ist dies unter anderem an der steigenden Anzahl von Personen, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen, weil etwas schwer auf ihrer Seele lastet. Doch bei aller Notwendigkeit kann das die Beichte nicht ersetzen, denn dem Psychiater ist es nicht möglich, faktisch Schuld zu vergeben. Erfahrbar wird diese Sehnsucht nach Vergebung, wenn sich geistlich ansprechende Räume oder Zeiten jenseits des normalen Alltags eröffnen. So zum Beispiel an Wallfahrtsorten oder bei besonderen Angeboten wie Nightfever. Priester stehen dort zu Beichte und Gespräch zur Verfügung, und es kommt vor, dass jemand, der nichtsahnend von der Straße in die Kirche eingeladen wurde, überraschenderweise nach dreißig Jahren zur Beichte findet, weil er spürt, dass er mit sich Dinge herumträgt, die der Vergebung bedürfen.

Ohne Frage ist die Beichte ein herausforderndes, vielleicht eines der persönlich schwierigsten Sakramente. Schwierig, weil sie eine radikale Ehrlichkeit zu sich selbst voraussetzt: die Anerkennung der Tatsache, dass ich gefehlt habe in meiner Beziehung zu den Mitmenschen und zu Gott. Diese radikale Selbsterkenntnis ist meistens schmerzlich. Die Versuchung ist gegeben, das Gewissen zu übertönen, die Sünde zu rechtfertigen und damit der Selbsterkenntnis auszuweichen. Doch, wie in jeder Beziehung, ist ohne Selbsterkenntnis auch eine Vertiefung des Verhältnisses von Gott und Mensch nicht möglich. Erst wenn ich anerkenne und benenne, dass zwischen Gott und mir Dinge stehen, die unsere Beziehung behindern, kann ich diese ausräumen und ihm näherkommen. „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1 Joh 1, 8).

Erst durch die Einsicht der eigenen Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit ist es möglich, in der Christusbeziehung und damit in der Liebe und Wahrheit zu wachsen. Das offene Bekenntnis vor dem Priester und damit vor Gott selbst, denn der Priester selbst ist nur Werkzeug, zwingt geradezu zur Aufrichtigkeit. Der Vorwurf, die Beichte sei der Raum, in welchem dem Menschen seine Sündhaftigkeit eingeredet werde, damit er nicht aufbegehre, geht an der heutigen Realität vorbei. Ein Mensch, der sich selbst realistisch sieht, wird dazu befähigt, auch dem anderen mit weniger Hochmut und Stolz zu begegnen. Die Beichte fördert also die Beziehungsfähigkeit.

So schmerzlich auch die Selbsterkenntnis sein kann, umso größer ist das Geschenk, das Gott uns in der Beichte macht. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn bringt es auf den Punkt. Auch wenn wir uns verirren, so wartet doch der barmherzige Vater mit geöffneten Armen auf uns. Gott verweigert bei einem ehrlichen und offenen Eingeständnis niemals die Vergebung. Wir können unser Ziel, gut zu sein, und damit die Heiligkeit, wieder fokussierter ins Auge fassen. Gott reißt alle trennenden Grenzen nieder und ermöglicht immer wieder einen neuen, von allem Ballast freien Anfang. Gerade auch als Priester und Bischof lebe ich aus dem Empfang dieses Sakramentes.

Zum Schluss möchte ich einen ganz und gar unverfänglichen Zeugen für die Beichte heranziehen: Mahatma Gandhi. In seiner Autobiographie schildert er den Moment, als er in jugendlichem Alter seinem Vater beichtete, dass er etwas gestohlen hat. Wider alle Erwartung reagierte der Vater nicht ungehalten, sondern weinte und verzieh seinem Sohn. Im Rückblick schloss Gandhi daraus: „Ein offenes Bekenntnis, verbunden mit dem Gelöbnis, die Sünde nie wieder zu begehen, und abgelegt vor einem, der ein Anrecht darauf hat, es zu empfangen, ist die reinste Form der Reue. Ich weiß, dass meine Beichte meinen Vater völlig über mich beruhigte und seine Liebe zu mir unendlich erhöhte.“ Umso tiefer wird die Freude des himmlischen Vaters sein, wenn wir uns in seine barmherzigen Arme begeben.

 

Rückblick