Vom Mythos zur Marseillaise

Inspirierendes Bild für die innere Befindlichkeit des Menschen: Martin Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Von Barbara Stühlmeyer

Lieder gezielt zur Verkündigung spezifischer Glaubensinhalte zu nutzen, ist eine bereits aus der Spätantike überlieferte und das ganze Mittelalter hindurch praktizierte Methode. Schon Ambrosius von Mailand sorgte während einer Kirchenbesetzung mit dem Gesang von Hymnen für die nötige Durchsetzungskraft seiner Anhängerinnen und Anhänger und Ephräm der Syrer setzte Mädchenchöre im Gottesdienst ein, die eingängige Melodien mit neuen, rechtgläubigen Texten versahen. Es ist also nicht verwunderlich, dass auch die Reformatoren und die Vertreter der Gegenreformation zur Feder griffen, um mit Texten und eingängigen Melodien dafür zu sorgen, dass ihre Ideen auf dem schnellsten Weg in die Köpfe und Herzen der Menschen gelangten.

Von Martin Luther sind 43 Lieder bekannt. 37 davon sind Kirchenlieder. Bis auf fünf sind alle Kirchenlieder Umdichtungen, beispielsweise von Psalmtexten. Die Texte und Melodien entstanden aus der Notwendigkeit, die reformatorischen Gottesdienste mit neuen Liedern zu versorgen und der Not, dass zu wenige sich dieser Aufgabe annahmen. 1523 begann Luther die Reform des Gottesdienstes. Ein wesentlicher Aspekt dabei war die aktive Mitgestaltung des Gottesdienstes durch die Gemeinde. Dies erreichte Luther durch die gegenüber dem katholischen Gottesdienst verstärkte Einbeziehung des deutschen Kirchenliedes. Um das Repertoire an geeigneten Liedern zu erweitern, warb Luther mit einer Briefaktion an verschiedene Komponisten und Dichter um Mitarbeit und bat sie, vor allem Psalmen in Liedtexte umzuarbeiten.

Die Reformation brachte eine Fülle dichterischer und kompositorischer Begabungen ans Licht, so zum Beispiel Luthers Zeitgenossin Elisabeth Cruziger, deren Lied „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ den Weg bis ins aktuelle evangelische Gesangbuch geschafft hat oder Johann Walter (1496–1570), dessen Lied „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ den enormen Umfang von 26 Strophen hatte, von denen im evangelischen Gesangbuch heute noch sieben überliefert sind.

Die 14. Strophe des Originals liefert uns interessante Informationen über die Possen der Mode zur Reformationszeit. Dort heißt es: „Wer jetzt nicht Pluderhosen hat, die schier zur Erde hangen, mit Zotten wie des Teufels wat (=Bekleidung), der kann nicht höflich (=bei Hofe) prangen. Es ist solchs so ein schnöde Tracht. Der Teufel hats gewiß erdacht, wird selbst sein also gangen.“ Auch die Übersetzung traditioneller Hymnen war, ebenso wie heute wieder im Vorfeld der Erstellung des neuen Gotteslobes, gefragt.

Im katholischen Gesangbuch Gotteslob finden wir beispielsweise die Übertragung des Vesperhymnus „Conditor alme siderum“ in „Gott, heilger Schöpfer aller Stern“ von Thomas Müntzer (1523). Bereits ein Jahr vorher hatte Luther selbst den 130. Psalm zu dem Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ umgearbeitet. Text und Musik stammen in diesem Lied beide von Luther. Interessanterweise überliefert das evangelische Gesangbuch zu diesem Lied neben der Melodie Luthers noch eine zweite von 1524 von Wolfgang Dachstein. Luther schuf Lieder zu allen Kategorien des Gesangbuches. Die einzige Ausnahme ist die Passionszeit. Seiner Theologie gemäß hat er die Passion von Ostern her gesehen. Im Gegensatz etwa zu den Dichtungen Paul Gerhards (1618–1680) sind Luther Lieder mit ihrem dreistrophigen Aufbau relativ kurz. Im Laufe der Zeit sind daher viele seiner Lieder erweitert worden.

Martin Luthers noch 1529 entstandenes Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ steht am Ende der Epoche des Burgenbaus. Es wurde in einer von beeindruckenden Repräsentationsbauten aller Art geprägten Landschaft zum Bekenntnislied der reformatorischen Kirchen. Als Auslegung des 46. Psalms greift es sehr geschickt auf das traditionelle Gesangbuch des Alten Testamentes, die Psalmen, zurück und verbindet die deutschsprachige Version und Deutung mit dem allgegenwärtigen Bild der Burgen. Indem dieses trendige Motiv mit Gott identifiziert wird, suggeriert das Lied der Gemeinde das Gefühl eines umfassenden Schutzes und stellt ihr zugleich den Sieg in der Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen vor Augen. Erstmals wohl im Wittenberger Gesangbuch gedruckt, erschien es in einer Zeitspanne, in der sein Autor von der durch den Reichstag zu Speyer verhängten Reichsacht bedroht war. Die ursprünglich vier Strophen wurden im Laufe der Zeit erweitert. Durch die Aufnahme des Liedes in die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ wurde es über den kirchlichen Raum hinaus zum Volkslied. Ebenso wie die Burgen selbst übte auch das Lied von Gott als bergendem Schutz der Menschen eine starke Faszination aus. Heinrich Heine bezeichnete es 1834 in seiner Schrift zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland als Marseillaise der Reformation. Zahlreiche Neutextierungen passten das Lied an die wechselnden Zeitumstände und Einsatzfelder an. Im deutsch-französischen Krieg von 1870 klang die erste Strophe so: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Und ob ein Heer von Teufeln droht, weiß er doch Sieg zu schaffen. O Herr, zur frischen That gieb du uns selber Rath. Erfülle uns mit Muth, daß wir für Ehr und Gut siegreich im Felde streiten.“

Die Burg mit der Eucharistie in Verbindung gebracht

Die Sozialdemokraten texteten hingegen um die Jahrhundertwende eine Variante, in der sie ihre Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte verbreiteten, während Berthold Brecht das Lied nutzte, um Hitler mit den Worten „Ein' große Hilf war uns sein Maul/ Ein' gute Wehr und Waffen./ Er nannt den Feind und war nicht faul/ Ihn uns vom Hals zu schaffen./ Der Feind stand im Land/ Kommune war genannt!/ Vernunft und viel List/ sein grausam Rüstzeug ist./ Dagegen ist kein leicht Reden“ zu verspotten. Die kompositorische Verarbeitung des Liedes reicht von der gleichnamigen Kantate Johann Sebastian Bachs, sein Orgelwerk BWV 720, die 180 zur 300-Jahrfeier der Augsburger Konfession komponierte Reformationssymphonie Felix Mendelssohn Bartholdys, Otto Nicolais Kirchliche Festouvertüre und deren Bearbeitung als Orgelwerk von Franz Liszt oder Max Regers Choralfantasie bis zum Zitat des Liedes als Leitmotiv in Giacomo Meyerbeers Oper „Die Hugenotten“.

Die Burg war auch nach der Entstehung des Liedes von Martin Luther ein inspirierendes Bild für die innere Befindlichkeit des Menschen. Deshalb findet es sich auch in einem der Werke einer spanischen Karmelitin. Teresa von Avila war eine lebhafte und fantasiebegabte junge Frau. Stundenlang konnte sie in der Welt der Ritterromane versinken. Deshalb ist es kein Wunder, dass ihr, als sie auf Weisung ihrer Oberen im Jahr 1577 eine Gebetsschule für Nonnen schrieb, das Bild der inneren Burg einfiel. Es war ein pastoralpsychologisch durchdachtes Konzept von großer spiritueller Tiefe.

Eine gänzlich andere Verarbeitung des Burgmotivs zeigt sich in der mittelalterlichen Gralsliteratur und im Rosenroman. In den Geschichten um Parzival, Arthur und den geheimnisvollen Gralskönig Amfortas ist sie Rückzugsort des kranken Königs, Startplatz der Suchenden und Ziel, an das die umherziehenden Ritter den Gral bringen sollen. Die Burg wird als Heiligungsort zugleich mit der Eucharistie assoziiert. Im Rosenroman wird sie dagegen zu einer Allegorie für die ideale Frau, die es zu erobern gilt. Hier sind Strategie und Taktik gefragt, um die scheinbar unüberwindliche Verteidigung mit den Mitteln der Minne zu besiegen und die Liebe der spröden Schönen zu gewinnen. Während es beim Rosenroman bei der Allegorie blieb, wird über den wahren Standort der nur für Menschen mit reinem Herzen sichtbaren Gralsburg bis heute gestritten. Vielversprechende Anwärter sind Glastonbury, Winchester Castle, St. Michaels Mount, die Katharer-Festung Montségur, Burg Wildenberg im Odenwald und St. Juan de la Pena in den spanischen Pyrenäen. Martin Luther, der sich wie viele Reformatoren engagiert an den Spekulationen um den wahren Ort der Varusschlacht beteiligte, hätte diese Debatte wohl auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt mit den Worten: Ein feste Burg ist unser Gott.

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