Facetten von Buße und Versöhnung

Von Grundhaltungen, die einen neuen oder vertieften Zugang zum Beichtsakrament eröffnen können. Von Bischof Manfred Scheuer

Bischof Manfred Scheuer. Foto: IN

Warum soll man heutzutage noch beichten gehen? Von der „Krise des Beichtsakraments“ ist vielfach zu lesen, Schwierigkeiten mit dem Sakrament kommen selbst regelmäßigen Kirchgängern oft schneller von den Lippen als wertschätzende Worte. Wichtig scheint es mir, Grundhaltungen aufzuzeigen, die einen neuen oder vertieften Zugang zum Beichtsakrament eröffnen können.

Buße als Prozess

Wir sind Gottes gelungene Schöpfung. Gott sah, dass es sehr gut war. Wir sind nicht Gottes Pfuschwerk. Wenn wir depressiv von vorneherein sagen: „Bei mir ist ohnehin alles verpfuscht, Gutes ist bei mir nicht zu finden“, so wäre das eine Unaufmerksamkeit gegenüber der schöpferischen Freundschaft Gottes und eine lieblose Verleugnung und Abwehr aller Zuneigung von Menschen. Bei der Buße geht es zuerst um Einübung in das gute Sehen, um Einübung in die Dankbarkeit. Es geht um die Wertschätzung und Dankbarkeit für die persönliche Eigenart. Ich bin beim Namen gerufen und ich darf mein Leben als Kunstwerk betrachten. Buße stellt das eigene Leben unter das „Ja“ Gottes. Sie ist geprägt von dankbarer und liebender Aufmerksamkeit. Sie verkostet die Freundschaft, sie kommt aus der Annahme: „Gott meint es gut mit mir.“

„Ich bin ein Sünder“ (1 Joh 3). Bei der Sünde ist es meistens nicht so, dass ich mich gleich bewusst und frei in einer schweren Materie vergehe. Sünde ist eher eine innere Kraft, die in kleinen Schritten langsam aber sicher voranschreitet, sie ist eine Tendenz, die meint: Einmal ist keinmal. Und doch geht sie mit einer Logik ihren Weg der Zerstörung. Sie ist eine Neigung, die sich anziehend und beschwichtigend einschleicht. So nach und nach schleicht sich eine Minderwertigkeit des Lebens ein, so nach und nach geht die Freude verloren, so nach und nach gehen Freundschaften in die Brüche, so nach und nach wird Gott gleichgültig. Langsam wird alles eine halbherzige Sache.

Sünde zersetzt das eigene Leben, die Selbstannahme; Sünde zerstört das Leben zwischen den Menschen, sie zerstört Gemeinschaft; und schließlich zerstört Sünde die Glaubensentscheidung für Gott. Als Spiegel kann uns die Betrachtung der Passion Jesu dienen: Die verschiedenen Typen (Petrus, Judas, religiöse Eiferer, Pilatus, Soldaten) stecken auch in uns. Das Kreuz ist Wahrheit, es ist Licht und Gericht unseres Lebens. Es schenkt Verzeihung und vorbehaltlose Annahme. Wenn wir die eigenen Möglichkeiten verwirkt haben, ist Gott nicht am Ende. Wenn unser Herz uns anklagt, so ist Gott größer als unser Herz. Das Kreuz sprengt die eigene Ausweglosigkeit, die Aporie des Lebens. Sünde wäre es, im Kreuz nicht das Licht, nicht die Tür, nicht die Verzeihung zu sehen.

Ich kann mich selber von außen her betrachten und objektiv und kühl feststellen: „Ich bin ein Sünder.“ Ich kann aber auch auf der einen Seite verkosten, wie schön die Liebe Gottes ist und im Kontrast dazu die eigene normale spießbürgerliche Gleichgültigkeit, die Kälte, das Schlamassel anschauen. Es geht um ein „Zu-Ende-Fühlen“ von Haltungen und Verhaltensweisen.

Reue ist das Verkosten der Freude an Gott und das schmerzliche Erkennen des Kontrastes dazu in meiner Sünde. Dann ist es wichtig, sich davon innerlich zu distanzieren und Abschied zu nehmen. Es gibt durchaus auch ein Verliebtsein in manches Fehlverhalten, in die eigene Traurigkeit.

Buße als Verhaltensänderung

Nicht alles kann auf einmal geschehen. Ein konkreter Punkt, das Hauptproblem, der Hauptfehler soll aufgegriffen werden und konsequent Abend für Abend beobachtet und überprüft werden. Dadurch kann eine Art innerer Mechanismus entstehen, der uns warnt, wenn der Fehler zum Durchbruch kommt. Wie ein Fehler lange eingewöhnt worden ist, so braucht auch die Entwöhnung lange Zeit. Geduld, auch mit uns selbst, ist gefragt; Ärger ist keine geistliche Tugend. Hilfreich für Bewusstwerdung und Veränderung kann das Gespräch sein. Das Vorbild von guten Menschen wird für viele zum Antrieb. Umkehr ist Geschenk, nicht eigene Leistung. Sie vollzieht sich auch und gerade im Gebet.

Die eigene Wahrhaftigkeit, das Erkennen, das Bekennen, die innere Distanzierung werden verstärkt im Niederschreiben der eigenen Heils- und Unheilsgeschichte und auch in der sprachlichen Konkretisierung in der Beichte. Es ist ein Unterschied, ob ich die Zeit stillschweigend die Wunden heilen lasse oder ob ich ausdrücklich sage: „Es tut mir leid, bitte verzeih mir!“ Wenn mir die Vergebung ausdrücklich auf den Kopf zugesagt wird, ist das etwas anderes, als wenn ich mit mir irgendwie ins Reine komme.

Buße als Freude und Fest

Es lohnt sich, die Geschichte vom Verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium zu lesen (Lk 15), um sich die vielen Facetten von Buße und Versöhnung vor Augen zu führen: Es geht um ein Familien- und Generationenproblem, das Genussleben mit dem Ende vor dem Schweinetrog, die Erinnerung an ein gutes Vaterhaus, eine lange Gewissenserforschung, das liebevolle Warten des Vaters, das Bekenntnis der Sünde und die Bitte um eine neue Lebensmöglichkeit, die festliche Versöhnung, der mühsame Verbrüderungsversuch mit dem älteren Sohn und schließlich die Aufgipfelung der ganzen Geschichte in dem Wort: „Jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern, denn dein Bruder war tot und lebt wieder“ (Lk 15,32).

In diesem Schlusssatz wird uns schon eine grundlegende Antwort auf die Frage „Warum beichten?“ nahegelegt: „Ich beichte, weil Gott, der barmherzige Vater, durch Jesus mich einlädt zur Gemeinschaft mit ihm und zum Spiel der Freude. Und weil ich dabei sein und mir und dem Himmel unbändige Freude verschaffen will!“

 

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